Frankfurter Buchmesse 2021

Wo bleibt der Jubel?

Von Tilman Spreckelsen
24.10.2021
, 18:14
Am Freitagnachmittag öffnete die Frankfurter Buchmesse 2021 auch für das Publikum: Zugangskontrollen hinter dem Eingang City.
Die Frankfurter Buchmesse hat eine schwere Zeit hinter sich. Nun fand sie wieder statt. Was von ihr bleiben wird, ist eine Frage der Perspektive.
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Vulkanausbrüche sind in der Wirklichkeit nur aus einigem Abstand auszuhalten, in der Kunst aber können sie geradezu erkenntnisstiftend sein: „Eines Tages zog ich aus, um meine Stärke zu erlangen, und fand das Feuer“, steht auf einer Plakatwand am hinteren Ende von Halle 4.1 zwischen lauter bunten Bildern, die stilisierte Vulkanausbrüche zeigen, oft in enger Verbindung mit menschlichen Körpern, ganz so, als gehöre der alles verändernde Ausbruch zu einer Person, zu einem Leben. Die Blätter sind einfache Abzüge auf dünner Pappe, sie hängen mit Nägeln befestigt an der Wand, darüber die nackte Hallendecke mit ihren Röhren und Leuchten. Das zugehörige Manifest endet mit dem Satz: „Wir verspüren keine Angst, wir spüren Hitze.“

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Es wäre ein schönes Motto für diese Ausgabe der Frankfurter Buchmesse gewesen, aber das offizielle „re:connect“ traf es auch ganz gut. Zwei Jahre nach der letzten, bei der man von Corona noch nichts ahnte und 7500 Aussteller gekommen waren, und ein Jahr nach der hybrid abgehaltenen Ausgabe unter dem fast schon galgenhumorig anmutenden Motto „All together now“, trafen nun gut 2000 Aussteller auf insgesamt 73.000 Besucher. Dass die Hallen mitunter wie leer gefegt wirkten, war also vorhersehbar, dass die Terminkalender vieler Messeveteranen deutliche Lücken aufwiesen, auch, was immerhin zu mehr spontanen Begegnungen und entspannten Gesprächen führte. Gehetzt wirkten die wenigsten, auch wenn sich manche Verlage eine bessere Auslastung ihrer extra angereisten Autoren gewünscht hätten. Immerhin kamen zu Open Books, dem parallel zur Messe abgehaltenen Lesefest der Stadt Frankfurt, 6500 Besucher zu 140 Veranstaltungen.

Natürlich konnte man sich erregen

Andere Autoren sagten ihre Auftritte ab und protestierten damit gegen die Präsenz eines rechten Verlags, was dann von Beginn an breit diskutiert wurde, obwohl das Thema bereits seit einigen Jahren die Leipziger wie die Frankfurter Buchmesse begleitet, ohne dass eine Lösung dafür in Sicht wäre. In der auf der Messe aufgenommenen „Diwan“-Sendung des Bayerischen Rundfunks hielt die Autorin Felicitas Hoppe das Prinzip des unvermittelten Austauschs hoch und sagte, es sei „unheimlich wichtig, in diesem Jahr hierherzukommen“, wozu die Autorin Kirsten Fuchs sagte, sie fände es „unheimlich wichtig, in diesem Jahr nicht herzukommen“, und da schien der direkte Austausch schon an sein Ende gekommen zu sein. Eigentlich, sagte Fuchs dann noch, hätte sie ihre Auftritte auf der Messe auch schon abgesagt, aber ihr Verlag – Rowohlt –, hätte sie „sehr gebeten“, diese Entscheidung zurückzunehmen Was man verstehen kann: Schließlich hatte ihr Verlagskollege Matthias Nawrat, ebenfalls vorgesehen für diese „Diwan“-Aufnahme, den Termin aus Solidarität mit einer weiteren Rowohlt-Autorin abgesagt, die sich auf der Messe in Anwesenheit des rechten Verlags nicht sicher fühlte. Es blieb dem Romancier und Übersetzer Stefan Moster vorbehalten, an das Offensichtliche zu erinnern: „Das Problem besteht darin, dass es diese Leute überhaupt gibt.“ Er sehe nicht ein, das Feld zu räumen, damit am Stand des rechten Verlags die Sektgläser gehoben würden: „Das ist immer noch unsere Buchmesse und nicht deren.“

Schlange stehen für die Literatur: Die Frankfurter Buchmesse trotzt der Pandemie.
Schlange stehen für die Literatur: Die Frankfurter Buchmesse trotzt der Pandemie. Bild: Frank Röth

Was war aus der euphorischen Stimmung geworden, die am vergangenen Montag auf der Buchpreis-Verleihung an die mit Standing Ovations bedachten Antje Rávic Strubel geherrscht hatte? Aus der Wiedersehensfreude, dem Aufbruchsgefühl? Natürlich konnte man sich über die lästigen Corona-Kontrollen erregen, die pandemiebedingt einförmigen Stände, die breiten Gänge dazwischen, für die sich bald das Wort „Autobahn“ einbürgerte und die abwesenden Verlage, die das wie im vergangen Jahr mit der Sicherheit der Mitarbeiter und zugleich mit dem Hygienekonzept der Messe begründeten. Und dann war da noch das Bahnchaos am Donnerstag, das manche anreisende Teilnehmer zur Umkehr zwang.

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Die Restauflage als Joghurtdeckel

Wer sich von all dem nicht abschrecken ließ, konnte in Frankfurt eine gute Zeit verbringen. Der georgische Starautor Aka Morchiladze etwa, der von Nürnberg fünf statt der üblichen zwei Stunden gebraucht hatte, erzählte nach der glücklichen Ankunft aufgeräumt vom Schicksal seines allerersten Romans. „Reise nach Karabach“ erschien 1992, mitten in der chaotischen Phase der jungen Republik, in der sich Warlords bekämpften. Auf diffusen Wegen wurde Geld für den Satz beschafft, die Herstellung erledigte die einem psychiatrischen Krankenhaus angeschlossene Druckerei auf miserablem Papier. Von den fünftausend Exemplaren wurden 170 verkauft, der Rest stapelte sich in der Wohnung, wurde auf der Straße verteilt oder als Verpackung für hausgemachten Joghurt zweckentfremdet. Heute ist diese Ausgabe eine vielgesuchte Rarität.

Einen derart langen Atem kann man von niemandem verlangen, der heute in der Buchbranche tätig ist und sich etwa wegen der massiv steigenden Papierpreise sorgt. Oder um die E-Books in den öffentlichen Bibliotheken, die angeblich den Verlagen das Geschäft ruinieren. Karin Schmidt-Friderichs, die Börsenvereins-Vorsteherin, sah die Autoren „quasi enteignet“, weil im Bundesrat sinnvollerweise eine Gesetzesinitiative beschlossen wurde, nach der in den Bibliotheken E-Books und gedruckte Bücher künftig gleich behandelt werden sollen.

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Champagner, ganz allein

Mehr Grund zur Freude bot der Kinderbuchbereich. Die satten Zuwächse der letzten Jahre setzten sich auch im Lockdown fort, als andere Warengruppen stark zurückgingen. Aber auch ästhetisch hob sich die Beschäftigung mit Büchern für junge Leser in diesem Jahr erfreulich von dem andernorts spürbaren Desinteresse an literarischen Formen ab. Bei der Verleihung der Jugendliteraturpreise am Freitagabend fand Buch um Buch plötzlich auf der Bühne eine ästhetische Diskussion statt, die man so lange vermisst hatte: Wie reagiert ein Illustrator auf Fragen, die der Text aufwirft, wie geht ein Übersetzer mit gewollt uneindeutigen Formulierungen um, wie trifft man den Ton einer Elfjährigen und wie ihren Humor? Wie man allerdings einen solchen Preis feiert, konnte man von Jurga Vile lernen, der litauischen Autorin von „Sibiro Haiku“, der Graphic Novel, in der sie die Geschichte ihres als Kind nach Sibirien verschleppten Vaters erzählt: Sie habe sich vorsorglich eine Flasche Champagner gekauft, sagte die aus Litauen zugeschaltete Vile, die werde sie gleich trinken – und zwar allein.

Viles litauische Verlegerin erreichte die Nachricht in Frankfurt. Und fragt man partout nach Gründen jenseits aller offensichtlichen, warum man denn diese größte Messe der Welt so dringend braucht, dann landet man rasch bei ihrer internationalen Ausrichtung. In der Halle 4.1. waren siebzehn Stände von internationalen Verlagen versammelt, die für ein entsprechendes Programm ausgesucht und nach Frankfurt eingeladen worden waren, trotz aller Reisewidrigkeiten in diesem Jahr. Außer Viles litauischem Verlag waren das Häuser aus Kolumbien, Madagaskar, Ruanda, Nepal und zehn weiteren Ländern. Die Verlegerin Larissa Adinda aus Indonesien, die ihr Visum erst fünf Stunden vor dem Abflug nach Frankfurt erhielt, brachte eine Reihe von kunstvoll illustrierten Kinderbüchern mit, für die man sich deutsche Verlagspartner wünscht. Und Richa Jha aus Indien, die ihren prächtigen Verlag allein führt, war voller Dankbarkeit dafür, in Frankfurt zu sein, weil es nirgendwo auf der Welt eine solche Gelegenheit zum Austausch mit anderen Verlegern gebe. Von den Querelen um rechte Verlage auf der Messe hatten weder Adinda noch Jha gehört.

Es ist eine Frage der Perspektive, was von dieser Messe bleibt. Dass sie in Präsenz stattfand, nennt Jha ein „ermutigendes Signal an die ganze Welt“. Umgekehrt wird sich das Schicksal der Messe nicht zuletzt daran entscheiden, ob es wieder gelingt, die Welt nach Frankfurt zu bringen.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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