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Forum des Jungen Films

Auf der Suche nach dem kritischen Bild

Von Bert Rebhandl
Aktualisiert am 26.02.2020
 - 16:57
Je antiker so ein Chor aussieht, desto moderner sind seine Sorgen: Große Versammlung aus „Zeus Machine“
Nicht nur das Festival Berlinale, auch dessen Internationales Forum des Jungen Films hat eine neue Leitung. Was anders werden soll.

Kann man den Bildern noch trauen? Diese Frage ist heute virulenter denn je, da sich das visuelle Zeitalter auf allen Ebenen durchgesetzt hat. In ein Filmfestival geht man dabei in der Regel mit einem Vertrauensvorschuss. Hier sollte man doch das zu sehen bekommen, was einen Zugang zur Wirklichkeit vermittelt, der durch die kuratorische Arbeit abgesichert ist. Und der in den einzelnen Sektionen unterschiedlich akzentuiert wird.

Ein Dokumentarfilm aus Israel im Forum widmet sich diesen Fragen ganz direkt: „The Viewing Booth“ von Ra’anan Alexandrowicz hat beinahe die Form eines Experiments. Der Filmemacher suchte Menschen, die sich bereit erklärten, eine Auswahl von vierzig Videos anzuschauen, die ein Bild von der Okkupation geben sollen, also von der Situation in den Gebieten, in denen Israel de facto Hoheitsrechte ausübt, obwohl sie nicht offiziell zum Staatsgebiet gehören. Alexandrowicz hatte eine „Sichtungskabine“ („viewing booth“) eingerichtet, in der er seine Probanden dabei filmte, wie sie sich durch das Videomaterial klickten, das zum Teil von Friedensaktivisten hochgeladen worden war, zum Teil aber auch von Gruppen, die sich als Unterstützer der israelischen Armee verstehen.

Sinnbild für den unendlichen Rekurs

Eine der „Versuchspersonen“ steht schließlich im Mittelpunkt des Films: Maia Levy. Eine Studentin, die sich mit dem Staat Israel stark identifiziert, das heißt auch mit den Gebietsansprüchen, für die häufig Sicherheitsaspekte zur Begründung herangezogen werden. Auf Maia Levy ist ständig eine Kamera gerichtet, während sie selbst auf einen Schirm blickt.

Diese ohnehin schon komplexe Situation wird dann noch dadurch erweitert, dass Alexandrowicz sechs Monate nach der ersten Sitzung eine weitere anberaumt, in der er Maia Levy nicht nur neuerlich die kontroversen Videos zeigt, sondern auch die Aufnahmen von ihr von der ersten Begegnung.

Im Hintergrund von „The Viewing Booth“, einem knapp siebzig Minuten langen Film, steht eine Diskussion, die das Kino begleitet, seit das Fernsehen sich mit seinem stetigen Fluss als die erste Instanz für den Wirklichkeitskontakt der meisten Menschen durchgesetzt hatte: Gibt es eine Möglichkeit, Bilder durch Bilder zu kritisieren und so etwas wie eine Hierarchie der Glaubwürdigkeit oder der Authentizität zu erarbeiten?

Alexandrowicz muss letztlich einräumen, dass er selbst diese Meta-Ebene nicht zu schaffen vermag, im Gegenteil wird sein Film mit den zahlreichen Bildschirmen, die er enthält und zeigt, zu einem Sinnbild für den unendlichen Rekurs, auf den wir verwiesen sind (auch als Medienkonsumenten oder als Berlinale-Publikum in Deutschland), wenn wir wissen wollen, was in Israel und/oder Palästina tatsächlich los ist.

Übertragungsmedium uneingelöster historischer Chancen

Mit dieser Reflexivität ist „The Viewing Booth“ ein Film, der auch zeigt, welche Funktion das Internationale Forum des Jungen Films im fünfzigsten Jahr des Bestehens und angesichts der nach einigen Tagen schon deutlicher erkennbaren Programmarbeit des neuen Künstlerischen Leiters der Berlinale, Carlo Chatrian, einnehmen kann. Auch das Forum hat, mit der früheren Filmkritikerin Cristina Nord, eine neue Leitung. Als ersten (Zwischen-)Befund kann man wohl nennen, dass das Festival mit Chatrian und Nord zumindest an manchen Punkten deutlich intellektueller ist als unter deren Vorgängern.

Ein Kollektivfilm wie „Ouvertures“ vom The Living and the Dead Ensemble lässt sich auch, wie „The Viewing Booth“, als künstlerisches Werk sehen, das zugleich die Bedingungen seiner Entstehung thematisiert: Ein Stück des karibischen Dichters und Philosophen Édouard Glissant dient als Textmaterial für eine Art kollektiver Begehung eines historischen Bezugsraums durch eine Gruppe junger Leute aus Haiti. In Deutschland weiß man vor allem durch eine Novelle von Kleist (und damit auf durchaus zwiespältige Weise), dass neben der Französischen Revolution in der Kolonie auch eine Sklavenrevolution stattfand, die aber in der Tradierung im Westen geradezu abgespalten wurde – dabei müsste sie doch integral zu jeder Revolutionsgeschichte gehören.

In „Ouvertures“ (der Titel spielt auf den wichtigsten Protagonisten an, auf den Sklavenführer Toussaint Louverture, der in einer Festung in Frankreich starb) wird das Wort der Literatur zu einem Übertragungsmedium uneingelöster historischer Chancen: Das Ensemble ergreift dieses Wort und ergreift dabei auch eine Filmgeschichte, die für das Gründungsereignis der Nation Haiti bisher weitgehend blind war.

Allgegenwart der Antike in Italien

Ein drittes Beispiel zu einer Bestimmung der Rolle des Forums im Kontext der neu aufgestellten Berlinale wäre der italienische Film „Zeus Machine. L’invincibile“ von David Zamagni und Nadia Ranocchi. Hier kommt ein reflexives Moment ins Spiel, das häufig unterschätzt wird: Witz. In zwölf Szenen widmet sich das Regieduo dem Mythos von Herakles, als dem Helden aus den Geschichten der alten Griechen, der am ehesten mit einem heutigen Superhelden zu vergleichen wäre. Das italienische Kino hat eine nicht unbedeutende, selten aber wirklich gewürdigte Tradition von Geschichten über Muskelmänner in Sandalen, namentlich den Maciste, den der hyperpatriotische Schriftsteller D’Annunzio in Karthago (er-)fand und der dann zu einem merkwürdigen Wiedergänger quer durch die Epochen Italiens im 20. Jahrhundert wurde: eine Figur, mit der die Antikenrezeption auf das Niveau von simpler Schaustellerei und Protzerei sank, die sich aber heute bestens gegen die eigene Muskelfaserung lesen lässt.

Zamagni und Ranocchi spielen in ihrer „Zeus-Maschine“ mit der Allgegenwart der Antike in Italien, sie bevölkern gleichsam den nationalimaginären Skulpturenpark neu aus dem Geist von Slapstick und billiger Show, aber auch von jugendlichem Geprotze.

Dass man dabei unwillkürlich an Inszenierungen von Virilität zu denken beginnt, mit denen populistische Politik gerade in Italien als Heldenarbeit verbrämt werden soll, ist zweifellos nicht unbeabsichtigt.

Man könnte sagen: Das Forum sucht die Instanz für eine Beglaubigung von Bildern nicht außerhalb von ihnen, sondern in einer Freilegung von deren Innenleben. Vielleicht liegt in dem Wechselspiel zwischen „Encounters“, der neuen, von Carlo Chatrian geschaffenen Berlinale-Sektion, und dem Forum tatsächlich eine produktive Herausforderung, von der das gesamte Festival profitieren könnte. Die ersten Tage deuten jedenfalls in diese Richtung.

Weiteres zur 70. Berlinale finden Sie im Internet unter www.faz.net/Berlinale

Quelle: F.A.Z.
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