Buch- und Schriftmuseum Leipzig

In den Wunderkammern des Wissens

Von Hannes Hintermeier
17.03.2012
, 17:35
So radikal neu gestaltet man im Jahr 1925: „Die Kunstismen“, herausgegeben von El Lissitzky und Hans Arp
Die Buchmesse geht vorüber, die neue Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums bleibt. Hier sorgt die Geschichte der Schriftkunst für leuchtende Augen.

Achtung, Kulturpessimisten: Von einem Abgesang kann keine Rede sein. Die Deutsche Nationalbibliothek macht sich im Gegenteil zu ihrem hundertsten Geburtstag selbst ein Geschenk. In dem im Vorjahr eröffneten Erweiterungsbau des Deutschen Buch- und Schriftmuseums wurde soeben die neue Dauerausstellung präsentiert. Sie hat das Zeug zum Dauerbrenner. Und sie setzt ein Zeichen, dass mit der Buchstadt Leipzig weiterhin zu rechnen ist. Voraussetzung ist allerdings, dass beim geschätzten Publikum die Einsicht vorliegt, dass wir im Kontinuum einer sich ständig wandelnden Schriftkultur leben.

Die Dimension dieses Umstands macht die Schau beeindruckend deutlich. Sie verfolgt die zivilisatorische Linie, beginnend mit einem schwarzen Obelisken, der Tributleistungen und Feldzüge des assyrischen Königs Salmanassar III. im neunten vorchristlichen Jahrhundert verzeichnet. Sie endet mit dem binären Blinken des allgegenwärtigen Internets auf dem Weg zu einem Welthirn, das auf Knopfdruck über sämtliche Informationen verfügt. Das handschriftliche Schreiben scheint darüber aus der Mode zu kommen, als sei es eine lästige, überholte Pflichtübung der analogen Vergangenheit. Dass damit auch die Feinmotorik geübt wird, die man als Kind in vielen Zusammenhängen benötigt, auch das wird hier in schöner Deutlichkeit vermittelt.

Das Alphabet als Zugangsmittel

Alle Tonscherben, Himmelsscheiben, Wachstafeln und Keilschriften sind Geschichte, als das Alphabet seinen Siegeszug beginnt. Gleich drei große Weltreligionen - Judentum, Christentum, Islam - sind Schriftreligionen mit heiligen Büchern. Die Tora lässt keinen Buchschmuck zu, der Koran nur ornamentales Zierwerk, keine Bilder. Einen ganz anderen Weg war da längst der Osten gegangen: China nutzt seit dreitausend Jahren ein Schriftsystem mit achtzigtausend Zeichen, wovon ein Zwanzigstel im Alltagsbetrieb zum Einsatz kommt. Die geringe Zeichenzahl macht das alphabetische System schlagkräftig; und als der Buchdruck hinzukommt, verlagert sich die Buchproduktion vom mönchischen Schrifttum auf eine zunehmend säkulare Ausrichtung. Und sie explodiert förmlich, als mit der Industrialisierung im neunzehnten Jahrhundert neue technische Möglichkeiten geschaffen werden.

Auf Rinde geschrieben: Leporello mit Zauberformeln aus Sumatra um 1800
Auf Rinde geschrieben: Leporello mit Zauberformeln aus Sumatra um 1800 Bild: DNB

Diese Entwicklung handelt ein komprimiertes Alphabet von A wie Arbeitsteilung bis Z wie Zeitung ab. Die Geschichte des Buchhandels, ein Abstecher zum Urheberrecht und zur Druckmaschinentechnologie fehlen ebenso wenig wie eine Station zur Zensur, zu Bibeldrucken, Handpressen und Buchgestaltung. Herrliche Bücher sind in der Abteilung „Ästhetik des Buchs“ zu bewundern, so etwa William Morris’ „The Golden Legend“ (1892), Oskar Kokoschkas „Die träumenden Knaben“ in der Ausgabe von Offizin Berger & Chwala (Wien 1908) oder Paul Renners Band „mechanisierte grafik“ von 1930. In der Abteilung „Lesewelten“ geht es auch um Lesesituationen; die weitverbreitete Lesezelle des stillen Örtchens hat man vornehm unterschlagen.

Einsicht statt Draufsicht

Nimmt man den Museumsnamen ernst, könnte man sich etwas mehr Schriftkunst vorstellen. Es gibt eine Abteilung, die sich den Meistern der Typographie widmet, einsetzend mit Gianbattista Bodoni und Claude Garamond, werden die Verzweigungen der Schriftfamilien nur angedeutet. Ein Stammbaum wäre aufschlussreich gewesen, der jene Genealogie verdeutlicht, in die sich wegweisende Gestalter wie Edward Johnston (er schuf 1916 Johnston’s Railway Type), Ludwig Goller (seine DIN 1451 aus dem Jahr 1936 kommt auf deutschen Autobahnschildern zum Einsatz), Jan Tschichold (Sabon) und Hermann Zapf (Optima) einreihen.

Illustriert von Sibilla von Bondorf: Sammelhandschrift mit deutschen Texten zur heiligen Elisabeth von Thüringen, fertiggestellt im Jahr 1481
Illustriert von Sibilla von Bondorf: Sammelhandschrift mit deutschen Texten zur heiligen Elisabeth von Thüringen, fertiggestellt im Jahr 1481 Bild: DNB

Das Haus steuert aus seinem seit 1884 zusammengetragenen Fundus und aus dem Leipziger Grassi-Museum Hunderte von Exponaten bei, und es tut dies mit erkennbarer Begeisterung. Wer allen Geschichten nachgehen will, muss Zeit und Stehvermögen mitbringen. Das Kleine im Großen unterzubringen, so umreißt die Museumsarchitektin Gabriele Glöckler die Aufgabenstellung. Die auf drei Seiten verglaste Ausstellungsfläche umfasst stolze tausend Quadratmeter. Gelöst wird die Herausforderung vom Berliner Büro Iglhaut und von Grote mittels neun bumerangförmiger Vitrinen, die dank ihrer Höhe keine Draufsicht fordern, sondern Einsicht ermöglichen. Dazwischen fünf Sitzinseln, die allerdings zu weit entfernt stehen, um Exponate studieren zu können. Die Beschriftung ist weit unten angebracht, gelegentlich kann man Schubläden herausziehen, die Exponate bergen - etwa das Modell des Kabelverlegers „SS Great Eastern“, dessen Schiffssirene dröhnt.

“Niederschwellig“ ist die Ausstellung deswegen noch lange nicht. Künftig sollen die Besucher mittels iPad Fragen beantwortet bekommen, einen gewissen Mangel an sinnlicher Erfahrbarkeit wird diese interaktive Agieren gerade nicht ausgleichen: Papier möchte man anfassen und riechen können. Vierhundert Jahre hat Gutenbergs Erfindung reibungslos und nahezu unverändert ihren Dienst getan. Nach fünfzig Jahren Fernsehen als Leitmedium und zwanzig Jahren Internet wagt die kluge Schau keine Prognose. Sie leistet aber eine fundierte Rückversicherung, dass bei allen grundstürzenden Wandlungen die Schrift als Informationsträger keineswegs ausgedient hat.

„Zeichen - Bücher - Netze“. Von der Keilschrift zum Binärcode. Deutsches Buch- und Schriftmuseum, Leipzig. Ein Katalog soll im Lauf des Jahres erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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