<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Im Gespräch: Shereen El Feki

Sexuelle Zufriedenheit als universeller Wert

 - 15:40

Frau El Feki, Sie haben als Wissenschaftsjournalistin für den „Economist“ gearbeitet und sich beruflich viel mit HIV beschäftigt. In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie eines Tages eine Statistik in die Hände bekamen, nach der die Verbreitung von HIV in arabischen Ländern viel niedriger sein sollte als etwa in Osteuropa, Afrika oder Asien. Sie haben das nicht geglaubt.

Ich war erstaunt. Wie kann es sein, dass in Zeiten der Globalisierung ein Teil der Erde von einer weltweiten Epidemie abgeschnitten ist? Es zeigte sich dann, dass die Zahlen ungenau und unvollständig waren. Heute haben wir ein besseres Bild von der Lage, und die Wahrheit ist: Es gibt HIV in der arabischen Welt. In den meisten Ländern der Region ist die Rate niedrig, sie liegt bei etwa 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Aber wenn man sich Risikogruppen ansieht, Schwule, Drogenabhängige oder Prostituierte, dann stößt man auf höhere Zahlen. Dabei muss man im Hinterkopf haben, dass Männer, die mit Männern schlafen, in der arabischen Welt meist auch mit Frauen schlafen - mit ihren Ehefrauen, ihren Freundinnen oder mit Prostituierten. Das Problem dabei ist, dass sexuelle Kontakte außerhalb eines ehelichen Kontextes im arabischen Raum nicht akzeptiert sind.

Was bedeutet das für die Infizierten?

Die klassische Geschichte geht so: Eine verheiratete Frau ist, so wie es erwartet wird, als Jungfrau in die Ehe gegangen, sie bekommt ihr erstes Kind. Das Kind hat HIV. Dann stellt man fest, dass auch die Mutter HIV hat und der Vater. Das Tragische daran ist, dass es mehr die Frauen sind, die stigmatisiert und diskriminiert werden. Denn im Islam ist Sex außerhalb der Ehe zwar für beide verboten, für Männer und Frauen, aber die Realität in einer patriarchalischen Kultur ist die, dass Jungs eben Jungs sind, und dass Männer sexuelle Kontakte haben bevor sie heiraten. Wenn Frauen dasselbe tun, ist es aber eine ganz andere Geschichte. So ist mir klar geworden, dass Sexualität ein großes Problem ist - und dass Sexualität ein sehr interessanter Weg ist, um diese Gesellschaften in ihren politischen, wirtschaftlichen und religiösen Strukturen besser zu verstehen. Meine Beschäftigung mit diesem Thema hat also etwas mit meinem Beruf zu tun, aber auch mit meiner persönlichen Geschichte. Aufgrund meiner Herkunft bin ich mit der Region verbunden, aber ich wusste nicht viel über sie. Ich wollte mehr erfahren.

Für Sie ist Sexualität also ein Spiegel für größere gesellschaftliche Verhältnisse in der arabischen Welt. Wie meinen Sie das genau?

Sexuelle Rechte sind wesentliche Menschenrechte. Das ist nicht in allen Ländern anerkannt, und vor allem in den Vereinten Nationen ist es sehr umstritten. Aber das ist absolut meine Meinung. Ich glaube, dass der persönliche Mensch den politischen beeinflusst und umgekehrt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie junge Menschen engagierte Bürger sein sollen, wenn sie weder die Freiheit noch die Möglichkeiten haben, auf Informationen über ihre Körper und ihre Sexualität zuzugreifen.

Ich finde es schwer vorstellbar, wie Frauen eine wichtige Rolle im ökonomischen, politischen und sozialen Leben eines Landes spielen sollen, wenn sie auf einer elementaren Basis keine Kontrolle über ihre eigenen Körper haben. Ich finde es schwierig, mir vorzustellen, wie wir bessere Beziehungen zwischen Männern und Frauen herstellen können, etwa in der Schule, in den Parlamenten, wenn sie einander nicht auch im Schlafzimmer respektvoll und gleichberechtigt gegenüberstehen. Es ist schwer vorstellbar, wie man Gerechtigkeit, Freiheit, Würde, Gleichheit und den Schutz der Privatsphäre im Politischen durchsetzen soll, wenn diese Werte im Privaten nicht gelten. Die beiden Sphären sind miteinander verbunden.

Das ist aber keine Verbindung, die jeder herstellt, ich spreche in meinem Buch davon: Ich habe mit jungen Aktivisten auf dem Tahrir-Platz in Kairo gesprochen. Einen von ihnen habe ich gefragt, ob er glaubt, dass die politische Freiheit auch eine sexuelle Freiheit nach sich ziehen könnte, aber diese Vorstellung hat ihn total entsetzt.

Wie definieren Muslime Zufriedenheit in ihrem Sexleben?

Das ist eine gute Frage. Wir wissen es nicht. Darüber gibt es keine Forschung, keine empirischen Daten. Aber das ist etwas, was wir machen müssen, und ich hoffe, dass wir die Möglichkeit dazu in der Zukunft bekommen, wenn wir Strukturen erhalten, die mehr Gedankenfreiheit ermöglichen als bisher. Und auch mehr Forschungsfreiheit.

Für mich ist das eine der zentralen Fragen, die Ihr Buch aufwirft. Wenn es um Sexualität geht, dann sehen sich vor allem die Frauen in der arabischen Welt einer Reihe von strengen Regeln gegenüber. Sie müssen Jungfrauen sein, wenn sie heiraten, es darf keinen außerehelichen Sex geben, der Aufklärungsunterricht vermittelt nur spärliche Informationen, Abtreibung ist verboten, Verhütung verpönt. Sie schreiben selbst, dass Sex „eine Quelle der Schande ist, was ihn zu einem mächtigen Werkzeug der Unterwerfung macht“. Hatten Sie bei Ihren Recherchen den Eindruck, dass die Frauen, denen Sie begegnet sind, darunter leiden? Gibt es ein Bewusstsein für diese Unterdrückungsmechanismen?

Das ist schwer zu generalisieren. In der arabischen Welt leben 359 Millionen Menschen, und die Vorstellungen sind sehr unterschiedlich. Wir können das Beispiel von Amany nehmen, der jungen Ägypterin, von der ich erzähle. Sie wollte einen Mann aus dem Norden des Landes heiraten, den ihre Eltern aber nicht akzeptierten. Amanys Geschichte ist bezeichnend für viele, viele andere . . .

Amany lebt mit diesem Mann nun in einer sogenannten ’urfi-Ehe, einer Form der Ehe auf Zeit. Das heißt, sie sind zwar verheiratet, ihre Verbindung ist aber nicht offiziell registriert.

Man sieht, welchen Spannungen sie ausgesetzt ist. Sie ist nicht mehr jung, sie ist Ende zwanzig und sie verdient eigenes Geld. Aber sie ist nicht in der Lage, ihre sexuellen Rechte auszuüben. Sie versucht dem zu entsprechen, was sie unter dem Islam versteht, worunter auch fällt, dass sie keinen Sex außerhalb der Ehe haben möchte, weil sie glaubt, dass das haram ist . . .

Das heißt, es ist verboten.

Ja. Aber Amany sucht auch ihr Glück. Sie sucht nach der Möglichkeit auszuwählen. Sie möchte die Hoheit über ihren Körper haben. Sie sucht nach all diesen Dingen, nach denen junge Frauen überall suchen. Das ist der wahre Kampf. Und es gibt Millionen wie Amany. Die Menschen sind sich der Probleme bewusst und versuchen, Lösungen zu finden. Dieses Vorankommen hat oft ein anderes Gesicht als andernorts. Aber das war ja zu erwarten, weil die Kultur, die Religion, die Umstände in der arabischen Welt eben andere sind. Ich glaube dennoch nicht, dass die Vorstellungen vom Glück in sexuellen Beziehungen sich von den Vorstellungen anderer groß unterscheiden.

Glauben Sie nicht?

Nein. Was bedeutet Glück denn für Sie? Was verstehen Sie unter sexueller Zufriedenheit?

Das ist eine sehr persönliche Frage.

Na ja, wenn wir darüber reden, was arabische Menschen darunter verstehen, dann ist es vielleicht interessant auch zu fragen, was westliche Menschen denken.

Gut, ich denke, auf einer grundsätzlichen Ebene impliziert Zufriedenheit zunächst, dass man selbst entscheidet, mit wem und wann man Sex haben möchte.

Und warum sollte das bei arabischen Frauen anders sein?

Sie erzählen in Ihrem Buch doch von Frauen, die wissen, dass sie sich ihre Partner nicht aussuchen können.

Das schreibe ich nicht.

Doch, Sie erzählen beispielsweise von zwei jungen Frauen, die Sie auf einer Hochzeitsmesse in den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen haben, und die genau wissen, dass ihre künftigen Ehepartner, es sind ihre Cousins, von ihrer Familie ausgesucht werden.

Aber das ist ihre Wahl.

Aber ist es denn eine Wahl? Das ist ja die Frage.

Natürlich gibt es viele, die gar nicht die Möglichkeit haben, eine Wahl zu treffen, weil sie arm oder ungebildet sind oder sozial benachteiligt, etwa wenn sie abgeschieden in ländlichen Gegenden leben. Aber das gibt es nicht nur in der arabischen Welt, das gibt es auch im Westen.

Also, gerade wenn es darum geht, dass man sich seinen Sexualpartner aussucht, bin ich mir da nicht so sicher.

Glauben Sie denn, dass die Prostituierten im Westen eine Wahl haben?

Prostituierte vielleicht nicht, aber junge Frauen, die heiraten wollen, auf jeden Fall. Und die Frauen, die Sie auf der Messe getroffen haben, waren ja auch keine Prostituierten.

Gut, aber warum denken Sie, dass diese Frauen keine Wahl getroffen haben? Ich habe nie gesagt, dass sie wählen wollen. Ich habe klar gesagt, dass die beiden denken, dass es so besser ist.

Und genau deswegen habe ich den Eindruck, dass sich die Vorstellungen darüber, was eine glückliche sexuelle Beziehung ist, eben doch unterscheiden.

Ich glaube nicht, dass sich die Vorstellungen des Glücks unterscheiden, sondern nur die Arten, wie man es erreicht, anders aussehen. Das heißt nicht, dass die Elemente dieses Glücks andere sind. In ihren Augen treffen diese Frauen eine Wahl, sie vertrauen ihren Vätern für sie die richtige Entscheidung zu treffen. Das ist eine Wahl. Sie könnten sich dagegen wehren. Sehen Sie sich Ahmani an, die ägyptische Frau. Sie hat sich anders entschieden. Ihre Familie hat gesagt, nein, du kannst diesen Mann nicht heiraten, aber sie hat es trotzdem getan.

Richtig, sie ist eine ’urfi-Ehe eingegangen, von der sie glaubt, dass es besser ist, sie vor ihren Eltern zu verheimlichen.

Ist das denn so anders als im Westen? Denken Sie, dass die jungen Leute hier mit ihren Eltern über ihr sexuelles Leben reden?

Nein, aber wenn es ans Heiraten geht, dann werden sie darüber sprechen.

Okay, aber ich glaube trotzdem nicht, dass diese arabischen Frauen Glück anders definieren. Ob sie dieses Glück auch erreichen können, das ist ein ganz anderes Thema. Das ist der Unterschied. Viele der jungen Frauen, die ich getroffen habe, sind nicht der Meinung, dass es ein Schlüssel zum Glück ist, wenn man vor der Hochzeit sexuelle Beziehungen hat. Das ist nichts, was sie anstreben. In meinem Buch wollte ich sehr vorsichtig sein, keine westlichen Vorstellungen auf die arabische Welt zu projizieren. Wenn ich von sexuellen Rechten rede, dann rede ich nicht von westlichen Ideen. Denn das ist es, was uns Liberalen in der arabischen Welt immer vorgeworfen wird: Ihr wollt westliche Vorstellung durchsetzen. Gerechtigkeit, Freiheit, Würde, Gleichheit, der Schutz der Privatsphäre - das sind aber keine westlichen Vorstellungen, das sind universelle Werte, die man auch im Kontext des Islam findet. Genauso wie sexuelle Rechte. Aber dazu müssen wir all die Flexibilität und die Möglichkeiten bei der Interpretation des Islams nutzen. Es gab Zeiten in der Geschichte, in denen es solche großzügigeren Interpretationen gab, heute leben wir

Wie könnten solche sexuellen Rechte in einem islamischen Rahmen aussehen?

Ein gutes Beispiel ist Abtreibung. Viele Frauen werden Ihnen sagen, dass Abtreibung verboten ist. Aber das ist in der islamischen Rechtsprechung nicht der Fall, es gibt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, von einem vollständigen Verbot bis zu einer Erlaubnis unter bestimmten Umständen. In Ägypten haben wir nach den Aufständen eine Regierung bekommen, die innerhalb des islamischen Rahmens arbeitet, der sogenannten Scharia. Aber auch die Scharia lässt verschiedene Interpretationen zu. Die Frage ist also: Warum tendieren wir zu einer sehr engen Auslegung, wenn wir eine viel großzügigere haben könnten?

Welche Rolle könnte bei dieser Neuorientierung die arabische Geschichte spielen? Denn es gab ja Zeiten, etwa während der Herrschaft der Abbasiden im Irak, in denen Muslime einen unverkrampften Umgang zur Sexualität pflegten.

Man muss sehr vorsichtig sein, wie man die Texte aus der damaligen Zeit liest. Es ist sicher wichtig zu erkennen, dass es einmal eine Zeit gab, in der es möglich war, den Islam mit der Sehnsucht nach einem erfüllten Sexualleben zu verbinden. Auch wenn man im Mittelalter unter sexueller Erfüllung womöglich etwas anderes verstanden hat. Die Geschichte ist aber nicht wichtig, um zu ihr zurückzukehren, sondern damit wir islamischen Gelehrten entgegnen können, die uns vorwerfen, wir würden uns an den Westen verkaufen. Das tun wir nicht. Lange bevor die Christen diese Ideen angenommen haben, haben wir als Araber und Muslime schon über sie gesprochen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die gesellschaftlichen Umstürze, die der Westen in den sechziger Jahren erlebt hat, also auch die sexuelle Revolution, mit den Entwicklungen in der arabischen Region heute vergleichen lassen?

Die sexuelle Revolution im Westen war Teil eines ganz bestimmten historischen Prozesses. Ich benutze dafür gern das Bild eines Flugzeugträgers. Die sexuelle Revolution war ein Flugzeug auf diesem Schiff, das irgendwann abhob. Es hatte eine lange Startbahn von politischen und sozialen Veränderungen und wirtschaftlicher Entwicklung. In der arabischen Welt haben wir diese Startbahn noch nicht. Wir bauen gerade an ihr. Und wenn unser Flugzeug abhebt, glaube ich nicht, dass es zu demselben Ziel fliegt. Ich spreche nicht über eine Revolution, die das religiöse System hinwegfegt und auf diese Weise vorangeht. Letztlich würde ich gern Systeme in der arabischen Welt sehen, die den Menschen die Wahl geben, ihre Leben innerhalb der islamischen Grenzen zu leben oder auch nicht, wenn sie das nicht wollen. Im Moment gibt es das in der arabischen Welt nicht. Ob wir das jemals in der arabischen Welt sehen werden, hängt von den dortigen Menschen ab.

Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Im Moment ist das schwer zu sagen. Wir sind in einer Phase des Übergangs. In Ägypten sah es vor sechs Monaten noch so aus, als könnten die Muslimbrüder das Land dominieren und die Gesetze ändern, also etwa das Heiratsalter heruntersetzen und Genitalverstümmelung legalisieren. Aber jetzt sind wir schon in einer Phase, in der sie gar nichts mehr machen können, weil es so viele Proteste gibt.

Genau diese Proteste machen mir Hoffnung, dass wir ein anderes System bekommen können - ich bin sicher, dass die Religion immer eine prominente Rolle für Ägypter spielen wird. Ob sie mal etwas Privates sein wird, wie wir es in liberalen Demokratien im Westen sehen, darüber bin ich mir nicht im Klaren. Für mich ist es erstrebenswert. Aber es ist eben auch möglich, eine Reihe von sexuellen Rechten zu erreichen, selbst wenn der Islam Teil des öffentlichen Lebens ist - solange man die ihm innewohnende Flexibilität erkundet und die Freiheit hat, sie zu leben.

Die Fragen stellte Lena Bopp.

Zur Person

Shereen El Feki wurde als Tochter eines ägyptischen Vaters und einer englischen Mutter in Oxford geboren. Sie wuchs in Kanada auf und studierte Immunologie. Sie hat als Journalistin für die Zeitschrift „Economist“ und den Fernsehsender Al Dschazira gearbeitet. Außerdem war sie stellvertretende Vorsitzende der von den Vereinten Nationen eingesetzten „Global Commission on HIV and the Law“. Heute lebt sie abwechselnd in London und Kairo. -In ihrem gerade auf Deutsch und Englisch erschienenen Buch „Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt“ (Aus dem Englischen von Thorsten Schmitz. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2013. 416 S., geb., 24,90) untersucht sie die Rolle der Sexualität in arabischen Gesellschaften. Dabei vertritt sie die These, dass eine Demokratisierung der politischen und sozialen Verhältnisse in den Ländern des arabischen Frühlings nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie von einer Demokratisierung auch der privaten und intimen Beziehungen zwischen den Geschlechtern begleitet wird.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche Themenarabische WeltAIDSIslamMuslimeUNAfrikaAsienKairo