Biodiversität

Wie sapiens ist der Homo?

Von Petra Ahne
27.09.2021
, 13:01
Biodiversität auf einem Acker gemäß Meyers Konversationslexikon, 1897.
Der Mensch verkennt, in welchen Bio-Zusammenhängen er steht: Auf der Jahresversammlung der Leopoldina erklangen zahlreiche Weckrufe.
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Die Beziehung zwischen Alexander von Humboldt und der Leopoldina ging nicht über die Tatsache hinaus, dass er dort Mitglied war. Kein Austausch, keine Vorträge, keine Korrespondenz. Immerhin kann sich die Nationale Akademie der Wissenschaften zuschreiben, Humboldts Potential früh erkannt zu haben. Als er mit 23 Jahren Mitglied wurde, war er ein Oberbergmeister in Franken, der von weiten Reisen träumte. Heute ist er derjenige, der erkannte, dass die belebte Welt ein Netzwerk von Beziehungen ist – dass alles mit allem zusammenhängt.

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Mit diesem Postulat wurde Alexander von Humboldt bei der Jahresversammlung der Leopoldina am Freitag und Sonnabend mehrfach zitiert, es war ebenso sehr Feststellung wie Mahnung. Das Treffen, am Leopoldina-Sitz in Halle sowie digital abgehalten, widmete sich dem Thema „Biodiversität und die Vielfalt des Lebens“ und damit einer der größten globalen Krisen. Jene Vielfalt des Lebens ist in Gefahr, eine Million Arten gelten als vom Aussterben bedroht, das den Planeten umspannende Beziehungsnetz wird löchrig. Das muss den Menschen schon insofern kümmern, als er selbst Teil davon ist, abhängig von den Ökosystemleistungen, die die Natur ihm liefert. Zugleich ist er die Kraft, die diese Natur nachhaltig verändert.

Vögel machen zufrieden

Die Vorträge beim Jahrestreffen umrissen nicht nur dieses – in der Erdgeschichte bislang einmalige – Spannungsverhältnis, sondern auch Stand und Methodik der Forschung, die zum einen die Biodiversitätskrise mit Datenerhebungen, Experimenten und Simulationsmodellen belegt, zum anderen an Lösungen arbeitet, um sie zu bewältigen. Dass die Gelehrtengesellschaft für ihr Treffen dieses Thema gewählt hatte, kann auch als Signal verstanden werden: Immer noch kommt dem Verlust der biologischen Vielfalt weniger Aufmerksamkeit zu als der Erderwärmung. Dabei müssen beide zusammengedacht werden.

Kathrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg-Forschungszentrums für Biodiversität und Klima, entwarf in ihrem Einführungsvortrag ein Gesamtbild, in das sich die späteren Vorträge als aufschlussreiche Konkretisierungen einfügten. Sie zählte die Gründe für den Artenrückgang auf: die Ausbeutung von Tierarten, die Umweltverschmutzung, den Klimawandel, doch mit Abstand am wichtigsten: die Landnutzung, und da wiederum die Landwirtschaft. Dieser Fakt sollte sich durch die zwei Tage wie ein Alarmruf ziehen. Was der Mensch isst und wie dieses Essen produziert wird, ist ein maßgeblicher Grund für die ökologische Krise, in die er sich manövriert hat.

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Was kann man tun, fragte Böhning-Gaese, und blieb bei der großen Linie: Es brauche nicht weniger als eine Transformation der Gesellschaft. Eine Agrarwende, große Schutzgebiete und eine Sensibilisierung für den Wert der Biodiversität, auch in Bezug auf das Wohlbefinden. Dazu hatte sie das hübsche Ergebnis einer Studie parat: mehr Vögel im eigenen Umfeld zu haben macht ebenso zufrieden wie zehn Prozent mehr Lohn.

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An die Frage, wie man demnächst zehn Milliarden Menschen ernähren und zugleich den ökologischen Fußabdruck verkleinern kann, knüpfte Urs Niggli an, einer der bekanntesten Experten für biologischen Landbau, der seit Jahren darauf hinweist, dass eine rein biologische – und weniger ertragreiche – Landwirtschaft die Weltbevölkerung nicht ernähren und noch mehr Anbauflächen nötig machen würde. Er plädiert für eine Mischung aus Biolandbau und Hightech. Eine Diversifizierung der Fruchtfolge könnte beim Mais zum Beispiel dem Westlichen Maiswurzelbohrer Einhalt gebieten, dessen Name schon sagt, warum er gefürchtet ist. In anderen Fällen könne Resistenz durch die Genschere CRISPR/Cas erreicht werden.

Leopoldina-Portal in Halle
Hier wird nicht nur Wissenschaft betrieben, sondern auch Politik gemacht: das Portal der Leopoldina in Halle. Bild: dpa

Wie die Forschung von der Digitalisierung profitiert klang in mehreren Vorträgen an. Ulrich Brose, Forschungsgruppenleiter am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, erklärte, dass Computermodelle inzwischen präzise Pro­gnosen darüber erlaubten, wie ein Stressfaktor an einer Stelle eines Ökosystems sich auf dessen andere Teile auswirkt – etwas, das lange als nicht vorhersagbar gegolten habe.

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Ein kämpferisches Schlusswort hielt der Vizepräsident der Leopoldina und Chemiker Robert Schlögl. Es sei schon eigenartig, sagte er, dass einige glaubten, Homo sapiens stehe über der Biodiversität, und fragte, ob der Homo wohl so sapiens sei, wie er heißt: „Wir wissen, dass gefährlich ist, was wir tun, und doch passiert nichts.“ Das bedeute auch: „Die Stimme der Wissenschaft ist zu leise.“ Dies zu ändern sei nun Aufgabe der Akademie.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ahne, Petra
Petra Ahne
Redakteurin im Feuilleton.
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