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Frankfurter Buchmesse

Manche Trolle tragen Krawatten

Von Julia Bähr
 - 16:06

Der Titel war griffig, die Anekdoten deprimierend: Unter dem Motto “Alles Schlampen oder was? Frauen in der politischen Debatte” tauschten Ricarda Lang, Bundessprecherin der Grünen Jugend, die Skandinavistin und Schriftstellerin Berit Glanz und die Politikwissenschaftlerin Ingrid Kurz-Scherf im Lesezelt ihre Erfahrungen aus. Sie habe damit gerechnet, dass der Gegenwind inhaltlicher Natur sein würde, als sie ihren Posten antrat, sagte Ricarda Lang – stattdessen erreichten sie Beleidigungen, Todes- und Vergewaltigungsdrohungen und Diättipps. Berit Glanz bekommt es immer wieder mit Akademikern zu tun, die ihr den Mund verbieten wollen und sie auffordern, besser noch dieses oder jenes Buch zu lesen. Und nach Ingrid Kurz-Scherfs erstem Referat zu sozialer Ungleichheit schrie einer durch den Saal: “Denkst du eigentlich mit der Fotze?”

Letztere Erfahrung ist zwar Jahrzehnte alt, aber wer wie Kurz-Scherf selbst dachte, Frauen müssten sich heute mit weniger Diffamierungen herumschlagen, täuscht sich. Das zeigten zuletzt die groben Beleidigungen gegenüber der Grünen-Politikerin Renate Künast, die vor allem dadurch bekannt wurden, dass Künast vor Gericht ging und der Richter sie alle akzeptabel fand. Auch wenn das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen ist, zeigt der Vorgang doch, dass Frauen in der Öffentlichkeit wenig Hilfe erhalten, wenn sie beleidigt und bedroht werden. Was Künast geschrieben worden sei, sei schlimm genug gewesen, sagte Kurz-Scherf, aber der Richterspruch sei noch schlimmer.

Es gibt so viele vergleichbare Geschichten. Alleine sie hätten die einstündige Diskussion füllen können. Aber die Analyse ist wichtiger, denn wer den Hass nicht versteht, kann schlecht mit ihm umgehen: Es handele sich selten um allein agierende Trolle, sondern meist um orchestrierte Angriffe, erklärte Lang. Glanz unterscheidet zwei Arten: die, die einfach nur Hass auskippen, und die “White-Collar-Trolle”, die Frauen ihre Kompetenz absprechen. “Da herrschen auch gruppendynamische Prozesse, da unterhalten Universitätsmitarbeiter sich in Kommentaren darüber, wie dumm ich bin und wie wenig meine Forschung taugt”, sagt sie – dass ihre Forschung in der Skandinavistik in einer Sprache stattfindet, die die meisten davon gar nicht verstehen, ist dabei besonders aufschlussreich.

Was das alles soll, ist recht eindeutig. Es soll Frauen aus der öffentlichen Debatte herausdrängen, und dabei geht es nicht nur um Männer und Frauen, sondern auch um rechts und links, wie Kurz-Scherf analysiert: “Die Rechte ist weit mehrheitlich männlich orientiert und antifeministisch.” Damit seien deren Kampagnen gegen Frauen in der Politik oft auch Kampagnen gegen links. Sie empfiehlt, die sozialen Netzwerke einfach zu meiden, was für Glanz und Lang nicht in Frage kommt: Die Möglichkeit, sich zu vernetzen und online zu äußern, darf nicht allein den Hatern vorbehalten sein.

Am Ende bleibt die gemeinsame Überzeugung, dass der Hass Frauen nicht von ihrem Weg abbringen darf. Das gilt nicht nur für Politikerinnen und Intellektuelle: Auf ihren Körper reduziert zu werden und für ihr Äußeres angegriffen zu werden sei etwas, womit Frauen in allen Milieus Erfahrung hätten, sagte Lang. (Wer glaubt, das gelte nicht für Models, sollte sich erinnern, mit welchen Worten große, dünne Mädchen in der Schule bedacht wurden.) Und der Weg selbst wird auch entworfen: Mehr Utopien, weniger Auseinandersetzung mit gemeinen Wichtigtuern, mehr Vernetzungsmöglichkeiten außerhalb der sozialen Netzwerke. So viele konstruktive Ideen auf einmal bringen nicht viele Diskussionen auf der Buchmesse zusammen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
Redakteurin im Feuilleton.
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