Blairs Nachruf

Es ist nie zu früh

EIN KOMMENTAR Von Gina Thomas
28.12.2011
, 17:00
Die BBC gehört zu den bevorzugten Zielscheiben nationaler Kritik in England. Ins Visier geriet sie jetzt wieder, als bekannt wurde, dass man im Sender schon an Tony Blairs Nachruf arbeitet.
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Tony Blair ist achtundfünfzig Jahre alt und, so weit bekannt, bei guter Gesundheit trotz der noch während seiner Amtszeit in Downing Street festgestellten Herzrhythmusstörungen. Um nicht auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, soll die BBC jedoch schon Beiträge für einen Nachruf auf den ehemaligen Labour-Premierminister aufnehmen. Meldungen, wonach Mitglieder seines Kabinetts um Würdigungen gebeten worden seien, stoßen mancherorts auf Ärger.

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Eine Quelle in der Labour-Partei hat diese Vorkehrungen als makaber und geschmacklos bezeichnet. Aber Jugend schützt nicht vor dem Tod. Die BBC gehört zu den bevorzugten Zielscheiben nationaler Kritik, und man kann sich bildhaft vorstellen, mit welcher Lust die anderen Medien über den öffentlich-rechtlichen Sender herziehen würden, sollte ihn der Eventualfall unvorbereitet treffen. Dem Vernehmen nach hat der Feiertagsdienst der BBC in den vergangenen Tagen gezittert, dass der neunzig Jahre alte Prinz Philip seinen Herzeingriff nicht überleben könnte. Die schwarzen Krawatten seien bereitgestellt und die Nachrufe überprüft worden, heißt es aus bester Quelle.

Letzte Ehre für die Eiserne Lady

Unter leitenden Nachrichtenredakteuren gilt das Ableben von wichtigen Mitgliedern der königlichen Familie als Giftkelch. „Bitte nicht während meiner Schicht“, lautet das Gebet. Denn wer auch immer zuständig sei für die Produktion, lebe in der Gewissheit, wegen des Tons, des Inhalts und der zeitlichen Planung zerpflückt und zur Unperson erklärt zu werden. Die Panne mit dem verfrühten Bericht vom Tod der Königinmutter, zeigt, wie die Medien versuchen, sich auf Trab zu halten. Damals, zu Beginn der neunziger Jahre, verwechselte ein eifriger Angestellter von Sky News einen Probelauf des Nachrufes mit einer tatsächlichen Sendung und rief seine Mutter in Australien an, die ihren örtlichen Hörfunksender informierte.

Während die BBC sich jetzt schon in Sachen Blair für den Fall der Fälle wappnet, feilt die Regierung an heftig umstrittenen Plänen für ein Staatsbegräbnis Margaret Thatchers. Diese außerordentliche Ehre sollte nur Personen vorbehalten sein, die die Nation als Ganze verträten, statt sie zu polarisieren, wenden Kritiker ein. Eine spöttische Petition auf der Internetseite der Regierung, die fordert, dass die ehemalige Premierministerin nichts Geringeres verdiene als ein die Meriten ihrer liberalen Wirtschaftpolitik beweisendes, vom Privatsektor finanziertes und organisiertes Staatsbegräbnis, hat bereits 21.466 Unterschriften gesammelt.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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