Briefe von Felix Mendelssohn Bartholdy

Majestät, wir brauchen ein Konservatorium

Von Jan Brachmann
24.08.2010
, 13:59
In einem Briefentwurf an den sächsischen König entwickelt Mendelssohn seine Gedanken zur Musikerausbildung
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In Leipzig wurden Briefe von Felix Mendelssohn Bartholdy gefunden. Ein Glücksfall jenseits des antiquarischen Wertes: Die Briefe zeigen, wie der Komponist sich für Lehre und Kulturpolitik einsetzte.
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Es ist stärkend, von Zeit zu Zeit nach Leipzig zu fahren. Hier kam während der letzten Jahre vieles auf einen guten Weg. Die Universitätsbibliothek wurde vorbildlich saniert: mit großer Sensibilität dem alten Bau gegenüber und mit phantastischen Möglichkeiten für heutige Leser. Neue Musikermuseen für Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Clara und Robert Schumann sind in deren ehemaligen Privatwohnungen entstanden - nicht nur durch staatliches, sondern durch bürgerschaftliches Engagement. Das Bach-Archiv wurde feuersicher gemacht und das dazugehörige Museum zwar etwas unpersönlich, aber hochfunktional umgestaltet.

Jetzt ereignet sich in Leipzig ein neuer Glücksfall: Der Bibliothek der Hochschule für Musik und Theater sowie dem Stadtgeschichtlichen Museum gelang beim Auktionshaus Sotheby's in London der Ankauf zweier Konvolute mit Briefentwürfen von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Freude ist deshalb so groß, weil die insgesamt achtundzwanzig Seiten keinen bloß antiquarischen Wert haben. Die Blätter aus den Jahren 1839 und 1840 waren der Forschung bislang unbekannt; von Endschriften weiß man auch nichts. Zugleich aber berühren sie zwei der wichtigsten Institutionen des europäischen Musiklebens: das Konservatorium und das Gewandhausorchester in Leipzig.

Aufschwung des Orchesters

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Der Komponist, Pianist und Dirigent Felix Mendelssohn Bartholdy war im September 1835 zum Gewandhauskapellmeister ernannt worden. Binnen weniger Monate gewann der Aufschwung des Orchesters unter seiner Leitung internationale Ausstrahlung. Allerdings stand es um die Arbeitsbedingungen der Musiker schlecht. Neben Konzertauftritten hatten sie im Opernhaus und in den Kirchen Dienste zu tun. Die Gehaltsrichtlinien für alle drei Bereiche stammten aus den Jahren 1803, 1817 und 1822. Nun war inzwischen die Zahl der Dienste gestiegen, ohne dass den Gehältern das Gleiche widerfuhr. Am 19. Juni 1838 sandten die Orchestermusiker deshalb eine Eingabe an den Rat der Stadt, die folgenlos blieb. Erst anderthalb Jahre später bewilligten die Ratsherren dem Orchester eine Etaterhöhung um fünfhundert Taler.

Der Komponist, Dirigent und Pianist Felix Mendelssohn Bartholdy in einer zeitgenössischen Darstellung
Der Komponist, Dirigent und Pianist Felix Mendelssohn Bartholdy in einer zeitgenössischen Darstellung Bild: dpa

Wir wissen jetzt, warum das erst zu diesem Zeitpunkt geschah. Das Konvolut, das sich seit neuestem im Stadtgeschichtlichen Museum befindet, besteht aus Briefentwürfen an den Rat der Stadt. Es lässt sich, nach Auskunft der Kuratorin Kerstin Sieblist, ziemlich genau auf den September 1839 datieren. Mendelssohn schildert die Rechtslage, aber auch die Umstände, dass exzellente Musiker gezwungen sind, abends in Gasthäusern „Walzer und Märsche“ zu spielen, weil sie dort „mehr als das doppelte von dem einnehmen was ihnen das Concert gebracht hatte“.

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Briefentwurf als institutionsgeschichtlicher Beleg

Zunächst wussten wir nur aus einem Brief an den Pianisten Ignaz Moscheles vom 30. November 1839, dass der junge Kapellmeister für seine Musiker kämpfte: „Ich habe ihnen mit unsäglicher Lauferei, Schreiberei und Quälerei eine Zulage von 500 Thalern ausgewirkt, und ehe ich von hier weggehe, müssen sie mehr als das Doppelte haben.“ Jetzt liegt mit dem Briefentwurf auch ein institutionsgeschichtlicher Beleg für das Engagement Mendelssohns vor. Möglicherweise taucht bald die Endschrift an einem unvermuteten Ort des Leipziger Ratsarchivs auf.

In dem Konvolut findet sich nämlich auch eine Anweisung Mendelssohns an den Ratsherrn Carl Wilhelm August Porsche, nach welchem Verteilungsschlüssel die fünfhundert Taler verwendet werden sollen. Mendelssohn selbst verlangte für sich nichts, doch war seine Mühe keineswegs uneigennützig, da er nur so die Abwanderung seiner besten Kräfte etwa nach Dresden aufhalten konnte, wo - wie er im Entwurf festhält - Klarinetten, Fagotte und Hörner allein schon so viel verdienten wie in Leipzig das ganze Orchester.

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Konzeption für die Gründung des Leipziger Konservatoriums

Das Konvolut, das die Hochschule für Musik und Theater erwerben konnte, lässt sich dank einer dort skizzierten Repertoireplanung für die Konzertsaison 1839/40 etwa auf diese Jahreswende datieren. Es enthält nichts Geringeres als die Konzeption für die Gründung des Leipziger Konservatoriums, der ersten Musikhochschule Deutschlands, zuzüglich der Statuten in elf Paragraphen. Im Februar 1839 war der Leipziger Oberhofgerichtsrat Heinrich Blümner gestorben und hatte dem sächsischen König Friedrich August II. ein Legat von zwanzigtausend Talern hinterlassen zur Einrichtung eines „gemeinnützigen vaterländischen Instituts“. Bislang waren nur Dokumente bekannt, in denen Mendelssohn sich an den Kreisdirektor Johann Paul von Falkenstein mit der bitte gewandt hatte, beim König die Widmung des Legats für ein Konservatorium zu erwirken.

Der neue Fund aber beginnt mit der Anrede „Er. M.“, also „Eure Majestät“. Mendelssohn unterbreitet hier dem König direkt seinen Vorschlag. Dem Entwurf kann man entnehmen, dass er die neue Ausbildungsstätte ursprünglich dem Gewandhaus unterstellen wollte, dessen Musiker ja auch 1843 zu den ersten Professoren gehörten. Erst im Verlauf des Nachdenkens entschied er sich für „ein selbstständiges Institut“, wie es in Paragraph 1 der Satzungsskizze heißt. Neben den Konservatorien in Paris, Wien und Sankt Petersburg wurde das Leipziger Institut, anfangs unter Mendelssohns Direktion, dann im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert zur wichtigsten Bildungseinrichtung dieser Art in Europa, besonders für Musiker aus Großbritannien und Skandinavien.

Musikgeschichte ist nicht nur eine Geschichte der Werke als Partituren

Die Erwerbungen wurden am Montag in Leipzig offiziell vorgestellt. Möglich geworden sind sie, weil die Direktorin der Hochschulbibliothek, Barbara Wiermann und die Kuratorin des Museums, Kerstin Sieblist, schon im Vorfeld so exzellent zusammengearbeitet haben. Eine Institution allein hätte die Kaufsumme nicht aufbringen können. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und zahlreicher Privatspenden gelang es nun beiden Häusern, die mehr als 32 500 Euro zusammenzubekommen. Über den Vorbesitzer weiß man nur, dass er aus Deutschland stammt.

Die neuen Dokumente können noch Eingang finden in die Edition sämtlicher Briefe Felix Mendelssohn Bartholdys, die an der Universität Leipzig im Entstehen ist. Für das Mendelssohn-Bild zeichnet sich nun deutlicher ab, welches Gewicht Lehre und Kulturpolitik in der immensen Lebensarbeitsleistung Mendelssohns hatten. Musikgeschichte ist nicht nur eine Geschichte der Werke als Partituren. Barbara Wiermann, die jetzt mit dem Neuankauf das älteste Stück in ihrer Sammlung hat, wünscht sich zumindest, dass die Institutionsgeschichte auch in der Forschung künftig mehr Achtung genießen möge.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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