Bologna in Europa

Der Europa-Irrtum und die Gleichheitslüge

Von Reinhardt Brandt
02.12.2009
, 18:56
Transparent in einem Fenster vor dem besetzten Hörsaal der Universität Kassel
Bei uns streiken Studenten. Und in den Nachbarländern? Wie wird dort die Studienreform wahrgenommen, betrieben, benutzt oder bekämpft? Eindrücke aus Italien, Russland, England, Spanien und der Schweiz.
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„Bologna“ steht für zwei Ziele. Erstens soll ein europäischer Hochschulraum und zweitens ein praxisnahes Studium besonders der Anfangssemester geschaffen werden. In diesem Bachelor-Abschnitt werden die Leistungen in einem einheitlichen Punktesystem erfasst und damit wie mit dem Euro in einer gemeinsamen Währung vergleichbar gemacht. So soll man problemlos von Lissabon nach Helsinki, von Bukarest nach Palermo wechseln können.

Die entscheidenden Beschlüsse wurden 1999 von Regierungsdelegationen gefasst, aber von keinem Parlament verabschiedet. Denn parlamentarische Erörterungen hätten die Beschlüsse rasch als verfehlt und als Täuschung enthüllt. Verfehlt ist der Europa-Gedanke. Es war immer der Wechsel des Studienorts in Westeuropa und seit 1990 in ganz Europa möglich, hier wären einige Erleichterungen nützlich gewesen, aber welchen Vorteil bringt die neue Euro-Reglementierung? Und: Wem dient der viele Lärm? Wie viele Portugiesen wollen jetzt und künftig nach Mazedonien, wie viele Rumänen nach Norwegen?

Studierende möchten in andere europäische Länder, aber vor allem in die Vereinigten Staaten, andere nach Kanada, Meeresbiologen vielleicht nach Australien und Japanologen häufig nach Japan. Die Universität ist wie die Wissenschaft global, nicht national und nicht europäisch. Hochschulraum Europa? Kein besonderer Bedarf; die Verbindungen müssen weltweit erleichtert werden. Im Übrigen hindert jetzt die wachsende Unkenntnis anderer europäischer Sprachen und vor allem die neue bürokratische Verwaltung mit ihren ausgestreuten Nägeln die Ausfahrt nicht nur in europäische Staaten, sondern sogar den Wechsel in die Nachbaruniversität, und dies nicht nur in Deutschland, sondern in allen Bologna-Ländern.

Das kritische Studium ist nur in Freiräumen möglich

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Wichtiger ist das Praxisproblem. Die Universitäten sind weltweit aufgeschwemmt und aus den Fugen geraten. Sie steuern auf ein Zwei-Klassen-System zu, wobei die Unterklasse zur Schule umfunktioniert wird. „Bologna“ dient nur als Vorwand, um dieses eigentliche Ziel zu erreichen. In Wirklichkeit will man aus politischen Gründen die großen Zahlen halten, aber unter der Bedingung der bürokratischen Beschleunigung des Studiums im Niedrigsektor. Unter dem falschen Etikett von Studium und Universität verbirgt sich für die Massen das verschulte Lernen, die Freiheit der Fächerwahl wird ersetzt durch den Zwang der Module.

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Der Systemwandel liegt in dem Ersetzen von Erkenntnis durch Wissen. Erkenntnis fragt nach Gründen, sie hält sich bei Fragen auf und kultiviert die themenbezogene Neugier. Das kritische Studium ist nur in Freiräumen möglich, in denen man für die einzelnen Schritte selbst verantwortlich ist. Wissen dagegen begnügt sich mit aufgehäuften Fakten. Die Bürokratie macht aus der Universität der Erkenntnis im Bachelor-Bereich eine Anstalt des Anhäufens und Abfragens und Benotens von Wissen. Das bloße Wissen schert sich nicht um Gründe und Kritik, sondern wird pädagogisch schulmäßig eingetrichtert und weitergegeben, der Leitgesichtspunkt ist die vermeintliche Praxis außerhalb der Universität.

Sagt doch endlich, was ihr wollt!

Das System der Verschulung im Niedrigbereich wird vorangetrieben von Privatfirmen, die zirka 15.000 bis 25.000 Euro pro Beglaubigung eines Studienganges erwirtschaften. Die Personen dieser Firmen mussten sich nie dem akademischen Publikum im Auditorium maximum vorstellen, um ihre Kompetenz nun ihrerseits überprüfen zu lassen. Sie geben anonym vor, die Praxisrelevanz des Studiums zu kennen; einklagbar sind die Versprechen nicht (im Gegensatz zu den Täuschungen von Finanzmanagern). Das Elend der inkonsistenten Studienreglementierung konnten alle Universitäten voraussehen und der Bürokratie den Zugang auf das Universitätsgelände verweigern. Es wurden die Institute aufgefordert, die Entwürfe des praxisgegängelten Studiums zu erstellen und einzureichen, daraus konnte nur ein dilettantisches Stückwerk entstehen, unter dem die Studierenden jetzt leiden und ihre teure Studienzeit vergeuden. Die Universitätsspitzen drucken nach Firmenmanier feine teure Journale, in denen sie ihre Erfolge verkünden; kein Wort von der Misere, in die sie die Studierenden führen.

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Was tun? Dem einzelnen Studierenden ist vorerst zu raten, das Studium irgendwie nach Partisanenmanier mit Unterstützung von einzelnen Lehrenden zu bewältigen. Die staatlichen Universitäten sollten klar deklarieren, dass sie ein Zweiklassensystem wollen: einen Niedrigsektor als Berufsschule und eine Kernuniversität mit dem Ziel der Erkenntnis und Forschung. Die erste wird von Funktionären und Pädagogen ausgerichtet, die zweite von Wissenschaftlern. Sagt es doch.

Der Autor lehrte bis zu seiner Emeritierung Philosophie an der Philipps-Universität Marburg.

Quelle: F.A.Z.
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