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Philipp Weiss im Interview

„Mein fröhlicher Größenwahn ist angestachelt“

Von Kai Spanke
 - 09:12

Sie haben mit „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ gerade ein aufsehenerregendes, tausendseitiges Romandebüt in fünf Bänden vorgelegt. Wie gehen Sie da an die Buchmesse heran?

Ich muss sagen, dass es für mich ein enormer Kontrast ist nach fünf, sechs Jahren der Isolation, des extremen Rückzugs und fokussierten Nachdenkens, hinauszugehen und sich der Welt auszusetzen. Die Buchmesse wird in dieser Hinsicht noch einmal ein besonderes Extrem sein. Ein schöner Zirkus.

Wie kam es zu der Isolation?

Um sich an den Entwurf einer solchen Erzählung heranzuwagen, die einem absurden romantischen Totalitätsanspruch folgt und letztlich versucht, Welt in ihrer Komplexität und Gesamtheit erzählbar zu machen, braucht es zuallererst natürlich – neben Naivität – Konzentration. Um meine erzählten Welten zu erschaffen, war es für mich absolut notwendig, mich so weit es nur geht zu isolieren. Ich bin also aus der Stadt hinaus – weg von allen Ablenkungen – und habe auf dem Land gearbeitet. Dort habe ich in konzentrierter jahrelanger Schreibarbeit versucht, das Projekt zu realisieren.

Haben Sie in dieser Zeit noch das Weltgeschehen verfolgt?

Es war dafür wenig Raum. Ich bin morgens aufgestanden, habe begonnen zu arbeiten. Irgendwann nachmittags bin ich in den Wald, um laufen zu gehen. Das Laufen selbst ist wichtiger Teil des kreativen Prozesses, weil dabei das Denken auf andere, vernetztere Weise funktioniert. Dazwischen: Nahrungsaufnahme und abends schlafen. Allerdings setzt sich der Prozess in der Nacht fort. Ich wache auf, spreche ins Diktiergerät. Am nächsten Morgen wird das Material der Nacht ausgewertet und weitergeschrieben.

Waren die vergangenen Wochen nach der Veröffentlichung Ihres Romans eine aufregende oder belastende Zeit?

Beides. Ich fühle mich durchaus wie in einem permanenten Schockzustand. Es ging beim Schreiben um eine stille Suche nach Erkenntnis, Form, Sprache und Schönheit. Das Geschriebene dann nach außen zu tragen, sich auf den Markt zu werfen – wie jetzt auf der Buchmesse –, hat sehr wenig mit dieser ursprünglichen Arbeit zu tun und ist für mich durchaus anstrengend. Über Jahre gab es keinen Philipp Weiss, nun muss er ins Rampenlicht.

In Ihrem Roman geht es letztlich um alles. In einem vielstimmigen Chor werden Themen verhandelt wie Natur und Kultur, Liebe und Seelenkrisen, Anthropologie und Physik, Geologie und Geschichte. Holen Sie die Ideen aus sich selbst oder kommt die Inspiration dafür von außen?

Ich selbst spiele da kaum eine Rolle. Es gab zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einen Geologen, Wladimir Wernadski. Man sagt über ihn, er hätte für den Raum geleistet, was Darwin für die Zeit getan hat. Darwin hat klargemacht, dass sich alles Leben in der Zeit entfaltet – im Prozess der Evolution. Wernadski hat gezeigt, dass sich alles Leben im Raum entfaltet, nämlich der Biosphäre. Das ist diese sehr dünne Membran, die unseren Planeten überzieht. Wernadski fragte: Warum spielt der Mensch darin eine so übergeordnete Rolle, wo er doch materiell so nichtig ist? Seine Antwort: Das, was den Menschen so potent macht, ist das Denken. Es gäbe also nicht nur eine Biosphäre, sondern gleichsam eine Noosphäre, eine Sphäre des Denkens, die sich um den Planeten spannt wie ein, mit H. G. Wells gesprochen, Weltgehirn. In gewisser Weise war es meine Arbeit, sich in dieses Weltgehirn, diese Noosphäre einzuklinken und das Rauschen aufzusaugen. Ich habe versucht, verschiedenen Diskurssträngen zu folgen, so viel Literatur wie möglich zu allen erdenklichen Themen zu lesen, Gespräche zu führen, in die Welt zu gehen, zu recherchieren. Ich selbst bin dabei gerne verschwunden.

Orientieren Sie sich bei Ihrer Arbeit an literarischen Vorbildern?

Ich lese Belletristik eigentlich nur, wenn ich nach einer Sprache oder Form suche. Sonst lese ich vor allem Fachliteratur. Ein Beispiel: Ich schreibe über eine junge bürgerliche Frau im Paris des neunzehnten Jahrhunderts. Im Zuge dessen lese ich alles, was ich zu dieser Zeit finden kann, ich horte Bücher, konstruiere um mich ganze Bibliotheken allein zu diesem Thema – und webe daraus meinen Stoff.

Sie haben bislang kurze Prosa und Theaterstücke geschrieben. Was unterscheidet die Arbeit an Ihrem aktuellen Roman von vorherigen Projekten?

In gewisser Weise hatte ich die Überschreitungsgesten und auch die polyphone Technik, die beim Roman zum Einsatz kamen, davor schon erprobt – aber immer in viel kleinerem Maßstab. Gerade das Theater hat natürlich viele Restriktionen, denen man sich anpassen muss. Der Roman, als die Form, die tatsächlich alles integrieren kann, erlaubt es, jeder Überschreitung freien Lauf zu lassen. Das macht Spaß.

Haben Sie die fünf Teile des Buchs parallel oder nacheinander geschrieben?

Es gibt diese Anekdote von einem Autor, der zwei Schreibtische besitzt und auf diesen an zwei verschiedenen Texten arbeitet. Immer wenn er im Schreiben an einem stockt und die Flucht ergreift, treibt es ihn geradewegs zum anderen hin. In gewisser Weise habe ich dieses System perfektioniert und ein literarisches Perpetuum mobile erschaffen, indem ich immer von einem Teil zum nächsten, zum nächsten, zum nächsten geflüchtet bin.

Eine Ihrer Figuren, Chantal, ist eine Art Dauerreflektiererin. Sind Sie im Akt des Schreibens auch ein Dauerreflektierer, der jedes Wort noch einmal auf seine Tauglichkeit hin befragt?

Chantal ist eine Figur, die völlig gefangen ist in ihrer narzisstischen Hirnschale, die nicht mehr zum Leben vordringen kann und abgetrennt ist von der Welt. Glücklicherweise bin ich kein solcher Gefangener meiner Gedanken. Bei Chantal zeigt sich nämlich, dass konsequent durchgeführtes Denken ein Prozess ist, der letztlich nicht zur absoluten Erkenntnis, zum Licht, sondern zur Selbstzerstörung führt. Ich war dem glücklicherweise nie so unterworfen – oder konnte zumindest immer wieder entfliehen. Während des Schreibens trete ich auch gerne in einen rettenden Dialog mit Freunden über den Text. Zum Beispiel hat mich ein Klimaforscher während der Arbeit am „Weltenrand“ begleitet und mich zu vielen wissenschaftlichen Fragen beraten.

Sind Sie gedanklich schon beim nächsten Buch?

Absolut. Es gab ja zwei katastrophale Ausgänge für meine Romanarbeit. Erstens: Sie scheitert. Zweitens: Sie glückt. Mein fröhlicher Größenwahn ist also angestachelt. Ich habe ein noch größeres Projekt konzipiert. Das werde ich über die nächsten zehn, zwanzig Jahre umsetzen. Das klingt wie eine Drohung, ich weiß.

Quelle: FAZ.NET
Kai Spanke
Volontär.
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