Brief aus Istanbul

Wir sind das wütendste Land in Europa

Von Bülent Mumay
10.08.2022
, 14:18
Recep Tayyip Erdogan Mitte Juli in Istanbul
Erdogan hetzt Menschen gegeneinander auf und raubt uns die psychische Gesundheit. Für die Verarmung der Türkei hat die Religionsbehörde eine neue Erklärung.
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Wir sind mediterrane Menschen, daher unser Temperament, sehen Sie uns das bitte nach. Seit eh und je sieht unser Puls wie auch unser Ärger nicht anders aus als unser EKG. Schnell sind wir begeistert, schnell betrübt und regen uns ebenso schnell auch auf. In den letzten Jahren sind wir offenbar noch einmal so mediterran, noch einmal so aufgebracht. Sind im Handumdrehen bereit, das Schwert aus der Scheide zu ziehen.

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Ob am Arbeitsplatz, im Schoß der Familie, im sozialen Leben, beim Einkaufen, im Verkehr oder in der virtuellen Welt, wir gleichen einer Bombe kurz vor der Explosion. Vor allem was wir in den letzten zehn Jahren mitgemacht haben, hat uns in eine noch unglücklichere Gesellschaft mit noch höherer Anspannung verwandelt, in der einer dem anderen unerträglich ist. Die Politik der Spaltung, die Erdogan auf die Spitze treibt, hat uns gegeneinander aufgehetzt. .

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Als dann noch der Stress durch die Wirtschaftskrise hinzukam, haben wir allesamt unsere psychische Gesundheit eingebüßt. Dem jüngsten Bericht des Gesundheitsministeriums zufolge stehen Medikamente für die Nerven auf Platz zwei der Bestsellerliste. Im Jahr 2020 wurden 320 Millionen Schachteln Medikamente verkauft, die bei „Depression, Schizophrenie, Unruhe und Beklemmungen“ zur Anwendung kommen. Und das bei einer Einwohnerzahl von 84 Millionen!

Eine neue Ausrede für die Explosion der Inflation

Der jüngste Gallup-Emotions-Report deckt auf, warum der Konsum von Nervenmedizin in der Türkei explodiert ist: 48 Prozent der Erwachsenen gaben an, täglich mindestens einmal wütend zu werden. Damit sind wir das wütendste Land in Europa. Im globalen Maßstab sind wir Zweiter hinter Libanon. Und bei Stress und Traurigkeit sind wir weltweit Dritter. Es ist also kein Zufall, dass die Verkäufe von Psychopharmaka für die seelische Gesundheit in den letzten zehn Jahren um 70 Prozent angestiegen sind. Wir müssen uns beruhigen, und zwar extrem. Doch das Geschehen im Land deutet darauf hin, dass wir noch erheblich mehr Medikamente zur Beruhigung brauchen werden. Im Juli wurde die jährliche Inflationsrate mit 79,6 Prozent veröffentlicht. Was wir in der Realität spüren, ist weit mehr. Der Beweis dafür? Ich sage nur: Der Leiter der zuständigen Behörde ging am Tag, bevor die Zahlen der Öffentlichkeit bekannt gegeben wurden, in den Palast. Die unabhängigen Akademiker konstatierten: „Die tatsächliche Inflation liegt bei 176 Prozent.“ Da verstehen Sie wohl, inwieweit die vom Palast verkündeten 79,6 Prozent die Realität abbilden.

Bülent Mumay
Bülent Mumay Bild: privat

Selbst wenn Sie die manipulierten Zahlen zugrunde legen, merken Sie, in welch rasantem Tempo unser Brot schrumpft. Im Juli vor einem Jahr lag die Inflation unter 19 Prozent, jetzt liegt sie bei nahezu 80 Prozent. Hören Sie dem Chef der Zentralbank zu, dem vierten von Erdogan innerhalb der letzten vier Jahre installierten, wird die Inflation 2023 – im Wahljahr – sinken. Wie gern würden wir daran glauben. Doch was wir erleben, lässt das kaum zu. Derselbe Zentralbankchef hatte im letzten Jahr für Ende 2022 eine Inflationsrate von 7,8 Prozent prognostiziert. Angesichts der einbrechenden Wirtschaft erhöhte er die Voraussage auf 60,4 Prozent, wich also um 674 Prozent von der ursprünglichen Schätzung ab.

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Deshalb scheint nun auch die Erwartung von 60,4 Prozent kaum realistisch. Was wir in den Geschäften und auf den Märkten sehen, bestätigt unseren Zweifel. Nur so viel: Die Teuerung beim Speiseöl hat die für Gold überholt. Vielleicht erinnern Sie sich, ich hatte schon davon berichtet, dass mittlerweile selbst Babynahrung in den Geschäften mit Alarm gesichert ist. Wollen Sie damit, ohne zu zahlen, aus dem Laden gehen, bricht die Hölle los.

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Beschweren Sie sich über diese beschämende Lage, über die Wirtschaftskrise oder über Erdogans das Land in die Armut stürzende Politik, schiebt der Regierungsflügel einen Sündenbock vor. Zuerst werden „ausländische Kräfte“ bezichtigt, Länder, die „nicht wollen, dass die Türkei sich entwickelt“, meistens geht es gegen den Westen, ohne dass Namen genannt werden. Zieht dieses Material nicht mehr, werden Supermarktketten als vermeintlich Verantwortliche für die Teuerung zur Zielscheibe. Strafen von einigen Dutzend Millionen Euro werden verhängt.

Das stellt aber weder die Öffentlichkeit zufrieden, noch macht es unsere Grundnahrungsmittel günstiger. Die aktuelle Ausrede für die Explosion der Inflation ist der Russland-Ukraine-Krieg. Nun heißt es: „Ihr seht doch, die ganze Welt hat mit Inflation zu kämpfen.“ Richtig, überall auf der Welt steigt die Inflation, aber warum beträgt sie bei uns nahezu 80 Prozent, während sie in Deutschland bei 8,5 Prozent liegt? In der Ukraine beträgt sie 21,5 und in Russland 15,9 Prozent. Weltweite Steigerungen werden geltend gemacht, um die Tatsache zu verschleiern, dass Erdogan die Wirtschaft fragil gemacht und in die Krise geführt hat.

Die Städte speien die Mittelschicht aus

All diese „säkularen“ Gründe konnten das Scheitern des Erdogan-Regimes in der Wirtschaft nicht vernünftig erklären, nun werden „göttliche“ Kräfte ins Feld geführt. Die staatliche Religionsbehörde Diyanet hat die Debatte mit einer Fatwa beendet. In einer Zeit, da die Regierung ausländische Kräfte, Supermarktketten und den Krieg bezichtigt, hat Diyanet in Beantwortung der Frage eines Bürgers die Verantwortlichen für die Preissteigerungen benannt: „Ohne Zweifel ist es ausschließlich Gott, der die Preise festlegt, der ernährt, der Mangel beschert wie auch Fülle.“

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Kurz gefasst, sagt unser Staat also, sucht den Verantwortlichen für die Teuerung nicht auf Erden. Diese Erklärung kam ausgerechnet an dem Tag, an dem Erdogan sich mit seiner Unterschrift die Kompetenz übertrug, die Steuern um das Dreifache zu erhöhen. Wie geht es in der Wirtschaftskrise denn der Religionsbehörde selbst, die mit der Aussage „Armut ist eine Prüfung durch Hunger“ den konservativen Wählerschichten die Botschaft übermittelt: „Lehnt euch nicht auf“, oder, anders ausgedrückt: „Kehrt der AKP auf keinen Fall den Rücken?“ Das Diyanet leidet selbstverständlich nicht in gleicher Weise wie wir Sterblichen, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres hat es mit Ausgaben von beinahe 540 Millionen Euro einen neuen Rekord aufgestellt.

Wie auch nicht? Wenn Sie in diesem Land Absolvent der Theologie sind, gehören Sie zur glücklichen Gruppe jener, die als Einstiegsgehalt mehr als den Mindestlohn erhalten. In der Kommunikationsbranche dagegen steigen 76 Prozent mit Mindestlohn ein, im Gesundheitswesen 70 Prozent. Am Ende der Liste stehen jene, die am wenigsten von Mindestlohn betroffen sind: Absolventen der Islamwissenschaften. Von ihnen starten nur 34 Prozent mit Mindestlohn ins Berufsleben. Wobei auch die Zahl jener steigt, die nicht einmal den Mindestlohn von umgerechnet 300 Euro haben. Offiziellen Angaben zufolge erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen binnen Jahresfrist um 542.000 Personen. Denen, die ihren Job verlieren, sei gleich gesagt: Lehnt euch nicht auf! Auch für eure Arbeitslosigkeit ist vermutlich nicht die Regierung verantwortlich, denkt nur an die Worte der Religionsbehörde.

Kommen wir zu denen, die noch Arbeit haben. Aufgrund der wirtschaftlichen Umstände, der politischen Atmosphäre und weil Leistung nicht mehr zählt und staatliche Stellen irregulär besetzt werden, nimmt die Auswanderung weiter zu. Selbst Beamte, die Erdogan vor Jahren in einer Rede als Beispiel hochhielt, kündigen und gehen. Der Beamte Ahmet Katiksiz etwa beschwerte sich: „Bevor ich mich unter Vorgesetzten abstrampele, die irregulär eingestellt wurden, bin ich jetzt in einem anderen Land, in Belgien. Bitte schön, da habt ihr eure Positionen!“

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Was wir erleben, ist nicht bloß eine politische oder wirtschaftliche Krise. Wir stecken zugleich in einem ernsthaften demographischen und sozialen Umbruch. Die Städte speien die Mittelschicht aus. Die Teuerung der Lebenshaltungskosten erlaubt es der Mittelschicht nicht, ihr Leben in den Metropolen fortzuführen. Ich will Ihnen von einer Beobachtung aus Istanbul berichten, von wo ich Ihnen diesen Brief schreibe: Die Stadt verwandelt sich in einen Ort, an dem nur noch Reiche leben und die Armen, die für sie arbeiten. Allein wohnende junge Leute ziehen zu ihren Familien zurück, weil sie ihre Mieten nicht mehr aufbringen können. Wer sich nicht länger in der Großstadt halten kann, wendet sich günstigeren Städten in Anatolien zu. Und dann gibt es da die Leute, die für diese Zustände auf Erden gesorgt haben und nun die Verantwortung dafür dem Himmel zuschieben. Wie sollten wir da nicht wütend werden? Wie sollten wir da ohne 320 Millionen Schachteln Nervenmedikamente jährlich auskommen? Wie sollten wir da weiter ohne Narrenkappe aus dem Haus gehen?

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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