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Berlinale-Wettbewerb

Dieses Verlangen nach dem Bösen

Von Simon Strauß
Aktualisiert am 27.02.2020
 - 13:36
„Berlin Alexanderplatz“
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Berlinale-Filmkritik
„Berlin Alexanderplatz“

Der Mensch ist kein hässliches Tier: „Dau. Natasha“ will auf der Berlinale radikal sein, ist aber zynisch und würdelos. Welket Bungué indes trägt eine Neuverfilmung von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ über manche Schwächen.

So, da haben wir nun also den Skandalsalat: Ein Film, der sowohl von feministischen Aktivistinnen wie auch dem Putin-treuen russischen Kulturministerium abgelehnt wird, dem die Zensoren in Moskau „Propagierung von Pornographie“ vorwerfen und dem bei uns schwere Missbrauchsvorwürfe gemacht werden. Man sieht darin, wie einer Frau von einem stiernackigen KGB-Mann in einer Gefängniszelle die Kleider vom Leib gerissen werden, wie sie brutal geohrfeigt wird, sich splitternackt auf einen Schemel setzen und dann unter Androhung von Gewalt eine leere Cognacflasche in ihre Vagina einführen muss.

Fünf Sekunden lang zeigt die Kamera das in widerwärtiger Gelassenheit, führt vor, wie die Gequälte die Flasche unter den lüsternen Augen des Schergen langsam vor und zurück schiebt. Auf seinen Befehl hin hatte sie zunächst instinktiv gerufen: „Das werde ich nicht tun!“, und damit beim Zuschauer für einen Moment die Hoffnung aufkommen lassen, dass sie aus ihrer Rolle fallen könnte, sich der Anweisung widersetzen, das Experiment, als dessen Teil sie sich hier präsentiert, selbstbewusst abbrechen würde. Stattdessen macht sie uns zu dumpfen Zeugen ihrer brutalen Folterung. Was soll das? Meint hier jemand uns vorführen zu müssen, dass uns Bilder nicht mehr erschrecken? Dass wir, vom vernetzten Wegschauen völlig verdorben, alles hinnehmen?

Nein, tun wir nicht! Das, was der russische Filmemacher Ilya Khrzhanovsky und die gleichberechtigt als Verantwortliche genannte Maskenbildnerin Jekaterina Oertel uns hier als radikale Kunst präsentieren, ist nicht einfach pornographisch, sondern zynisch und würdelos. Denn es handelt sich bei „Dau. Natasha“ nicht um Fiktion, nicht um einen effektvoll gestalteten Spielfilm, sondern um eine Wirklichkeits-Doku mit improvisierenden Laiendarstellern. Ein live gefilmtes Langzeitmenschenexperiment im ukrainischen Charkiw, wo Khrzhanovsky mit dem Geld eines zwielichtigen russischen Oligarchen das totalitär geführte Institut des sowjetischen Physikers Lew Landau in einem alten Schwimmbad nachbauen und zwischen 2009 und 2011 von ungefähr vierhundert Menschen bevölkern ließ, die sich vorab damit einverstanden erklärt hatten, in „Big Brother“-Manier ohne festes Drehbuch nur mit groben Charakterprofilen rund um die Uhr vom Fassbinder-Kameramann Jürgen Jürges gefilmt zu werden.

Latente Aggression oder plumpe Exzesssucht

Die Menschen, die sich uns hier in antiillusionärer Schutzlosigkeit zeigen, sind keine Schauspieler, sondern ausgestellte Alltagstypen in einer historisch hyperkorrekten Umgebung der dreißiger Jahre. Natasha, die gequälte Kantinenkellnerin in jenem aus über siebenhundert Stunden Drehmaterial ausgekoppelten Film, der im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale läuft, ist offensichtlich eine filmisch unerfahrene Frau, die zufällig auf dem Markt von Charkiw gecastet wurde. Ihr Misshandler war auch im wirklichen Leben ein KGB-Mann, der in sibirischen Lagern gearbeitet und ein Gefängnis geleitet hat. Seine Foltermethoden sind also echt und dürfen hier live und unter optimalen Lichtverhältnissen angewandt werden. Es geht ja um den Sog des Authentischen, des realistisch Abgründigen.

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„DAU. Natasha“

Der „Dau“-Film hat auch deshalb ein solches Provokationspotential, weil er die düsterste Kehrseite unseres Zuschauerbewusstseins berührt: Jenes voyeuristische Verlangen nach der rohen, akuten Wirklichkeit, wie es sich beispielsweise auch in einem brutalen Boxkampf oder einem Amateur-Porno befriedigt findet. Macht, Sex und Gewalt sind die zentralen Triebfelder dieser (wohl vornehmlich männlichen) Sehnsucht. Und genau auf denen tobt Khrzhanovsky sich in seinem megalomanen „Immersions“-Projekt aus. Es gibt wenige Einstellungen, die nicht von latenter Aggression oder plumper Exzesssucht definiert sind, es wird gesoffen und geflucht, gestritten, geschlagen und gevögelt. Die Kamera verfolgt das Gewirr der Dialoge und Vorgänge mit sehr wenigen Schnitten, begleitet eine Gruppe von Physikern in einen Laborraum, ist bei den betrunkenen Kellnerinnen in der Kantine, schaut zu beim explizit einvernehmlichen, aber nicht weniger unansehnlichen Sex zwischen Natasha und einem französischen Physiker, hält drauf, wenn einem nackten Mädchen in der Badewanne immer wieder Wasser ins Gesicht geschaufelt wird, und steht eben auch bei der Flaschenszene kommentarlos daneben.

Hochgradig gefährdet und gefährlich

Das in seinem Installationsgewand im vorletzten Jahr in Berlin gescheiterte „Dau“-Projekt läuft unter der Überschrift „Zurschaustellung totalitärer Gewaltherrschaft“. Aber so sehr die historische Korrektheit der Kulissen und der Atmosphäre faszinieren will, bleibt von der 145 minütigen Schlüssellochschau nichts als eine widerwärtige Grenzüberschreitung in Erinnerung. Bilder, die krampfhaft vorgeben, keine Ethik zu kennen, stoßen das Auge bloß ab. Ihre Spannungsbögen halten nicht: Nur weil etwas tatsächlich geschieht, ist es noch lange keine Kunst.

Aus Macht, Sex und Gewalt ist auch ein Charakter gemacht, den Alfred Döblin für seinen 1929 erschienen Roman „Berlin Alexanderplatz“ erfunden hat: Reinhold heißt er und ist Chef einer Ganovenbande. Seine kränkliche körperliche Konstitution spiegelt sein verrottetes Inneres, das von Kindheit an gestörte Triebe produziert. Er ist süchtig nach Frauen, aber kaum hat er sie, kann er sie nicht mehr ertragen. Gewalt ist für ihn Seelennahrung, Hass und Liebe sind ununterscheidbar. Ein psychotischer Charakter, hochgradig gefährdet und gefährlich.

Das brennt sich ein

In Burhan Qurbanis neuer Verfilmung von Döblins Klassiker, die das Geschehen ins Berlin der Gegenwart verlegt, wird Reinhold vom überragenden Albrecht Schuch gespielt. Mit Schnurrbart, Käppi und gesenktem Blick begegnet er uns zum ersten Mal im Fahrstuhl einer Flüchtlingsunterkunft. Die Faust hat er sich in verunglückter Feldherrenmanier in die Seite geschoben, als ob er so den Oberkörper zum Aufrichten zwingen wolle; um seinen Mund läuft ein Zucken, und wenn er mit Fistelstimme anhebt zu sprechen, stellen sich einem die Nackenhaare auf. Ein perfider Psycho ist das, Wiedergänger von Kevin Spaceys Serienmörder aus David Finchers „Seven“, befallen von düstersten Mächten. Ihm läuft Francis (Welket Bungué) aus Bissau zu, ein Immigrant mit treuen Augen, der es übers Mittelmeer geschafft hat und in Berlin gestrandet ist. Er wird Reinholds Assistent, hält ihm die Frauen vom Leib, kocht Kaffee mit Zitronensaft und übernimmt die Organisation des Drogenverkauf in der Hasenheide. Francis wird zu Franz umgetauft und steigt schnell auf in der Gunsthierarchie. Bis Reinhold, getrieben von purem Sadismus, seinen Schützling nach einem Raubüberfall bei voller Fahrt aus dem Auto wirft. Schwer verletzt findet Francis Zuflucht bei der Nobelprostituierten Mieze (Jella Haase), die ihn mit ihrer Liebe heilen will, dann aber kehrt er zurück zu seinem teuflischen Gebieter. Dieser, wie um seine wahre Monstrosität zu beweisen, erwürgt die Nebenbuhlerin, die hier auch noch schwanger ist.

Qurbanis Verfilmung folgt Döblins Vorlage in deutlich erkennbaren, wenn auch frei interpretierten Ansätzen, die Namen und Handlungslinien sind übernommen beziehungsweise als Transformationen erkennbar, die Geschichte ist zeitgemäß aktualisiert: der berlinernde Lohnarbeiter Franz tritt uns als brüchig Deutsch sprechender Flüchtling entgegen, der „in einer bösen Welt gut sein will“ und daran zerbricht. Aus ursprünglich neun Teilen hat der Regisseur fünf gemacht – und doch ist der Film mit seinen 183 Minuten zu lang. Vor allem zum Ende hin, wenn er versucht, eine visuelle Entsprechung für Döblins Montagetechnik und die Polyphonie der Erzählstimmen zu finden, wird seine Bildsprache zum Kunstgewerbe.

Was trotzdem durch die aufwendig gedrehte moderne Odyssee trägt, ist das Spiel von Welket Bungué, der neben allem tragischen Heldentum auch die Sehnsucht verkörpert, dazuzugehören und seinen persönlichen „deutschen Traum“ zu erfüllen. Wie ein Magnet wird er von seinem psychotischen Gegenüber Reinhold angezogen, ihm gehorcht er, ihm will er gefallen. Einmal einen Pakt geschlossen, kommt man vom Teufel nicht wieder los. Muss für immer nach seinem Glaubensbekenntnis beten: „Der Mensch ist ein hässliches Tier, der Feind aller Feinde, das widrigste Geschöpf, das es auf der Erde gibt.“ Aber in solcher Düsternis hält es der botschaftssüchtige junge deutsche Film offenbar doch nicht aus. Am Ende geht völlig unerwartet eine Sonne auf wie aus dem Otto-Katalog: Ein Kinderlachen vor den Tegeler Gefängnistoren, und schon ist alles Böse vertrieben. Dieser falsche Hoffnungsschimmer kann das Folterbild aus dem „Dau“-Film jedoch nicht vertreiben. Das bleibt und brennt sich ein ins Bewusstsein als zynisches Brandmal dieser Berlinale.

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„Berlin Alexanderplatz“
Regisseur und Darsteller zu Tränen gerührt

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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