„Baader-Meinhof-Komplex“

Wie konnte Gudrun Ensslin das tun, Frau Wokalek?

Von Bert Rebhandl
20.09.2008
, 09:23
Kaltes Denken: Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin
In Ulrich Edels Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ spielt Johanna Wokalek die Terroristin Gudrun Ensslin. Ein Interview über das kalte Denken und die tödliche Konsequenz der Ensslin, das Starsystem des deutschen Kinos und Orte, in denen man aus der Rolle fallen kann.

Berlin, am Tag nach der Premiere des „Baader-Meinhof-Komplex“ (siehe: Befreiung von der Erziehungsdiktatur: Bernd Eichingers „Der Baader-Meinhof-Komplex“): Johanna Wokalek sitzt in einem Hotelzimmer am Gendarmenmarkt. Sie wirkt hellwach, die kurzgeschnittenen Haare sehen unter einem Borsalino hervor - ein letztes, kleines Spiel mit dem Gangster-Image, das die RAF schon früh begleitet hat. Die Intensität ihrer Arbeit ist im Gespräch noch zu spüren.

Frau Wokalek, der Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“, in dem Sie die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin spielen, endet mit dem Satz: „Seht sie nicht so, wie sie nicht gewesen sind.“ Was wussten Sie von der historischen Figur Ensslin, bevor Sie diese Rolle erhielten?

Ich war zwei Jahre alt, als Gudrun Ensslin sich umgebracht hat. Ich hatte kein Bild. Aber ich habe dann natürlich, als das Angebot kam, versucht, mir eines zu machen. Dafür habe ich „Die Reise“ von Bernward Vesper gelesen, den „Moby Dick“, die Briefe von Gudrun Ensslin aus dem Gefängnis. Dazu kamen noch Archivmaterial und die Tonbandaufnahmen, es gibt eigentlich nur Bildschnipsel von ihr. Und dann musste ich alles wieder vergessen, weil ich ja nichts hatte, was ich nachahmen konnte. Das hätte mich schauspielerisch auch nicht interessiert. Ich habe versucht, sie mir aus der Biographie zu erschließen. Diese personifizierte Konsequenz! Wenn man sich überlegt, dass sie aus einer Pfarrersfamilie kam, in der Gemeindejugend engagiert war, dass sie mit dem Gebot „Du sollst nicht töten“ aufwuchs und dass sie dann einen solchen Schnitt macht und diese Werte im Wunsch nach einer gerechteren Welt zu einer Art Messer werden und alles zerstören - diese Radikalität im Denken war für mich der Schlüssel.

Die personifizierte Konsequenz wird im Film nur teilweise motiviert. Woher stammte sie?

Natürlich hat Gudrun Ensslin die Schuldfrage an Eltern und Staat gestellt: Wie konnte es kommen, dass diese Ungeheuerlichkeiten im Nationalsozialismus zugelassen wurden? Diese Frage wurde nicht beantwortet. Ich glaube, das war dieser Umkipp-Punkt. Sie verlässt ihr Kind, sie verlässt ihren Verlobten und geht einen ganz anderen Weg mit Andreas Baader. Es ist auch nie moralisch, finde ich. Sie verweigert die Moral. Es ist eigentlich ein kaltes Denken. Es gibt zum Beispiel eine Szene früh im Film, in der ich das Kind an der Schulter habe und rauche. Das Kind hat jedes Mal geschrien, wenn es „Action“ hieß: Wahrscheinlich, weil es gespürt hat, dass ich es - in der Rolle - nicht will. Wenn ich das Baby dann an die Filmgroßmutter weitergegeben habe, hat es jedes Mal aufgehört zu weinen. Das hat mich betroffen gemacht, weil ich als Johanna Wokalek ja weit davon entfernt bin, so zu fühlen.

Wie konnte Gudrun Ensslin sich in die Männerwelt des Romans „Moby Dick“ eintragen?

Das war sehr klug von ihr, diesem Buch so eine große Bedeutung zu geben. Sie findet ein Sinnbild für ihr eigenes Denken: den Kapitän Ahab, der den weißen Wal, also den Leviathan, als Symbol des Staates hasst - fanatisch hasst.

Der Roman weiß aber auch schon um den Untergang. Gibt es eine Todessehnsucht aus Konsequenz?

Man weiß nicht, wie ein Mensch ist, wenn er entscheidet, sich umzubringen. Gudrun Ensslin sagt kurz vor dem Ende des Films: „Theologen hoffen.“ Angeblich hat sie dabei auch gelächelt. Wenn, dann ist das eine Konsequenz, die erschreckend ist.

Die Eltern sprechen im Film von „heiliger Selbstverwirklichung“.

Für mich war das sehr befremdlich. Auch dass die Mutter von „einer Befreiung“ spricht. Ich habe die Eltern Ensslin nicht gekannt. Auf was solche Worte hinauslaufen, weiß ich nicht.

Wie bereitet man sich auf eine Rolle vor, wenn das Ensemble so groß ist und das Drehbuch wenig Platz gewährt für innere Entwicklung?

Es war mir ganz schnell klar, dass es ein Film wird, der seine Geschichte nur anhand von Fakten, die erwiesen sind, zu erzählen versucht. Es geht nicht um die Seelenlandschaft von Gudrun Ensslin. Die Herausforderung war also, puzzleartig und in sehr kurzen Szenen zu versuchen, den Schlüssel zu finden und die Essenz zum Ausdruck zu bringen. Am Set war ich sehr isoliert. Das war außergewöhnlich, weil diese Frau mich ganz verlangt hat. Ich habe tatsächlich weniger gegessen. Der Versuch, diese Energie spürbar zu machen, war kräftezehrend. Die Dreharbeiten in Stammheim waren schrecklich. Die Szene, in der Martina Gedeck als Ulrike Meinhof und ich uns streiten, das ist reine Improvisation. Dieser Text war nie geschrieben. Da habe ich gemerkt, dass sich schon Schichten in mir abgelagert haben, auf die ich zugreifen konnte.

In ersten Einschätzungen des Films heißt es gelegentlich, Gudrun Ensslin sei, so wie Sie von Ihnen gespielt wird, eigentlich zu attraktiv. Haben Sie versucht, möglicherweise gegen diese Gefahr der Idolisierung anzuspielen?

Was Sie beschreiben, ist eine Draufsicht auf mich, die ich beim Spielen nie habe. Natürlich habe ich mit meiner Maskenbildnerin viel darüber gesprochen, dass die Haare in Stammheim ganz grau und ratzig aussehen mussten. Aber ich musste nie von irgendetwas wegspielen. Die Verwandlung vor dem Spiegel jeden Morgen durch dieses starke Augen-Make-up war natürlich kolossal. Da haben wir mit Schwarz nicht gespart.

In ihren Gefängnisbriefen kann man nachlesen, wie spezifisch sich Gudrun Ensslin ihre Kosmetika gewünscht hat, und ihre Kleidung manchmal genau mit Markenbezeichnung.

Deswegen kann es auch nicht sein, dass sie zu schön ist in diesem Film. Sie wollte auch im Gefängnis sie selbst bleiben. Es gibt genaue Anweisungen von ihr, wie die Jeans zu sein hatten, und es gibt sogar ein Bild, auf dem sie Netzstrumpfhosen und den Anstaltskittel trägt. Sie hatte bis zum Schluss ein Bewusstsein von Kleidung, Schminke, Styling.

Die Beziehung zu Andreas Baader erscheint oft wie das Klischee eines Gangsterpärchens. Was war für Sie das Entscheidende zwischen den beiden?

Es ist immer ein Rätsel, worin eine Beziehung zwischen zwei Menschen besteht. Wie soll ich's wissen? Ich stelle mir vor, dass ihre Gegensätze sich angezogen haben und auch eine Attraktion für andere war: Offensichtlich waren sie ein faszinierendes Paar. Bei den Dreharbeiten hatte das von Anfang an eine Selbstverständlichkeit zwischen Moritz Bleibtreu und mir. Es sind ja nur Momente, in denen wir etwas zeigen konnten. Gudrun Ensslin muss große psychologische Klugheit besessen haben, Baader, der das Gegenextrem zu ihr war, zu bremsen und als Einzige mit seinen Ausbrüchen umgehen zu können.

In einer Diskussion der RAF-Gruppe fällt da dieser Satz von Ensslin an Baader: „Baby . . .

. . . Baby, das kannst du gar nicht wissen.“ Baader sagt vorher: „Die Emanzipation der Frauen besteht darin, dass ihr eure Männer anschreit.“ In deftigeren Worten.

Das war für die Balance wohl wichtig.

Schon. Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass Gudrun Ensslin eine intelligente, belesene Frau war, die das hier auch zum Ausdruck bringt. Es wird auch beschrieben, dass sie Widerworte gegeben hat - und er hat dann an sich gehalten.

Wo endet die Identifikation der Schauspielerin mit der Figur im Fall von Gudrun Ensslin?

Ab dem Moment des Tötens ist es für mich nicht nachvollziehbar. Das war aber der Reiz beim Spielen, eine Frau darzustellen, die für mich in diesen Extremen so fremd ist.

Gibt es aber so etwas wie politische Anknüpfungspunkte? Sie sind eine Generation jünger, aber die meisten Probleme, mit denen die RAF und die Studentenbewegung zu tun hatten, sind nicht aus der Welt.

Ich bin ja in erster Linie Schauspielerin. Dazu gehört für mich, dass ich die größtmögliche Freiheit in meinem Denken suche. Damit Phantasie sich entfalten kann, braucht sie Luft unter den Flügeln, sonst gibt es ununterbrochen Abstürze im Denken. Natürlich kann ich etwas beschreiben, was ich gerade jetzt empfinde oder beobachte, in unserer Zeit, in der wir uns alles kaufen können, was wir wollen. Jeder lebt viel mehr für sich, hat sein eigenes Ziel im Ich, das er verfolgt. Es gibt eine Überflutung an Möglichkeiten. Die Fähigkeit, die man erlernen muss, ist gar nicht mehr, ja zu sagen, sondern zu verneinen, um sich nicht in diesem Wohlbefinden des Daseins zu verlieren. Als Schauspielerin habe ich wiederum das Glück, dass ich ständig gezwungen bin, mich zu fokussieren: zum Beispiel, wenn ich mit Andrea Breth ein Stück über den Irak-Krieg mache (siehe: Andrea Breths „Motortown“ von Simon Stephens in Wien), Gudrun Ensslin spiele oder jetzt im Kino „Die Päpstin“. Das ist für mich wie ein Geschenk.

Haben Sie Verständnis für den Wunsch, sich gelegentlich in einer Masse zu verlieren, wie es die Studentenbewegung ja kurzzeitig war?

Ich bin kein Mensch für Gruppen. Ich gehe nicht gern auf Rockkonzerte, ich war nur einmal im Fußballstadion, kürzlich bei der Europameisterschaft: Ich fühle mich da nicht wohl. Vielleicht ist das auch Bestandteil dieses Berufes: Irgendwie ist man mit ihm auch allein.

Sie gehören zum Ensemble des Wiener Burgtheaters und damit auch zu einem sehr speziellen Starsystem. Was bedeutet das für Sie?

Ich war in Wien am Reinhardt-Seminar, dann habe ich eine große, sehr erfolgreiche Festwochenproduktion über Alma Mahler-Werfel gemacht. Anschließend habe ich Wien für zwei Jahre verlassen und in Bonn alle Rollen, groß und klein, am Theater gespielt, und bin dann zurückgekommen. Das Schöne in Wien ist das Gefühl, dass die Zuschauer teilhaben am Weg, den ein Schauspieler geht. Da gibt es dann manche, die einen sehr mögen, und andere, die es nicht tun - es ist nie gleichgültig.

Spätestens ab dem „Baader-Meinhof-Komplex“ gehören Sie auch zum Starsystem des deutschen Kinos, das sich gerade erst so allmählich entwickelt. Nehmen Sie Anteil daran?

Das ist vielleicht eigenartig, aber ich habe gar kein Bewusstsein für das Außen. Jetzt bin ich wieder in den Dreharbeiten zu der „Päpstin“, das braucht meine Energie viel notwendiger. Wir leben doch auch in einer ganz anderen Zeit, was Stars betrifft. Die Schnelllebigkeit dieses Begriffs macht Stars doch zu einer Art Verbrauchsartikel. Man müsste den Begriff mit neuem Inhalt füllen, dann hätten wir vielleicht wieder Stars.

Was hat Sie dazu bewogen, die Hauptrolle in „Die Päpstin“ anzunehmen?

Es ist sehr spannend und schön, diese Verwandlung zu spielen - dass eine Frau gezwungen ist, sich als Mann zu verkleiden, um ihren Weg zu gehen, und dann, weil sie auch liebt, sich entscheiden muss und große Konflikte durchlebt.

Gab es in Ihrer Karriere auch schon schwierige Entscheidungen?

Es war für mich immer fließend. „Aimée und Jaguar“ war mein erster großer Kinofilm. Ich hatte ja auch immer große Abstände zwischen den Produktionen. „Hierankl“ war als emotionales Erlebnis und als Kammerspiel mit meinen Kollegen ein ganz besonderer Film für mich (siehe: Video-Filmkritik: „Hierankl“). Aber ich muss sagen, dass die Gudrun Ensslin als Figur die extremste war.

Gibt es einen Ort, eine Situation, in der Sie ganz bei sich sein können? Eine Schauspielerin, die endlich aus der Rolle fallen kann?

Das ist für mich schon Wien. Das ist wie eine Oase. Für mich hat die Stadt im Vergleich zu meinen Besuchen in Deutschland eine andere Gelassenheit, ein anderes Zeitmaß. Ich reise aber auch mit dem Rucksack nach Peru, weil das eine Befreiung ist im Kopf, eine andere Welt zu erleben und sich dem auszusetzen.

Warum gerade Peru?

Ich wollte dieses Land sehen. Warum, weiß ich nicht, es hat mich einfach wahnsinnig interessiert. In Macchu Piccu ganz oben zu sein, bevor alle anderen kommen (da kommen ja dann einige), und diese Stadt aufwachen und sie so liegen zu sehen wie ein schlafendes Tier im Nebel, und wenn dieser Nebel sich dann lüftet und die Sonne das erwärmt - das hat mich sehr glücklich gemacht.

Zur Person

Johanna Wokalek wird am 3. März 1975 in Freiburg geboren. Nach dem Abitur geht sie ans berühmte Max-Reinhardt-Seminar nach Wien, um Schauspielerei zu erlernen. Auf der Bühne debütiert sie 1996 bei den Wiener Festwochen: „Alma - A Show biz ans Ende“ wird später auch für das Fernsehen verfilmt.

Nach der Ausbildung wechselt sie nach Bonn ans Schauspiel. Im Jahr 1999 erhält sie den Alfred-Kerr-Darstellerpreis für ihre Darstellung der Rose Bernd im gleichnamigen Stück von Gerhart Hauptmann. Zurück in Wien und fest aufgenommen ins Ensemble des Burgtheaters, gibt sie unter anderem Kleists „Käthchen in Heilbronn“ und Lessings „Emilia Galotti“.

Ihre Leinwandkarriere beginnt Johanna Wokalek im Film „Aimée und Jaguar“ (1998). Gleich mehrfach wird sie für ihre Rolle als Lene in Hans Steinbichlers Heimatfilm „Hierankl“ prämiert. Derzeit dreht sie unter der Regie von Sönke Wortmann die Verfilmung des Bestsellers „Die Päpstin“.

In Ulrich Edels Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, spielt Johanna Wokalek die Terroristin Gudrun Ensslin.

Quelle: F.A.Z.
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