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Kommentar zur Buchmesse

Frankfurter Liebe zur Meinungsfreiheit

Von Andreas Platthaus
 - 07:08

Die morgen beginnende Frankfurter Buchmesse wird getragen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Das unterscheidet sie von der zweiten Großveranstaltung dieser Art in Deutschland, der im Frühjahr ausgerichteten Leipziger Buchmesse. Dadurch ist Frankfurt weitaus mehr als Leipzig ein Forum der Selbstvergewisserung für die ganze Branche. Zudem ist die Frankfurter Veranstaltung, die 1949, nach der Teilung Deutschlands und Europas, Leipzig beerbt hatte, viel internationaler ausgerichtet: Sie ist die größte aller Buchmessen weltweit, wenn auch nicht mehr die wichtigste, was den Lizenzhandel angeht. Aber globale Aufmerksamkeit ist ihr immer noch gewiss, weil sie sich auch als politische Institution versteht und inszeniert.

Das unterstreicht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier durch seinen morgigen Besuch auf dem Messegelände, wo er einen neuen Veranstaltungsort eröffnen wird: den „Frankfurt Pavilion“. Der ist gedacht als künftiges Wahrzeichen der Buchmesse – durch seine vage herzförmig verschachtelte Holzarchitektur, mehr aber noch durch die Ereignisse, die darin stattfinden sollen. Der fortan jeweils nur für die Dauer der fünf Messetage zu errichtende Pavillon wird Lesungen, Diskussionen und Konzerte beherbergen, und im Zentrum dabei stehen Veranstaltungen zur Meinungsfreiheit. So wird Steinmeier morgen unter dem Titel „Vom Dafürhalten – Wie wir die Freiheit in stürmischen Zeiten verteidigen“ mit der kroatischen Autorin Ivana Sajko und dem belgischen Schriftsteller Stefan Hertmans über den weltweiten Siegeszug des Populismus diskutieren.

Eine neue moralische Unübersichtlichkeit

Wie stark wird jedoch dabei die politische Situation in Deutschland selbst zur Debatte stehen? Es ist auffällig, dass kein deutschsprachiger Schriftsteller daran teilnimmt, sondern eben der Bundespräsident, der qua Amt zur Überparteilichkeit verpflichtet ist – wenn auch nicht zur Unparteilichkeit, wie Steinmeier bisweilen schon bewiesen hat. Das gegenwärtige politische Engagement hiesiger Autoren nimmt sich, gemessen etwa an den legendären Einlassungen der Literaturnobelpreisträger Günter Grass und Heinrich Böll, zurückhaltend aus. Kein Wunder, dass Herta Müller als eine der meinungsstärksten und politisch entschiedensten Schriftstellerinnen die bislang letzte deutschsprachige Gewinnerin des Literaturnobelpreises war.

Nun hat diese Auszeichnung derzeit ihre eigenen Probleme, die eine Neupositionierung wohl nicht nur der sie vergebenden Schwedischen Akademie, sondern auch der Kriterien für die Preisvergabe nötig machen werden, wenn das literaturnobelpreislose Jahr 2018 nicht zum Dauerzustand werden soll. Als Schriftsteller ist man heute mehr Erwartungen ausgesetzt als den traditionellen erzählerischen und formalen: moralischen Erwartungen vor allem. Die weitgehende politische Zurückhaltung der deutschen Gegenwartsliteratur mag ihren Grund auch in einer neuen moralischen Unübersichtlichkeit haben.

Unpolitisches Schreiben gibt es wenig

Eine Neuorientierung aber ist mit Hilfe der Literatur einfacher möglich als mit der Politik, weil literarische Aussagen unverbindlicher sind als politische, ohne dabei weniger anregend oder bisweilen auch abstoßend zu sein. Die Entlastung der Literatur liegt in ihrer Fiktionalität, die allerdings schon immer eine Schutzbehauptung war: Unpolitisches Schreiben gibt es so wenig, wie es nichtmenschliches gibt; noch in der Verweigerung einer Haltung liegt eine solche. Wie generell in unserer Gesellschaft ist das bedrückendste Symptom nicht der Hass, von welcher Seite auch immer, sondern die Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Sie scheint in Deutschland ausgeprägter als in den Nachbarländern und -literaturen, in denen es jeweils schon länger brodelt.

Aber die Frankfurter Buchmesse hat sich in den vergangenen Jahren vor allem als Fürsprecherin der internationalen Meinungsfreiheit zu profilieren versucht, so zum Beispiel vor zwei Jahren mit Blick auf die Lage in der Türkei im damals frisch ausgerufenen Ausnahmezustand. Vor der eigenen Tür zu kehren, dafür schien es lange keine Notwendigkeit zu geben; ein umso einschneidenderes Erlebnis für die Veranstalter waren dann die Vorkommnisse des vergangenen Jahres in den Messehallen, als es rund um Stände von politisch rechts stehenden deutschen Verlagen zu Auseinandersetzungen bis hin zu Schlägereien kam.

In diesem Jahr hat die Buchmesse einen besonders umstrittenen Aussteller an den Rand verbannt, ja sogar ans Ende einer Sackgasse im Hallenplan, damit möglichst wenig Zufallsbegegnungen von Besuchern unterschiedlicher Meinung dort stattfinden. Begründet wird die Verlegung des Standes mit dessen Sicherheit und jener der Besucher, aber man spürt die wahre Absicht, und man ist verstimmt. Wer sich derart vehement für Meinungsfreiheit einsetzt, wie die Frankfurter Buchmesse es zu Recht tut, sollte sie auch auf eigenem Terrain gewährleisten. Niemand erwartet eine Vorzugsbehandlung für rechte oder linke oder sonstwie umstrittene Verlage, aber eine offensichtliche Benachteiligung kann nur begrüßen, wer sich seiner eigenen Liebe zur Meinungsfreiheit nicht so ganz sicher ist. Solches Handeln ist Ausweis entweder von Bequemlichkeit, Konfliktscheu oder eben einfach nur Gleichgültigkeit.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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