E-Books im Ländervergleich

Wohin die Reise geht

10.10.2012
, 19:06
Lange haben wir über E-Books geredet, jetzt sind sie da und verändern die Buchmärkte: Vom Stand der Dinge in sechs Ländern.

In China haben E-Books das Schreiben schon verändert, in Amerika erwirtschaften sie mehr als zwei Milliarden Dollar, in Großbritannien sind sie im Supermarkt zu kaufen. In Frankreich, Italien und Spanien hinken noch hinterher. Unser Rundgang zum Stand der Digitalisierung des Buches beginnt in Italien.

Italien: Kein Englisch, keine E-Books

E-Books gehören für Italiener noch lange nicht zu den Alltagsgeräten. Der italienische Buchmarkt, der den europäischen Nachbarn im Gesamtvolumen ohnehin hinterherhinkt, verzeichnet viel geringere Verkäufe normaler Bücher übers Internet als etwa in Frankreich oder Deutschland. Und der Absatzmarkt elektronischer Lesegeräte umfasste davon 2011 lächerlich geringe 12,6 Millionen Euro - immerhin eine Verneunfachung seit dem Vorjahr, doch dies auf niedrigstem Nischen-Niveau. Die Strategen der Verlagshäuser haben die Gründe analysiert: Italiener sprechen sehr viel schlechter Englisch als etwa Skandinavier oder Niederländer, aber auch als Deutsche. Besonders schlecht steht es um die Kenntnisse der Weltsprache, in welcher die meisten E-Books vorliegen, bei der älteren und weiblichen Bevölkerung. Doch gerade die nicht mehr jungen Italienerinnen lesen besonders viel.

Hinzu kommt, dass in Italien nicht die Weihnachts- und Winterzeit, sondern der endlos lange Strandsommer zum Lesen dicker Wälzer und sogar zum Studium einlädt. Da sind die Vorurteile gegen E-Books nur schwer zu entkräften: Sie sind leichter durch Sand und Sonnenöl zu beschädigen, lassen sich in der Sonne schwerer lesen und sind bei Diebstahl ein größerer Verlust als praktisches, preiswerte Taschenbücher, von denen sich in der Schuldenkrise in Italien anteilsmäßig immer mehr verkaufen.

Für die computerisierte jüngere Klientel auch englischsprachiger Romane, so die denn überhaupt noch lange Texte liest, hat das Verlagshaus Feltrinelli vor zwei Jahren dennoch eine Plattform namens „edigita.it“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit den Kollegen von Rizzoli und einigen Versandbuchhändlern bietet man hier einige tausend Werke an, vorzugsweise populärwissenschaftliche Überblicksdarstellungen von der Antike bis Mussolini sowie Übersetzungen angloamerikanischer Bestseller. Auch eine kleine Messe für E-Books in Rimini hat sich einstweilen alle zwei Jahre etabliert. Sie soll die Akzeptanz elektronischer Lesegeräte erst einmal erhöhen helfen. Doch große Hoffnungen scheint das italienische Verlagswesen auf diesen Markt nicht zu setzen.

Auch von den Schriftstellern Italiens kommt kaum Schützenhilfe. Legendär ist Umberto Ecos Spott auf die kalten Textmaschinen, die keine Individualität, keine haptische Qualität und keine Eselsohren hätten und ständig die Textverarbeitung wechselten: Das gedruckte Buch sei eine Erfindung, die schlichtweg nicht mehr zu verbessern sei. Doch nicht nur der greise Bibliophile Eco, sondern auch jüngere Kollegen können mit dem amerikanischen Elektrobuch wenig anfangen. So bekannte auf dem Turiner Buchsalon unlängst auch der junge Autor Paolo Giordano, er habe sich ein Lesegerät zugelegt, es aber seit einem Jahr nicht ein einziges Mal benutzt: „Ich bin eben ein Dinosaurier.“ Wie es aussieht, befindet er sich in Italien unter Artgenossen.

Dirk Schümer, Venedig

Spanien: Nennen wir es E-Raub

In Spanien dauert alles etwas länger. Das E-Book spielt in den Verlautbarungen der Verlags- und Buchhandelsverbände deshalb noch keine Rolle, man sieht viel weniger Lesegeräte als im nördlicheren Europa, und erst in diesem Jahr hat der Versandhändler Amazon eine spanische Website eröffnet. Immerhin hat das Lesegerät Kindle Touch dort mehr als 750 meist positive Rezensionen eingeheimst, doch über das Volumen der Buchdownloads lässt sich nichts sagen, weil Amazon schweigt.

Von der legendären Literaturagentin Carmen Balcells ist bekannt, dass sie sich früh für E-Books interessiert und eine entsprechende Kooperation unter spanischen Literaturverlagen unterstützt hat. Die hat jahrelang vor sich hingedümpelt. Überall gab es schicke Lesegeräte zu kaufen, aber wir kannten niemanden, der von ihnen las. Die Marktanteile dürften also minimal sein. Die katalanische Buchhandelskette „La Central“ etwa lässt das Geschäft mit dem elektronischen Buch an sich vorbeilaufen. Bei der Madrider Buchhandlung Méndez erhält man die Auskunft, der Umsatz mit aktuellen Bestsellern sei um mehr als sechzig Prozent eingebrochen, weil sich die Leute den Titel im Internet illegal herunterladen. Das ist die spanische Variante. Nennen wir sie E-Raub.

Paul Ingendaay, Madrid

Frankreich: Keine Piraten, keine Pioniere

In Frankreich ist alles eine Frage der Politik. Auch bei der Literatur. Die Digitalisierung begann mit Google und wurde mit Klagen zum Schutz der Verlags- und Autorenrechte, deren Mutterland Frankreich nun einmal ist, bekämpft. Es gab keine Piraten, die Bücher aus dem Netz herunterluden - keine Piraten, ergo keine Pioniere. Eine etwas weltfremde Generation von Rentnern, der es um geistige Besitzstandswahrung geht, beherrscht die Debatte. Es gibt kein Angebot, aber laute Klagen über die Konzentration der Anbieter. Die Preisbindung für E-Books wurde festgeschrieben, bevor man solche wirklich verkaufte. 2011 wurden vom literarischen Bestseller des Jahres, „Rien ne s’oppose à la nuit“ von Delphine de Vigan, 400 000 gedruckte Exemplare abgesetzt - und keine tausend als E-Book. Insgesamt machten sie 0,3 Prozent des Umsatzes aus.

Seit dem Erscheinen von J. K. Rowlings Roman wird die Preisfrage heftig diskutiert: Warum kostet das E-Book nur acht Euro weniger als die gedruckte Ausgabe von fast 700 Seiten? Die Branche hat sich auf einen Nachlass von dreißig Prozent eingestellt, der damit begründet wird, dass man den traditionellen Buchhandel schützen müsse. Dieser hatte es versäumt, gegen Amazon rechtzeitig eine brauchbare Alternative im Online-Buchhandel aufzubauen. Das komplizierte Gesetz zwingt die Verkäufer, Adresse und Nationalität des Kunden zu überprüfen.

Doch der Durchbruch hat zweifellos begonnen: In diesem Herbst sind neunzig Prozent der literarischen Neuerscheinungen als E-Books erhältlich. Man geht davon aus, dass mit ihnen ein Prozent des gesamten Umsatzes erzielt wird. Erst Ende 2011 hatte Amazon seinen ersten Kindle - mit zwei Jahren Verspätung auf Deutschland - nach Frankreich gebracht.

Jürg Altwegg, Genf

Großbritannien: Bücher zum halben Preis

J. K. Rowlings gewandelte Einstellung zum E-Book ist bezeichnend für die tektonische Verschiebung, die der technologische Fortschritt im Verlagswesen bewirkt hat. Die Harry-Potter-Autorin, die sich lange gegen das E-Book wehrte, hat unlängst gestanden, nicht begriffen zu haben, was es damit auf sich habe. Die Bekehrung kam durch eine Ferienreise, bei der ihr klarwurde, dass man auf einem elektronischen Lesegerät eine ganze Bibliothek mitnehmen könne. Sie werde das gedruckte Buch immer bevorzugen, sagte sie, aber sie gehört jetzt zu der rapide wachsenden Zahl von Lesern, die - wie ein Blick auf die Pendler in der Londoner U-Bahn bestätigt - aus praktischen Gründen umgeschwenkt sind.

Das Beispiel von J. K. Rowlings jüngst erschienenem Roman macht allerdings auch die Verwirrungen in der sich rasch entwickelnden Branche anschaulich, wo das E-Book inzwischen fünfzehn Prozent des Marktanteils hält, ein enormer Anstieg gegenüber den 2,8 Prozent von vor zwei Jahren. Offiziell kostet die Druckfassung von Rowlings Roman zwanzig Pfund. Da es jedoch in Britannien keine Buchpreisbindung mehr gibt, wird der Titel im Handel skontiert - bei Amazon sogar um mehr als die Hälfte auf neun Pfund. Das macht das E-Book mit 11,99 Pfund teurer als das gebundene Buch. Dasselbe geschieht mit einem Drittel aller Bestseller. Verleger erklären die Diskrepanz unter anderem damit, dass die Auslagen für die digitale Fassung nur geringfügig niedriger seien, weil die Produktion bloß fünf Prozent der Herstellungskosten ausmache und das E-Book zudem, anders als der gedruckte Titel, mehrwertsteuerpflichtig sei. Die künftige Preisentwicklung hängt in Britannien aber auch von dem Ausgang des EU-Kartellverfahrens ab.

Der Wettbewerb wird durch den Einstieg der Supermärkte in das E-Book-Geschäft angeheizt. Die Ladenkette Tesco hat kürzlich ihr digitales Unterhaltungsangebot durch den Erwerb des E-Book-Verkäufers Mobcast erweitert, der mehr als 130 000 Titel führt, und der Konkurrent Sainsbury’s besitzt inzwischen 64 Prozent der E-Book-Plattform Anobii, an der auch die Verlage Penguin, Random House und Harper Collins beteiligt sind. Sie wollen die Dominanz von Amazon brechen, das achtzig Prozent des britischen E-Book-Marktes beherrscht und durch die Partnerschaft mit der Waterstones-Kette in Kürze auch im Buchladen präsent sein wird. Dort stehen die Leseecken schon für den Start der neuen Kindle-Geräte Ende des Monats bereit.

Gina Thomas, London

China: Honorare nach Klickzahlen

Die Elektronik verändert in China nicht nur das Lesen, sondern auch die Produktionsbedingungen von Literatur. Der Cloudary-Konzern in Schanghai, der mehrere populäre literarische Websites betreibt, hat in den letzten Jahren laut eigenen Angaben 1,6 Millionen Autoren insgesamt sechs Millionen literarische Werke speziell für das Lesen auf Handys und Smartphones schreiben lassen. Es sind überwiegend Liebesromane, Kung-Fu-Geschichten und Erzählungen über Zeitreisen, die oft täglich fortgesetzt und vom Leser häppchenweise bezahlt werden (drei Mao, umgerechnet also etwa vier Cent, für tausend Zeichen). Die Autoren werden nach Klickzahl honoriert, ebenso wie die hundert festangestellten Kritiker, die ihre Rezensionen unter die Leserrezensionen auf der Website mischen; die erfolgreichsten sollen es auf eine Million Yuan (etwa 120 000 Euro) im Jahr bringen.

Erfolgreiche elektronische Werke verarbeitet Cloudary zu gedruckten Büchern weiter und vergibt Lizenzen für Filme. Inzwischen hat der Konzern auch ein eigenes Lesegerät auf den Markt gebracht, aber das Hauptmedium für elektronische Literatur sind in China nach wie vor die tragbaren Telefonapparate. Deshalb haben die drei führenden Telekommunikationsunternehmen China Mobile, China Telecom und China Unicom alle eigene literarische Websites; der Kunde zahlt meist nicht für einzelne Bücher, sondern für monatliche Abonnements.

Offiziellen Zahlen zufolge lesen knapp vierzig Prozent der Chinesen E-Books, und achtzig Prozent der gedruckten Bücher kommen auch online heraus. Doch ein verlässliches Geschäftsmodell bringt das noch nicht hervor, denn die Leser rechnen weiter damit, dass elektronische Bücher kostenlos sind. Auf den Websites von Sina und der Suchmaschine Baidu sind viele Bestseller umsonst zu haben. Erste Anzeichen eines Wandels zeigten sich vergangenes Jahr, als fünfzig Autoren gegen die fortgesetzten Urheberrechtsverletzungen von Baidu protestierten und der Konzern daraufhin sein kostenloses Angebot stark reduzierte, und als ein Verlag achtzig Autoren zum ersten Mal Tantiemen für die elektronische Verwertung ihrer Bücher zahlte. Die Gewinnspannen sind vergleichsweise klein. Der marktbeherrschende Anbieter, Dangdang, verlangt für E-Books zwanzig bis vierzig Prozent des Preises für die gedruckten Ausgeben - das sind meist nicht mehr als acht Yuan (knapp ein Euro); zweitgrößter Anbieter ist übrigens Amazon China. Es sind bisher eher Elektronikunternehmen als Buchverlage, die den elektronischen Buchmarkt in China antreiben.

Mark Siemons, Peking

Vereinigte Staaten: Serien für die Zukunft

E-Books gehört nicht nur die Zukunft, sondern bereits die amerikanische Gegenwart. Der Umschwung kam spektakulär im letzten Jahr, als in der Sparte Fiction mehr E-Books verkauft wurden als gebundene oder broschierte Bücher. Insgesamt wurden 2011 für die elektronische Lektüre 2,07 Milliarden Dollar ausgegeben, mehr als das Doppelte des vorhergehenden Jahres. Und der Zuwachs setzte sich auch im ersten Viertel dieses Jahres fort. Um nahezu dreißig Prozent steigerten sich die Einnahmen in den ersten drei Monaten gegenüber dem Vorjahr und wurden so nur noch knapp von denen für Paperbacks übertroffen.

Woran das liegt, ist kein Geheimnis: Tablets, Smartphones und E-Readers wie Kindle und Nook brauchen Inhalte und machen Hunger auf digitale Geschichten für Erwachsene und Kinder, auf Kochbücher und Ratgeber. Der Preiskrieg, der darüber zwischen traditionellen Verlagen und E-Book-Anbietern wie Amazon entbrannt ist, geht aber weiter. Amazon scheint da so etwas wie die Weltherrschaft anzustreben, zurzeit mit erstaunlichen juristischen Erfolgen, die alle Konkurrenten unter Druck setzen. So begnügt sich Jeff Bezos, der Chef des Internetgiganten, längst nicht mehr damit, den Verlagen mit Schleuderpreisen zu ärgern. Er hat sich auch bei den E-Book-Lieferanten eingereiht, die im Selbstverlag produzierte E-Books anbieten, und lockt nun mit Serials, also mit eigens produzierten Fortsetzungsromanen, mit denen die Leser für 1,99 Dollar in Spannung versetzt und an den Kindle gewöhnt und gebunden werden.

Überhaupt verspricht das Serienformat das E-Book neuen Entfaltungsmöglichkeiten zuzuführen. Nachdem es mit Audio- und Videobeigaben nicht so recht geklappt hat, könnten die regelmäßigen, sogar täglichen Lieferungen für ein neues Leseerlebnis sorgen. Neben Amazon hat jetzt auch der Digitalverlag Byliner angekündigt, Geschichten in kleinen Happen zu vermarkten, und dafür Autoren wie Margaret Atwood und Joe McGinniss gewonnen. Apple lockt seinerseits mit einem Romanexperiment namens „The Silent History“, das jedem iPhone- und iPad-Nutzer erlaubt, die Handlung in ihrem weiteren Verlauf mitzubestimmen. Der Leser darf ein bisschen Autor spielen, bezahlen aber muss er doch.

Jordan Mejias, New York

Quelle: F.A.Z.
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