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Dino-Ikone

Der Stehaufsaurier

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
 - 09:27
Ein Ur-Viech, das jedes Kind kennt: Der Brontosaurus

Wir begrüßen eine Wiedergeburt. Oder besser: ein Revival. Ostern ist ja vorbei, und Auferstehung erscheint uns zu stark – denn eine Messe müssen wir deswegen wirklich nicht feiern. Aber vielleicht ein großes Fest, denn wenn die Wissenschaftsgemeinde akzeptiert, was jetzt in einem zoologischen Journal auf 300 Seiten ausgebreitet wird, dann sind wir Zeuge einer wahrhaft titanischen Erweckung. Brontosaurus ist zurück! Die mächtige Donnerechse. Jeder hat sofort das Bild dieses gigantischen langhalsigen friedfertigen Dinosauriers vor Augen, der seinen mit Tonnen von Laub gefüllten Bauch einst durch die Wälder der Urzeit schleppte und unter seinem Gewicht zusammenzubrechen drohte. 34 Tonnen, 26 Meter; die mickrigen Menschlein, die man in Büchern stets daneben zu zeichnen pflegt, haben uns die Augen geöffnet.

Größe, das haben wir schnell begriffen, kann von einem bestimmten Zeitpunkt an zum Nachteil werden. Der Dinosaurier hat es jedenfalls nicht gepackt, wir sind jetzt da. Doch plötzlich wird die Sache wieder spannend. Denn der Brontosaurus ist nicht einmal, er ist sogar zweimal ausgestorben. Und er ist offensichtlich auch der einzige Dinosaurier, der sein Fortleben allein seinem Charisma zu verdanken hat. Genau genommen, gibt es die Echsengattung Brontosaurus nämlich bereits seit 1903 nicht mehr. Zwar hatte der amerikanische Paläontologe Charles Marsh 1879 nach der Auswertung eines kopflosen Riesenskeletts die Gattung Brontosaurus gegründet und von einem zwei Jahre früher entdeckten, als Apatosaurus bezeichneten Dinosaurier unterschieden. Aber nach weiteren Funden, die als Zwischenformen identifiziert wurden und anatomisch sehr ähnlich waren, entschied man 1903, kurz nach Marshs Tod, die beiden in einer Gattung zusammenzuführen. Die spätere der beiden Namensnennungen – Brontosaurus – wurde gestrichen.

Wissenschaftlich war die Donnerechse damit tot. Außerhalb des akademischen Dickichts jedoch wurde ihr Name zur Ikone. Die Legenden um den Giganten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer um die Welt, per Überschallknall soll er sich unterhalten haben, erzeugt von seinem mächtigen, verletzlichen Schwanz. Vielleicht lag es am Ende an der Bezeichnung des Apatosaurus – „trügerische Echse“ –, dass man immer wieder zum Brontosaurus zurückfand. Jedenfalls hat sich ein britisch-portugiesisches Forscherteam 81 der mehr als hundertdreißig Millionen Jahre alten Riesenskelette – darunter einige neuere Funde – vorgenommen und nach der Auswertung zahlreicher anatomischer Details eine Lösung gefunden. Die Merkmalstatistik, schreiben sie, zeige: Brontosaurus war eben doch anders. Einzigartig. Phänomenal. Unsterblich. Und noch ein Gigant muss dazu gehört werden, Alexander von Humboldt: Überall, wusste er, geht frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus. Ein Hoch auf die braven Kolosse.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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