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Filme im Berlinale-Wettbewerb

Das ideologische Ich überwinden

Von Simon Strauß
Aktualisiert am 22.02.2020
 - 12:26
Sein physisch kompromissloses Spiel verfolgt man atemlos: Elio Germano in Giorgio Dirittis „Volevo nascondermi“.
Der Wettbewerb der Berlinale beginnt mit einer leidenschaftlichen Verfilmung des Lebens von Antonio Ligabue. Und einem keuschen Psychothrillerchen.

Ein Auge. Starr und still. Nicht eigentlich ängstlich, sondern gebannt von Erstaunen. Von Zweifel über das, was es gesehen hat. Den Bildern, die durch seine Pupille eingedrungen sind, hängt das Auge nach, es kann nicht zwinkern und vergessen, es muss ständig weiter schauen und will doch eigentlich erst noch ordnen. Das Auge kommt nicht nach, jeder Blick ist im Grunde gescheiterte Abwehr eines neuen Eindrucks. Das Auge gehört einem Künstler mit gebrochenem Bewusstsein.

Als Sohn einer italienischen Auswanderin, der nach ihrem Tod kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs von einem Schweizer Ehepaar adoptiert wird, zeigt er schon als Kind Zeichen schwerer körperlicher und seelischer Leiden. In der Schule wird er vom Lehrer und seinen Mitschülern misshandelt, in einen Sack gesteckt und angehustet. Für immer wird ihm dieser grausam keuchende Ton im Ohr bleiben und mit ihm die Demütigung, die er von seinen Mitmenschen erfuhr. Auf die verweigerte Zuneigung antwortet er mit unkontrollierten Gefühlsausbrüchen, die Ziehmutter redet ihm einen „Teufel im Kopf“ ein, also schlägt er sich die Schläfe an immer der gleichen Stelle auf: „Wenn das Blut fließt, fließt auch das Böse heraus.“ Man schickt ihn ins Waisenhaus und in die psychiatrische Anstalt, später wird er nach Italien ausgewiesen, in die Po-Ebene, wo er jahrelang wie ein Aussätziger in einer Waldhütte lebt, arm und verlassen, nur die Tiere sind seine Vertrauten. Mit ihnen verbündet er sich, wird nur ruhig, wenn er seine Stirn gegen den Hals eines Esels lehnt oder schnatternd inmitten einer Gänseschar steht.

Und auch später, nachdem ihn ein römischer Bildhauer als eine Art „edlen Wilden“ in sein Atelier genommen hat und in der Malerei seine Begabung entdeckt, sind es lange immer nur die Tiere, denen er Beachtung schenkt. Sie malt er in all ihren Ausdrucksnuancen – die Angst des abstoßend hässlichen Einzelgängers vor der Misshandlung durch seine Mitmenschen drückt sich aus in einem aufgerissenen Löwenmaul oder scheuenden Pferden. Erst als er erfolgreich wird, seine Bilder in Rom gezeigt werden, kommen neue Motive hinzu. Selbstporträts, Landschaften und irgendwann auch eine Frau. Der sehnsüchtige Wunsch nach einer Bindung kommt zu spät, gerade als er seine Abscheu vor dem anderen Geschlecht überwindet, erliegt er einem Schlaganfall und stirbt.

Ein unumwunden leidenschaftlicher Film

„Volevo nascondermi“ („Ich wollte mich verstecken“) ist der erste Wettbewerbsfilm auf der diesjährigen Berlinale. Mit ruhiger Intensität erzählt der italienische Regisseur Giorgio Diritti die Lebensgeschichte des Künstlers Antonio Ligabue nach. Mit dem phantastischen Elio Germano hat er dafür einen Protagonisten gefunden, dessen physisch kompromissloses Spiel man atemlos verfolgt. Sein Körper, seine Gesten, seine Sprache – alles ist durchdrungen von der Erfahrung des Ausschlusses, der Einsicht, ein Aussätziger zu sein in einer Gesellschaft, die schon den Reinheitsgeboten des aufkommenden Faschismus gehorcht.

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„Volevo nascondermi“

Ähnlich wie Michael Hanekes „Das weiße Band“ braucht auch Dirittis Film keine expliziten Verweise auf die politischen Geschehnisse, um eine Atmosphäre der Gefühlskälte zu evozieren. Seine Kamera lässt er immer wieder in langen Einstellungen über leere Plätze und wehende Felder, durch Arkadengänge und Treppenhäuser schweifen, der enge Seelenzwang wird kontrastiert mit einer großzügigen Bildsprache. Und Ligabue, der bis zuletzt gefährdet bleibt, weil er zu stark fühlt, der seine Gemälde wütend zerstört, wenn ein Betrachter sie nicht gleich kaufen will, und der voller Verzweiflung nachts um den Dorfplatz rast, wenn das kleine Nachbarsmädchen stirbt, dieser Künstler mit dem gebrochenen Bewusstsein beginnt im Verlauf des gut zweistündigen Films immer stärker zu strahlen. „Volevo nascondermi“ zeigt keinen Wilden, der durch die Kunst domestiziert wird, sondern einen Vereinzelten, der die Vergesellschafteten in seinen Bann zieht. Nicht mit Worten, sondern mit Bildern. Mit seinem Auge, mit seinem Zweifel und seiner Hast. Ein mitreißender, ein unumwunden leidenschaftlicher erster Berlinale-Film.

Alle Exorzismusversuche scheitern

Einigermaßen halbgar und nur ausnahmsweise gruselkomisch wirkt hingegen der zweite Beitrag aus Argentinien und Mexiko. „El prófugo“ („Der Eindringling“) heißt er und versucht mit einer Mischung aus kunstgewerblicher Suspense und kühlem Galgenhumor die paranoiden Gefühlszustände einer jungen Frau aus Buenos Aires vorzuführen, deren nervtötender neuer Liebhaber nach einem kleinen Urlaubsstreit aus dem Fenster sprang.

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„El prófugo“

Ihren Unterhalt verdient Inés sich mit Synchronstöhnen für asiatische Horrorfilme, in ihrer Freizeit singt sie als Sopranistin in einem Chor. Doch seit dem furchtbaren Zwischenfall zeichnen die Mikrofone im Tonstudio sonderbare Töne auf, die scheinbar direkt von ihren Stimmbändern kommen. Albtraum und Wirklichkeit mischen sich, Wahnbilder erscheinen, und unter der Bettdecke schlängelt plötzlich Ungeziefer. Alle Exorzismusversuche scheitern, bis am völlig überstürzten Ende die sogenannte Liebe auf einmal alles richtet.

Wobei Filme helfen können

Inspiriert vom Horrorroman „El mal menor“ des argentinischen Schriftstellers C. E. Feiling, hat die Regisseurin Natalia Meta versucht, einen keuschen Psychothriller zu drehen, bei dem zwar hin und wieder die Türen knarren, aber keine tiefere Spannung aufkommen mag. So viel Mühe Érica Rivas sich auch gibt, ihrer Figur einen unergründlichen Flair zu geben, so überschaubar und eben nicht einmal in Ansätzen surreal ist das, was sie an Handlung und Bildsprache umgibt.

Mit zwei Filmen von sehr unterschiedlichem Wert beginnt also diese Jubiläums-Berlinale, der die bedrückende Ungeschicklichkeit ihrer Eröffnungsgala noch in den Knochen sitzt. Da hatte der neue Moderator Samuel Finzi zu lange herumgealbert, bis endlich die Schweigeminute für Hanau kam. In seinem Vorwort zum diesjährigen Programm hat der neue künstlerische Leiter Carlo Chatrian geschrieben, dass Filme dabei helfen können, das „ideologische Ich“ zu überwinden, weil „die Bildwelt des Kinos anders als die Bildwelt der Werbung immer auf eine Gemeinschaft zielt“. Es hätte viel bedeutet, diesen Satz bei der Eröffnung zu wiederholen.

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Nach Terroranschlag
„Die Berlinale wählt den falschen Eröffnungsfilm“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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