Bologna-Reform

Eine Reform sucht ihre Schuldigen

Von Jürgen Kaube
03.06.2008
, 11:42
Protest gegen die Bologna-Reform in Spanien
Im italienischen Cadenabbia stritt der Verband der Hochschullehrer darüber, wer die Schäden der Bologna-Reform verantwortet. Das Programm, das mit gleichem Etat bessere Studenten ausbilden soll, läuft in eine „schwierige Richtung“. Die Professoren verweigern sich einer Reform, die ihnen nicht gefällt.
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Die Geschichte der Universitätsreformen unter dem Titel „Bologna-Prozess“ ist in eine neue Phase eingetreten. Eine Diskussion zwischen der Interessenvertretung deutscher Hochschullehrer und den Staatssekretären für Wissenschaft aus Niedersachsen und Thüringen, die soeben im italienischen Cadenabbia stattfand, lässt keinen anderen Schluss zu. Denn es war nur die gebotene Höflichkeit unter Leuten, die aufeinander angewiesen sind, die den offenen Streit nicht eskalieren ließ. Von „bösartigen“ Darstellungen des Reformprozesses seitens der Politik war die Rede, von „Autonomieversagen“ seitens der Hochschulen die Gegenrede. Mit anderen Worten: Es wird nach Schuldigen gesucht. Das setzt den Eindruck auf beiden Seiten voraus, dass etwas schiefgegangen ist. Immerhin, die Zeit der vollmundigen Reformphrasen scheint zu Ende.

Um welchen Befund handelt es sich? Die zentralen Versprechen der Einführung des Bachelor-Abschlusses scheinen sich nicht zu erfüllen. Die Mobilität der Studierenden sinkt, die Abbrecherquoten sind nach wie vor hoch, die Studierzeiten auch, die angebliche Berufsqualifikation wird vielfach in Frage gestellt, und zwar nicht nur seitens der Hochschullehrerschaft, sondern vor allem von Unternehmen. Ohne den Master-Abschluss, so eine Umfrage der Universität Freiburg bei dreitausend Firmen, haben es die Absolventen meistens schwer.

Noch ist nichts verloren

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Überraschend sind solche Feststellungen eigentlich nicht. Mehr Studierende in kürzerer Zeit bei gleicher Ausstattung zu besseren Leistungen zu führen - das wäre an sich schon unwahrscheinlich. Hinzu kommen Nebenbedingungen: Der Zwang zu erhöhter Drittmittelaktivität oder gar Exzellenzbeantragung im Bereich der Forschung; durch eine neue Besoldungsordnung deutlich herabgesetzte Gehälter mit der Folge verstärkter Abwanderung des begabten Nachwuchses ins Ausland und mehr gutem Gewissen bei Nebentätigkeiten; ein durch studienbegleitendes Prüfen stark erhöhter Zeitaufwand in der Lehre; die Teilnahme der Fachbereiche an hochaufwendigen und teuren Anerkennungsverfahren (Akkreditierung) für jeden einzelnen Studiengang; schließlich ein Schulsystem, von dem niemand behauptet, dass es - demnächst nach acht Jahren - immer besser ausgebildete Gymnasiasten entlässt. Man kann es auch so sagen: Der Bologna-Prozess ist ein Sparprogramm, das als Wachstumsprogramm verkauft wurde.

Auf Einladung des Hochschullehrerverbandes und der Konrad-Adenauer-Stiftung legten die Staatssekretäre Josef Lange (Hannover) und Walter Bauer-Wabnegg (Erfurt) nun in Cadenabbia ihre Sicht der Dinge dar. Mochte letzterer immerhin zugestehen, manches laufe „in eine schwierige Richtung“, um entschuldigend hinzuzufügen, Bologna sei ja ein „Prozess“ und noch nichts verloren, fand Josef Lange zumindest in Niedersachsen alles ganz prima. Für ihn sind die Universitäten schuld, wenn die Reform nicht klappt. Denn man habe sie nun ja doch in die Autonomie entlassen, die Zeiten der Steuerung von oben sind für Lange längst vorbei. Auch Bauer-Wabnegg meinte, die oft allzu enge Auslegung der Bologna-Prinzipien sei vielleicht als „Trotzreaktion“ der Professorenschaft zu werten, die durch Buchstabentreue scheitern zu lassen versuche, was ihr nicht gefalle. Josef Lange gar: Absurde Verhältnisse im Bereich der verlangten Akkreditierung von Studiengängen fielen auf die Hochschulen zurück. Niemand habe sie schließlich in eine solche Lage hineingezwungen.

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Frechheit siegt

Das war der Moment, in dem das Wort „Bösartigkeit“ fiel. Der Frankfurter Pharmakologe Pfeilschifter, der es fallen ließ, mochte an Ahnungslosigkeit der Hochschulpolitik über die von ihr angerichtete Lage nicht glauben. Er hätte auch sagen können: Staatssekretär Lange schließt von Freiheit auf Frechheit. Denn natürlich war es angesichts des Drucks, mit dem der Bologna-Prozess von der Politik prozessiert wurde, eine freche Behauptung, ihn nachträglich als ein Reformangebot mit herrlichen Gestaltungsspielräumen darzustellen.

In entscheidenden Hinsichten herrschte schließlich keinerlei Freiheit. Eine Konkurrenz der alten Abschlüsse - Magister, Diplom, Staatsexamen - mit den neuen, war trotz aller Wettbewerbsrhetorik von vornherein nicht vorgesehen. Noch immer und selbst angesichts der Reformschäden versuchen Politik und Hochschulrektorenkonferenz an ihrem Kurs rechthaberisch festzuhalten und nun auch die Lehrer, die Juristen, die Mediziner in die Bachelor-Strukturen hineinzuzwingen. Wetten, dass, wenn es dort auch nicht rund läuft, die Politik „Autonomieversagen“ (Bauer-Wabnegg) feststellen wird? Immer wieder hatte sie und ihre Erfüllungsgehilfen in den Rektoraten und Instituten der metawissenschaftlichen Hochschulforschung vom sechssemestrigen Abschluss geschwärmt. Als man merkte, wie haltlos das Versprechen ist, solche berufsqualifizierenden Abschlüsse garantieren zu können, brach semantische Liberalität aus. Nun wies man auf die Formel „sechs, sieben oder acht Semester“ hin.

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Phantasmen der Hochschulpolitik

Und also sind es jetzt die allzu eng denkenden Professoren, die zu wenig Gebrauch von der Freiheit Bologneser Herkunft gemacht haben. Dass die Reform gegen die meisten von ihnen durchgedrückt wurde, dass man den Akkreditierern eingeschärft hatte, sechs Semester seien für einen Bachelor-Studiengang die Norm, dass ja auch nur so das Phantasma der verlustfreien Studienzeitverkürzung haltbar schien - davon nun kein Wort mehr. Wie hätte Staatsekretär Lange wohl reagiert, würde ihm seine niedersächsischen Hochschulen mitgeteilt haben, sie wählten im Bewusstsein ihrer Autonomie vorzugsweise acht Semester für den Bachelor und vier für den Master-Abschluss? Womöglich hätte er es als bösartige Reformsabotage empfunden.

Was die Diskussion zwischen Politik und Hochschule schwierig macht, ist gerade, dass die Politik je nachdem, worum es gerade geht, „Autonomie der Hochschulen“ oder „Verantwortung vor dem Steuerzahler“ sagt. Der Steuerzahler und die Demokratie werden angerufen, wenn sie etwas durchsetzen will, etwa mehr Studenten aufzunehmen, Kapazitätsverordnungen, Studienstrukturen oder Besoldungsordnungen. Die Autonomie der Weisungsempfänger wird betont, wenn es um die Folgenabwicklung solcher Maßnahmen geht. Der Bonner Jurist Wolfgang Löwer brachte es auf den Punkt: Es herrscht seitens der Politik tiefes Misstrauen in das Prinzip der Amtlichkeit. Dass Amtsträger, beispielsweise Rektoren von Technischen Universitäten, verantwortlich handeln, wenn sie davon abraten, aus Diplom-Ingenieuren Bachelors zu machen, leuchtet der Politik nicht ein. Sie sieht überall nur Ressortegoismus und glaubt, am Ende doch besser zu wissen, was eine Universität kann und muss und soll. Genau so eine Universität wird sie auch bekommen, was ihr allerdings nichts ausmacht, denn, wie gehört, in Niedersachsen läuft ja alles prima.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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