Brief aus Istanbul

Alle Geschäfte aus einer Hand

Von Bülent Mumay
21.02.2019
, 11:21
Die Macht hält Erdogan allein in seinen Händen, bei Geschäftemacherei lässt er auch andere ran, wenn sie ihm nützlich sind.
Seit dem gegen ihn gescheiterten Putsch setzt Präsident Erdogan überall Vasallen ein – auch bei den von ihm kontrollierten Medien. Sein neuester Coup sind Fußballwetten.
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Die Türkei stand nicht über Nacht vor dem Putschversuch vom 15. Juli 2016. Die erste Lunte des Zwistes zwischen den hinter dem Umsturz steckenden Gülenisten und der Erdogan-Regierung wurde bereits am 7. Februar 2012 gezündet. An diesem Datum setzten die Gülenisten, damals noch inoffizielle Koalitionspartner der AKP, die in ihre Hände gegebene Polizei und Justizbürokratie ein und stellten erstmals die Macht von Erdogan, mit dem sie jahrelang gemeinsam agiert hatten, auf die Probe. Gülenistische Funktionäre luden den Chef des Geheimdienstes MIT, der die Unterhandlungen mit der PKK führte, zur Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft vor. Ziel war es, den für den Geheimdienst zuständigen Staatssekretär Hakan Fidan, einen der engsten Mitarbeiter Erdogans, zu verhaften, die laufende Initiative zur Lösung der kurdischen Frage zu blockieren und Erdogan vor der Öffentlichkeit als einen Staatschef hinzustellen, der mit Terroristen verhandelt.

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Die erste Runde des Kampfes, der aus noch immer nicht ganz geklärten Gründen zwischen den beiden Partnern ausgebrochen war, ging allerdings an Erdogan. Er ließ sich von den Gülenisten nicht erpressen und seinen Geheimdienst-Staatssekretär nicht zur Vernehmung abholen. Als die Polizisten an der Tür des MIT den Geheimagenten desselben Staates gegenüberstanden, mussten sie einen Rückzieher machen. Trotz dieses Kräftemessens im Februar 2012 zog Erdogan nicht offen in die Schlacht gegen die Gülenisten. Er trat sogar ein paar Monate darauf bei der Abschlusszeremonie der Türkisch-Olympiade der Gülenisten in Istanbul auf, einer gewaltigen Machtdemonstration der Bewegung, und rief Fethullah Gülen, ihren in den Vereinigten Staaten lebenden Anführer, mit folgenden Worten zur Rückkehr in die Türkei auf: „Fremde bedeutet Sehnsucht. Der Preis der Sehnsucht ist gewaltig. Wir wollen jene, die in der Fremde sind und sich nach dem Boden der Heimat sehnen, bei uns haben. Wir sagen, das Heimweh soll endlich ein Ende haben.“

Bülent Mumay
Bülent Mumay Bild: privat

Erdogans von Gülens Anhängern euphorisch beklatschte Einladung nützte nichts. Die Spannungen zwischen den beiden ehemaligen Partnern erreichten mit den Korruptionsermittlungen gülenistischer Polizisten und Justizkader am 17. Dezember 2013 ihren Höhepunkt. Funktionäre, die Erdogan persönlich an die Spitze von Justiz und Polizei gesetzt hatte, drückten den Knopf. Erstes Ziel der Gülenisten waren vier Minister in Erdogans Kabinett. Belege dafür, dass diese über Monate observierten Minister sich hatten bestechen lassen, wurden an die Presse durchgesteckt, bei frühmorgendlichen Razzien wurden die Söhne von zwei Ministern und mehrere Unternehmer festgenommen. Der zweite Teil der Operation sollte am 25. Dezember stattfinden. Diesmal war das Ziel noch höher gesteckt. Im Visier der gülenistischen Polizisten stand Erdogans jüngster Sohn Bilal. Doch in einer Kontra-Operation entließ Erdogan gülenistische Polizisten und Staatsanwälte und vereitelte damit den gegen seine Familie gerichteten Einsatz.

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Unter Tränen am Telefon

An jenem Tag begann Erdogan, sämtliche staatlichen Kader von Gülenisten zu säubern. Als den Gülenisten in der Armee klar wurde, dass sie als nächste an der Reihe sein würden, versuchten sie am 15. Juli 2016 als letzte Chance den Umsturz.

Dieser „Bruderkrieg“, der auch noch die letzten Überbleibsel von Demokratie in der Türkei hinwegfegte, hatte eine einzige positive Seite. Mit eigenen Ohren erfuhren wir, wie das schmutzige Getriebe funktionierte und wie die Politik Geschäftswelt und Medien kontrollierte. Um sich bei der Anti-Korruptions-Operation gegen Erdogan am 17. Dezember 2013 des Einverständnisses der Öffentlichkeit zu versichern, griffen die Gülenisten zu einer interessanten Taktik. Sie leakten auf Youtube Telefonmitschnitte, die auf legalen wie auch auf illegalen Wegen zustande gekommen waren. Da hörten wir, wie Erdogan den Leiter eines Fernsehsenders tadelte, weil ihm ein Experte, den er auf dem Bildschirm gesehen hatte, nicht gefiel, oder wie er einen Beamten wegen des nicht von ihm abgesegneten Verkaufs einer öffentlichen Fläche herunterputzte. In diesen geleakten Mitschnitten von Telefongesprächen hörte ich eines Tages sogar meinen eigenen Namen. Gemeinsam mit der gesamten Türkei hörte ich auf Youtube, wie Mustafa Varank, ein enger Vertrauter Erdogans, sich über das Nachrichtenportal beschwerte, das ich damals leitete. Der Mitschnitt, der mich persönlich am meisten schaudern ließ, war aber gar nicht der über mich. Erschütternd war, wie ein regierungstreuer Unternehmer am Telefon in Tränen ausbrach, als Erdogan ihn zurechtwies. Erdogan Demirören war damals fünfundsiebzig Jahre alt, er wurde wegen einer Schlagzeile in der Zeitung gescholten, die er auf Erdogans Geheiß hin aufgekauft hatte. Demirören sprach Erdogan mit „Boss“ an. Als er auf seine Frage: „Haben wir Sie betrübt?“ die Antwort erhielt: „Niederträchtig habt ihr euch benommen, ehrlos!“, brach er in Tränen aus. Bevor Erdogan auflegte, bekräftigte Demirören seine Loyalität mit den Worten: „Wie bin ich denn in diese Sache eingestiegen und für wen?“

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Mit staatlichen Krediten

Der offenkundigste Beweis für Erdogans Operation, die Medien in der Türkei zu lenken, war dieser illegale Telefonmitschnitt. Damit wegen eines Berichts, der ihm nicht gefiel, der Redakteur und der Reporter, deren Namen darunter standen, entlassen wurden, brachte er am Telefon den Chef zum Weinen. Die Tränen aber hatten ihren Preis. Jede einzelne war Millionen von Dollar wert. Man ließ sich reichlich dafür entlohnen, dass man Zeitungen für Erdogan aufkaufte und auf regierungsnahe Berichterstattung trimmte. Staatliche Ausschreibungen gingen an loyale Unternehmer, die erzeugte Rendite floss als Propagandadienstleistung an den Palast zurück. Es war natürlich kein Zufall, dass wenige Monate vor den heiklen Präsidentenwahlen 2018 die stärkste Mediengruppe der Türkei eben jenem Unternehmer übertragen wurde, der damals am Telefon geweint hatte. Mit dem Ziel, mögliche Kritik vor den Wahlen gar nicht erst aufkommen zu lassen, sorgte Erdogan dafür, dass Demirören von einer staatlichen Bank einen Kredit über 700 Millionen Dollar erhielt und damit Inhaber der größten Mediengruppe des Landes wurde.

Vor einigen Monaten verstarb Demirören, in seine Fußstapfen trat sein Sohn Yildirim Demirören, der auch dem türkischen Fußballverband vorsteht. Dieser Mann, der zugleich die Welt des Fußballs dirigiert wie auch ein riesiges Medienimperium leitet, bekam letzte Woche den Zuschlag für eine weitere brisante Ausschreibung. Damit erhielt er das Monopol über die staatlichen Fußballwetten. Der Unternehmer, der in seiner Eigenschaft als Präsident des Fußballverbands für die Organisation der Spiele zuständig ist, lenkt also künftig auch die Wetten für diese Spiele! Und seine Medien kommentieren eben diese Spiele! Es ist schon eine Weile her, dass man sich in der Regierung des Landes von der Gewaltenteilung verabschiedet hat. Offenbar sollen im Einmannstaat nun auch die Geschäfte „aus einer Hand“ gemanagt werden.

Der Unternehmer, der in seiner Eigenschaft als Präsident des Fußballverbands für die Organisation der Spiele zuständig ist, lenkt künftig auch die Wetten für diese Spiele: Yildirim Demirören im September 2018 in Nyon.
Der Unternehmer, der in seiner Eigenschaft als Präsident des Fußballverbands für die Organisation der Spiele zuständig ist, lenkt künftig auch die Wetten für diese Spiele: Yildirim Demirören im September 2018 in Nyon. Bild: Picture-Alliance

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.

Quelle: F.A.Z.
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