Buchmesse real

Viel Lärm im Nichts

Von Kai Spanke
Aktualisiert am 17.10.2020
 - 21:04
Alles so schön leer hier: Die Autorin Julia Finkernagel stellt ihr Buch „Immer wieder ostwärts“ in der Frankfurter Festhalle vor.
Kontinuität schafft Hoffnung: Auf der Frankfurter Buchmesse werden aus bloßen Begebenheiten halbstarke Ereignisse ohne Rums und Rummel. Was dabei verloren geht, ist die Form.

Moment mal, halt!“ Der Sicherheitsmann nähert sich mit vorgestrecktem Kopf. „Wohin des Weges, kann ich helfen?“ Nun, man wolle in die Halle, sei Journalist, Berichterstattung, Sie wissen schon. „Darf ich dann die Einladung sehen, der Herr?“ Langsamer Griff in die Innentasche. Bloß nicht zu servil auftreten. Mit dem Zeigefinger auf dem Ausdruck sucht der Kontrolleur das Datum, findet es – und ist zufrieden. „Alles klar, ein bloßer Presseausweis reicht hier nämlich nicht.“ Volles Verständnis. Ist es unangemessen, jetzt den Daumen zu heben wie ein Fußballer, der sich für eine Flanke bedankt, die er nicht verwandelt hat? Ist es; lieber schnell eine Verlegenheitsfloskel in die Maske nuscheln: „Kein Problem, für die Sicherheit mehr Aufwand.“ – „Ja, ja, diese Einladung braucht man.“ – „Nee, ich sagte: mehr Aufwand.“ – „Genau, die braucht man.“ Wie bei Loriot.

In der Frankfurter Festhalle – Fassungsvermögen: mehr als dreizehntausend Menschen – soll das Programm all jener Stände abgebildet werden, die es dieses Jahr nicht gibt. Dafür hat die ARD eine Bühne errichtet, auf der Autoren aus ihren Büchern lesen und Fragen beantworten. Vor der Tür das groß plakatierte Motto „All together now“. Hinter der Tür zehn Zuschauer, die Harald Martenstein und Hallgrímur Helgason, Andreas Steinhöfel und Gabriele Krone-Schmalz dabei betrachten, wie sie viel Lärm im Nichts machen. Untertitel des Werbebanners, auf dem zwei Hände ein Herz formen: „Weil Literatur und Kultur wichtig sind“. Fortsetzung im Kopf des Skeptikers: „...streamen wir sie im Netz, so dass sich die Messe, im digitalen Erfolgsfall, ihres körperlich anwesenden Publikums endgültig entledigen und sich selbst abschaffen kann.“ Das Programm klingt kaum anders als sonst, ungewohnt sind indes die abgeschalteten Rolltreppen und widerhallenden Schritte versprengter Besucher. Taschenkontrolle? Fehlanzeige. Dafür haben die Handwerker ihr Gerüst unter einer Lampe gleich stehen lassen. Es versperrt niemandem den Weg.

Auf der Optimismuswelle

Der Vorteil dieser Messe ist, dass sie den Blick schärft und auf Kleinigkeiten lenkt, die sonst im Getöse untergegangen wären: Mimik und Gesten, Marotten und Eigenarten. So gewinnen die Protagonisten auf der Bühne unmittelbar an Profil. Den Auftakt in der ARD-Arena macht Ijoma Mangold. Obwohl er, Kinn auf der Brust, manchmal erscheint, als wolle er zum Powernap übergehen, zeigt er sich engagiert und diskussionsfreudig. Im Gespräch mit Ulrich Kühn und Verena Keßler, die ihren Roman „Die Gespenster von Demmin“ präsentiert, stellt der „Zeit“-Redakteur seine soziologisch ausgerichteten Antennen auf Empfang und bedauert, dass der Messe die „mitmenschliche Feuchtigkeit“ fehle. Trigger Warning nicht nötig, gemeint sind Aerosole, die man sich beim Partygespräch gegenseitig ins Gesicht schleudert. Dann und wann wird Mangold vom umherstreifenden Denis Scheck unterbrochen, genauer: von dessen Schuhsohlen, die bei jedem Bodenkontakt saftige Schmatz- und Quietschgeräusche von sich geben. Pfsch, pfsch, pfsch, wie im Sportunterricht. Mangold kriegt das nicht mit und demonstriert einen Dreischritt aus dem kulturbetrieblichen Lehrbuch: expressive Geste mit der Hand, Griff in die Frisur, dann These – gegenwärtig herrsche eine regelrechte „Empörungs- und Aufregungshysterie“.

Klarer Fall von Buzzword-Bingo. Überhaupt entsichern viele Autoren und Moderatoren jene Corona-Phrasen, die einem dieser Tage so leicht über die Lippen gehen, obwohl sie schon seit April veraltet sind. So etwa beim Auftakt der „Open Books“-Reihe: Ina Hartwig, die Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt, verspricht den siebenundneunzig Gästen in der Deutschen Nationalbibliothek, es sei gut, dass viele Lesungen stattfinden, denn „Kontinuität schafft Hoffnung“. Da wird sich Juergen Boos, der Direktor der Buchmesse, anschließen, hat er bei der Eröffnung doch zu bedenken gegeben, die Schau solle „Signale der Hoffnung“ aussenden. Sofort surfte auch der kanadische Premierminister Justin Trudeau auf der Optimismuswelle und toppte die Worte des Vorredners mühelos in seiner Videobotschaft: „Bücher geben uns Hoffnung.“

Eine Veranstaltung im Konjunktiv

Dazu passt ein von Boos entwickeltes Mantra, das je nach Kontext eine andere Bedeutung erhält: „Die Buchmesse ist die Buchmesse ist die Buchmesse.“ Hier irrt der Chef, denn dieses Jahr wird man seemannsgarnfrei feststellen dürfen: „Die Buchmesse ist nicht die Buchmesse ist so was von nicht die Buchmesse.“ Mit dem üblichen, von Mangold hochgeschätzten Sprühspeichel-Hotspot hat diese ins Netz ausgelagerte Light-Variante nichts gemein. Präsenz – das ist die theoretisch längst bekannte, nun aber körperlich spürbare Lektion – bedeutet mehr als bloße Anwesenheit. Es handelt sich um ein im besten Sinne aufdringliches Miteinander, das aus bloßen Begebenheiten Ereignisse macht. Allerdings funktioniert das nur mit Rummel und Gerempel. Diesmal kann man auf den Gängen der Festhalle dem Nichts beim Nichten beiwohnen.

Insgesamt handelt sich um eine Veranstaltung im Konjunktiv: Wäre es nicht gut, wenn. Hier hätte man besser. An dieser Stelle könnte doch. Was würde wohl passieren, falls nicht. Privatklatsch zur Lage der Messe lässt sich ideal hundert Meter neben der Festhalle aufschnappen. Szenekenntnis darf man dabei nicht voraussetzen, was allerdings durch Meinungsstärke ausgeglichen wird. Im Skyline Plaza, einem Einkaufszentrum für ästhetisch Anspruchslose, warten Kunden auf ihre Bratwurst. Zwei Frauen, Mitte zwanzig, Ellenbogenbegrüßung, stellen sich in die Schlange und sinnieren. „Keine Messe, macht das was mit dir?“, fragt die eine. „Schon sad“, entgegnet die andere, „aber immerhin hat diese Deutsche den Nobelpreis gewonnen. Annette Werner.“ Wenige Meter entfernt sitzt ein junger Mann vor einer Bäckerei und wischt sich auf dem Handy durch den Terminkalender der Schau. Ob ihn irgendwas direkt anspreche. „Nee, ich schlafe hier beim Lesen schon ein, letztes Mal klang das spannender.“

Finde den Scheck

In den vergangenen Jahren tönte ein anschwellender Abgesang über die Messe: Europa und die Demokratie, Bücher und die Leser. Die diagnostizierten Krisen ließen sich aus der Distanz gut analysieren und einordnen. Alles eine Frage des Inhalts. Corona ist für die Bücherschau auch zu einer Frage der Form geworden, schließlich verliert sie aufgrund der Pandemie ihr gewohntes Profil. Virenfreie Kalamitäten gibt es jedoch nach wie vor genug. Dirk Pohlmann spricht über das von ihm mitherausgegebene Buch „Die Öko-Katastrophe“ und sagt: „Wir müssen jetzt einsehen, dass das Wirtschaftssystem die Ökologie gefressen hat.“ Nell Zink bedauert: „Der Homo sapiens an sich interessiert sich tendenziell nur für sich selbst.“ Jakob Nehls und Daniel Al-Kayal vom Jugendrat der Generationen Stiftung stellen ein Buch vor, das sie mit sechs weiteren Mitstreitern verfasst haben und dessen Titel Programm ist: „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen“. Die Philosophin Eva von Redecker mahnt: „Während der Kapitalismus ausbeutet, zerstört er auch unsere Lebensgrundlagen.“

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Harter Stoff, der gleichwohl, und da ist sich die Messe treu geblieben, von überraschungsfreien, aber gut verdaulichen Entspannungsplaudereien flankiert wird. Julia Finkernagel, die 2019 das Reisebrevier „Ostwärts“ veröffentlichte, hat gerade mit „Immer wieder ostwärts“ nachgelegt und erzählt von ihren Trips. Montenegro: „Ein Land zum Durchfressen.“ Sibirien: „Das war wirklich aufregend. Und kalt.“ Moment, was ist das? Auf einmal ist wieder dieser jetzt schon unverwechselbare signature sound der Festhalle zu hören, pfsch, pfsch, pfsch. Irgendwo zwischen Backstage-Bereich und vereinsamtem Büchertisch läuft der „Druckfrisch“-Moderator herum. Man könnte ein Spiel daraus machen: Finde den Scheck. Konzentration zurück auf Finkernagel, die sich zum Schluss um Völkerverständigung bemüht und sagt: „Wir sind auf der einen Seite alle sehr unterschiedlich, dann aber merkt man, wir sind alle gleich.“

Explosive Kickbewegung

Das klingt vernünftig und sollte schleunigst mit einer Portion Selbstoptimierung angereichert werden. Wladimir Klitschko, Jeans, Jackett, ausrasierter Nacken, hat mit seiner Ko-Autorin Tatjana Kiel den Ratgeber „F.A.C.E. the Challenge“ vorgelegt (falls Sie sich fragen: Focus, Agility, Coordination, Endurance). Was muss ich leisten, damit sich die persönliche Challenge nicht wie diese Buchmesse anfühlt? „Du brauchst schon ein großes Ego, um weiterzukommen“, sagt der ehemalige Boxweltmeister im Schwergewicht. Besessenheit sei wichtig, Kompromisslosigkeit ebenfalls.

Der Moderator Michael Sahr hat eine „schöne Übung“ in der Verbesserungsfibel entdeckt und bittet Klitschko, sie vorzuführen. Folgende Situation: Ich setze mir ein Ziel und bin plötzlich mit Widerständen konfrontiert. „Was mache ich? Gehe ich in Deckung? Nein. Ich mache eine explosive Kickbewegung nach vorne.“ Klitschko steht auf, schaut sich, das Unbehagen im Blick, vorsichtig um, schlägt zaghaft in die Luft und erklärt in aller Ruhe die Technik des Schattenboxens. Sahr mäkelt: „Das war jetzt sehr freundlich.“ Ob da nicht mehr drin sei. Klitschko kontert: „Ich werde das nicht tun, sonst mache ich mein Jackett kaputt.“ Damit ist die Messe um einen Auftritt reicher, der ihre diesjährige Ladehemmung perfekt in Szene setzt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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