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Favorit für den Goldenen Bären

Verloren in New York und Rom

Von Andreas Kilb
Aktualisiert am 28.02.2020
 - 14:26
Eine Abtreibung mit siebzehn: Sidney Flanigan als Autumn in Eliza Hittmans Film „Never Rarely Sometimes Always“
Zwei Mädchen aus der amerikanischen Provinz, böse Kinder aus Italien und Javier Bardem als alter weißer Mann: Am achten Tag trennen sich im Berlinale-Wettbewerb Favoriten und Flops.

Manchmal braucht ein Film ein paar Tage, um im Gedächtnis des Zuschauers seine endgültige Form oder, besonders auf einem Festival, unter anderen Filmen seinen Platz zu finden. Erst dann wird deutlich, wohin er wirklich gehört – unter die Eindrücke, die man so rasch vergisst wie die Gesichter auf einer Party, oder unter die Begegnungen, die bleiben. Eliza Hittmans „Never Rarely Sometimes Always“, der vor ein paar Tagen im Wettbewerb der Berlinale lief, ist so ein Film. Inzwischen ist klar, dass er der bislang mit Abstand beste Beitrag im Hauptprogramm war, der Film, der den Goldenen Bären am ehesten verdient hätte.

Zwei Teenager in New York. Sie sind aus Pennsylvania hierher gefahren, damit Autumn, die erst siebzehn ist und in ihrem Heimatstaat die Einwilligung ihrer Eltern braucht, ihr Baby abtreiben kann. Skylar, ihre Cousine, begleitet sie. Die beiden kommen früh mit dem Bus, am Abend soll alles vorbei sein, aber dann stellt sich heraus, dass Autumn schon im fünften Monat ist. Sie müssen übernachten, ohne Geld, ohne Bekannte, und dann noch einmal, inklusive Aufnahme, Beratung und Medikation. Das Geld für die Rückfahrt ist aufgebraucht, deshalb rufen sie einen Jungen an, der auf dem Hinweg mit ihnen im Bus gesessen hat, lassen sich von ihm zum Karaoke und zum Kegeln einladen, und Skylar, der er schöne Augen macht, gibt seinem Drängen ein Stück weit nach. Aber während sie ihn küsst, klammert sie sich mit einem Finger an Autumn fest. Und irgendwann ist die zweite Nacht vorbei.

Freiheit und Verlorenheit in einem

New York, die Stadt, die so viel Licht für so viele hat, ist ein dunkler Ort in diesem Film, und darin liegt einer der Gründe für seine erzählerische Kraft. Man spürt, wie unfassbar traurig diese erste Begegnung mit dem Big Apple für die beiden Mädchen ist, wie sie ihr Leben überschatten wird – und wie sie ihnen zugleich das Tor in eine Welt öffnet, deren Verheißungen auch für sie gelten, zwei Schülerinnen aus der Provinz, die ihr Taschengeld an der Supermarktkasse verdienen und deren Väter im Stahlwerk arbeiten. New York ist die Freiheit und die Verlorenheit in einem, die Hilfe in der Not und die Bitterkeit der Erkenntnis. Und Sidney Flanigan und Talia Ryder, zwei Schauspielerinnen, von denen man hierzulande noch nichts gehört hat, spielen diese Erfahrung mit einer Hingabe, die man einzigartig nennen müsste, wenn sie im Kino nicht immer wieder vorkäme, und immer dort, wo ein Film etwas zeigt, was noch niemand gezeigt hat.

„Never Rarely Sometimes Always“, also „nie, selten, manchmal, immer“, so lautet die Auswahl der Antworten, die Autumn auf die Fragen geben soll, die ihr die Abtreibungsberaterin stellt: Hat Ihr Sexualpartner Sie geschlagen? Sind Sie zum Sex gezwungen worden? Während Autumn über die Fragen nachdenkt, sieht man, wie das Erlebte aus ihrer Erinnerung aufsteigt und wie sie innerlich zusammenbricht. Die letzte Antwort ist fast unhörbar, aber sie hallt noch lange nach. Es ist eine große Szene in einem großen Film, und es müsste schon einiges aus dem Lot geraten, damit Eliza Hittmans zweite Regiearbeit die Berlinale ohne einen Preis verließe.

Bilder, die wie Atemzüge sind

Vielleicht erwärmt sich die Jury unter Jeremy Irons aber auch für „Rizi“ („Tage“), den elften Spielfilm des Taiwanesen Tsai Ming-liang. Das Prinzip der Reduktion, dem Tsai seit dreißig Jahren huldigt, treibt er hier auf die Spitze, denn „Rizi“ kommt völlig ohne Dialoge aus. Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, leben in einer asiatischen Metropole vor sich hin, der eine kocht liebe- und mühevoll sein eigenes Essen, der andere lässt sich, offenbar gegen ein Rückenleiden, mit Akupunktur behandeln. Dann treffen sich die beiden, und der jüngere gibt dem älteren eine Ganzkörpermassage mit Masturbation.

Anschließend sitzen sie in einem Imbiss, man sieht, wie ihre Münder sich bewegen, aber die Kamera steht dreißig Meter entfernt. Dass der jüngere Mann vom Land kommt und die Stadt, in der die Geschichte spielt, Bangkok ist, muss man im Presseheft nachlesen, denn man sieht es nicht, so wie vieles, was in „Rizi“ passiert, undurchsichtig bleibt. Trotzdem tut es gut, zwei wortlose Stunden im Kino zu verbringen, mit Bildern, die wie Atemzüge sind, gleichmäßig, ruhig und tief.

Am achten Tag des Wettbewerbs bekommen manche Filme, die man für Unikate hielt, unverhofft einen Zwilling. So kehrt die Vorstadtwelt der französischen Farce „Effaçer l’historique“ in dem italienischen Beitrag „Favolacce“ wieder, nur dass die Regisseure Fabio und Damiano d’Innocenzo ihre Geschichte als finsteres römisches Sittenbild mit Bomben bastelnden Kindern und Pornos glotzenden Vätern angelegt haben, in dem die Zerstörung eines aufblasbaren Swimmingpools den einzigen Augenblick von Heiterkeit darstellt. Und auch Abel Ferraras selbstgefällige Altersbeichte „Siberia“, die schon am Montag Premiere hatte, findet in Sally Potters „The Roads Not Taken“ ihr Pendant.

Bei Ferrara begegnet Willem Dafoe als Double des Regisseurs in sibirischer Waldeinsamkeit den Geistern seines Vaters und seiner verflossenen Geliebten sowie einem Bären und einem sprechenden Fisch. Bei Potter spielt Javier Bardem einen in die Demenz abgleitenden Dichter, der sich in Begleitung seiner Tochter (Elle Fanning) an die Wendepunkte seines Lebens erinnert. Das Moment von Distanz, das in dieser Konstruktion liegt, sichert Potter einen dramaturgischen Vorsprung, denn sie kann sich auf die Logik der Geschichte konzentrieren, statt wie Ferrara den eigenen Bauchnabel zu umkreisen. So kommt es, dass uns Javier Bardem noch einmal, vielleicht zum letzten Mal, für die ewige Tragödie des alternden weißen Mannes interessieren kann. Bardem hat im Leben genügend Darstellerpreise gewonnen, um noch nach einem Silbernen Bären greifen zu müssen. Aber vielleicht fällt er ihm ja dennoch zu.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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