Brief aus Istanbul

Wir sind keine Veganer, sondern bitterarm

Von Bülent Mumay
06.11.2020
, 14:20
In der Türkei können sich Menschen kein Brot mehr leisten. Ihr Staatspräsident kritisiert eine Spendenaktion des Koalitionspartners. Die hiesigen Medien schweigen dazu – bis auf eine Ausnahme.

Da die Medien in der Türkei größtenteils vom Palast gelenkt sind, haben die Menschen Mühe, Tatsachen in Erfahrung zu bringen. Bis auf ein paar kleine Zeitungen und drei, vier Websites gibt es keinen Kanal zur Information breiter Gesellschaftsschichten. Türkischsprachigen Diensten ausländischer öffentlich-rechtlicher Publikationsorgane gelingt es aber doch, die Belagerung der Presse zu durchbrechen.

Zur türkischen Fassung der Kolumne
Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın

Einer dieser Sender ist die Deutsche Welle. Jüngst führte dort ein Bericht die Auswirkungen der Wirtschaftskrise vor Augen. Darin hieß es, in den ersten acht Monaten dieses Jahres sei gegen rund 600.000 Personen Vollstreckung angestrengt worden, weil sie außerstande sind, ihre Schulden zu zahlen. Wer in der Not Schulden macht oder einen Kredit aufnimmt und, kann er diese nicht begleichen, zur Tilgung neue Kredite aufnimmt, hat Schwierigkeiten.

Er glaubt es einfach nicht

Zu den Menschen, die in der Schuldenspirale stecken, gehört auch eine Vierundsiebzigjährige. Nach vierzig Jahren Arbeit ging sie in Rente. Sie lebt allein, musste aber Schulden machen, da sie mit ihren 245 Euro Rente nicht auskommt: „Ich habe die Schulden mit neuen Schulden beglichen, dann beantragte die Bank die Vollstreckung. Ich komme nicht über die Runden. Manche Tage habe ich nicht genug zu essen. Ständig rufen Banken an, ich gehe nicht mehr ran. Ich bin völlig fertig. Ich würde die Schulden ja bezahlen, aber ich habe nicht die Mittel dazu.“ Wie es der Rentnerin erging, erfuhren wir nicht aus den vom Palast kontrollierten Medien. Ebenso wenig, wie der Fahrer Mesut Ince, der an den Bus herantrat, aus dem heraus Erdogan die Bevölkerung grüßte, klagte, er könne kein Brot mehr heimbringen. Obwohl er Mitglied der AKP ist, fand er den Mut, seine wirtschaftliche Not Erdogan ins Gesicht zu sagen. Erdogans Antwort zeigte, wie weit entfernt der Palast von der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung ist: „Das kommt mir ein bisschen übertrieben vor.“ Dazu reichte er dem Mann eines der Pakete, die er gerade verteilte: Er solle den Tee genießen. Was meinen Sie, welche Meldung die Palast-Medien dazu brachten? Vor der Kamera der zum Propagandabulletin mutierten Nachrichtenagentur Anadolu musste Mesut Ince folgende Erklärung ablesen: „Meine Worte sind verdreht worden. Dass wir kein Brot heimbringen können, habe ich in übertragenem Sinn gemeint. Wir stehen weiter an der Seite von Staatspräsident Erdogan.“

Mit solchen Propagandaaktionen versucht die Regierung, die Realität auf den Kopf zu stellen. Doch sie lässt sich nicht verheimlichen. Die Bevölkerung spürt die Auswirkungen der Krise bis ins Mark. Nach Berechnungen von Wissenschaftlern liegt die Inflation viermal höher als von der Regierung angegeben. Wer den Mindestlohn verdient, konnte sich zu Jahresbeginn dafür 2324 Brotlaibe kaufen, jetzt nur noch 1550. Die Lage ist so schlimm, dass sogar die mit Erdogan koalierende, ultranationalistische MHP für Bürger, die kein Brot mehr kaufen können, die Kampagne „Brot in der Tüte“ auflegte: An Ständen auf großen Plätzen wurde gratis Brot verteilt.

Das gefiel Erdogan natürlich nicht. Sein Statement vor den Kameras lautete: „Gibt es heute in der Türkei irgendjemanden, der kein Brot heimbringen kann? Glaubt ihr das? Wir sind ein Land, dem es mit am besten auf der Welt geht.“ Eine erwartbare Reaktion, denn er persönlich leidet ja nicht unter der Krise. Die Leute sind auf Brot in der Tüte angewiesen, das Budget für seine Paläste aber wurde um 273 Prozent erhöht.

Hohe Zinsen, kein Kredit

Es geht natürlich nicht allein um Brot. Wir können uns kein Fleisch mehr kaufen, nicht, weil wir alle Veganer sind, sondern aufgrund der Wirtschaftskrise. Der Konsum roten Fleisches ist im Laufe der vergangenen zwölf Monate um dreißig Prozent gesunken. Der Verkauf von Nudeln, einem der günstigsten Nahrungsmittel, stieg um 25 Prozent. Einer universitären Studie zufolge reicht in 38 Prozent der Haushalte das Geld nicht mehr für den Lebensmittelbedarf aus. Siebzig Prozent der Bürger kommen kaum über die Runden. Aus Verzweiflung häufen sich die Suizide. In den letzten fünf Jahren, die wir in der Wirtschaftskrise stecken, setzten 1380 Personen ihrem Leben aus wirtschaftlicher Not ein Ende.

Die makroökonomischen Signale lassen nicht auf eine Erholung der Wirtschaft hoffen. Vor dem systemverändernden Volksentscheid 2017 hatte Erdogan versprochen: „Mit dem Präsidialsystem wird unsere Wirtschaft abheben.“ Was tatsächlich abhob, sind unsere Schulden, die Inflation und die Devisenkurse. In den letzten drei Jahren stiegen Dollar und Euro im Verhältnis zur türkischen Lira um 130 Prozent. 2002, als die AKP an die Regierung kam, betrug die Auslandsverschuldung der Türkei 114 Milliarden Dollar. Sie liegt heute bei 421 Milliarden Dollar. Obwohl wir zu den Ländern gehören, die weltweit die höchsten Zinsen zahlen, gibt uns keiner Kredit. Kein internationales Finanzunternehmen reagierte positiv auf die Suche des von Erdogan und seinem Schwiegersohn geleiteten Vermögensfonds nach Krediten im Ausland.

Die staatliche Nachrichtenagentur schweigt dazu

Um all dies vergessen zu machen und die Tagesordnung zu ändern, brauchte es einen neuen Feind. Die Erklärungen Macrons nach der brutalen Ermordung eines Lehrers in Frankreich wegen der Mohammed-Karikaturen aus der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ kamen Erdogans Verlangen entgegen. Der Vorwurf, sie seien islamfeindlich, diente ihm als Vorwand, die Bürger zum Boykott französischer Waren aufzurufen. Als trügen wir alle wie seine Gattin Handtaschen der Marke Hermès im Wert von 45.000 Euro bei uns.

F+ FAZ.NET komplett

Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

Hinter der Krise mit Frankreich steckt eine nicht leicht zu vergessende Schmach. Zehn Tage lang verurteilte die Türkei nicht, dass der Lehrer Samuel Paty enthauptet worden war. Erst nachdem Erdogan Macrons Äußerungen als innenpolitisches Instrument benutzt hatte, twitterte Palast-Sprecher Ibrahim Kalin: „Wir lehnen solche Barbarei ab.“ Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu brachte keine einzige Meldung über den brutalen Mord.

Die durch unsere Steuern finanzierte Agentur meldete auch nicht, dass die Journalistin Çigdem Akbayrak zu einem Jahr Haft verurteilt wurde, weil sie Erdogan als Diktator bezeichnet hatte. Ebenso wenig, dass für einen Arbeiter, der Erdogan in den sozialen Medien kritisiert hatte, zwölf Jahre Gefängnis gefordert werden. Sie berichtete nicht über den Mann, der Kritik an Innenminister Süleyman Soylu übte, woraufhin wegen Terrorismus gegen ihn ermittelt und seine Wohnung durchsucht wurde, sämtliche persönlichen Daten der Familie wurden publik gemacht. Sie meldete auch nicht, dass die Wohnung eines Bürgers gestürmt wurde, der sich bei einer Straßenumfrage über die Wirtschaftslage beklagt hatte. Die Nachrichtenagentur Anadolu war derweil damit beschäftigt zu berichten, wie schwer Inhaber türkischer Cafés in Berlin wirtschaftlich von Corona getroffen sind.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot