Buchmesse-Skizzen

Zur Hölle mit all dem Jammern

21.10.2021
, 12:46
Acht Meter Gangbreite: Blick in die Halle 3.1 auf der Frankfurter Buchmesse 2021
Gänge sind zu Aufmarschstraßen geworden, beim Auftritt des Ehrengasts Kanada muss man die Bücher suchen, und in Halle 4.1 gähnt das Tor zur Hölle: Eindrücke von der Buchmesse.
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Frankfurter Flächen

So wie jetzt wir langjährigen Buchmessebesucher müssen sich alteingesessene Pariser gefühlt haben, als der Baron Haussmann im neunzehnten Jahrhundert seinen radikalen Stadtumbau beendet hatte: Riesige Schneisen durchschneiden ehedem dichte Strukturen, kleine Einheiten sind repräsentativem Übermaß gewichen, liebgewordene Ziele mit einem Mal nicht mehr zu finden, weil sie dem neuen Raster zum Opfer fielen. Oder angesichts der Neuformation aufgegeben wurden.

Wo etwa Diogenes früher seinen festen Messeplatz hatte, leuchtet heute zwar das Schweizer Kreuz, weil dort der Gemeinschaftsstand eidgenössischer Verlage seinen Platz ge­funden hat, aber unter dessen Ausstellern fehlt Diogenes – ehe man klein würde, blieb man lieber weg. Der ganze Schweizer Gemeinschaftsstand ist kaum größer als der luxemburgische gegenüber, und beide zu­sammen belegen nur ungefähr jenen Raum, den bislang Diogenes allein inne­gehabt hatte. S. Fischer und Ro­wohlt, früher nebeneinander, aber säuberlich getrennt, starren sich nun über die auf acht Meter Breite genormte Aufmarschstraße hinweg an. Und wer sich als Kleinverlag bisher wohlweislich aufs Mindestmaß von vier Quadratmetern Standfläche beschränkte, musste nun das Doppelte buchen – wenn auch zum selben Preis.

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Aber wie dann all die Fläche füllen? Abstandspflicht für Bücher ergibt ja keinen Sinn. So wenig wie die am Vormittag noch auf Einbahnstraßenbetrieb geschalteten Rolltreppen, die normalerweise den frühen Zu­strom auf die Messe zu bewältigen hätten. Aber diesmal kommt einem auf all diesen Einfallswegen nur eine einzelne Dame entgegen – gekleidet im markant roten Jackett der Buchmesse. (apl.)

Minigolf mit Avataren

Von stepptanzenden Eisbären, einem Brunnen aus Ahornsirup und einem Chor aus Bibern mit Schlittschuhen und Hockeystöcken sprach Margaret Atwood während der Eröffnungs­zeremonie zur diesjährigen Buchmesse, als sie aufzählte, was Kanada sich nicht alles ausgedacht habe für den Gastlandauftritt im vorigen Jahr, der wegen der Pandemie kurzfristig ausfallen musste. Nun ist die Messe er­öffnet, die Kanadier sind da, und nichts davon findet sich freilich im Gastland-­Pavillon, sondern vielmehr eine digital hochgerüstete interaktive Begegnungsstätte, die unter Stichworten wie Wasser, Mineralien oder Horizont die wilde Landschaft und die vielfältige Literatur Kanadas zusammenbringen will.

Da sind ­wellenartige Fußbodenläufer, die manch einen an Minigolfbahnen erinnern, auf denen statt Bällen Hunderte Buchstaben hinunterfließen, da gibt es Wandinstallationen, aus denen, kommt man ihnen nahe, Avatare kanadischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus dem Dunkel hervortreten und ihr Gegenüber an­sprechen. Nebel wabert, sphärische Geräusche, Musik und Stimmen in verschiedenen Sprachen sind zu hören.

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Bei all dem Spiel aus Licht und Animation des Designers Gonzalo Soldi sucht man allerdings vergebens danach, worum es in diesen Tagen geht: Vierhundert kanadische Titel haben Verlage zur Messe ins Deutsche übersetzen lassen. Die Bücher im Pavillon aber muss man suchen. Sie stehen, brav aufgereiht auf Regalen, hinter dem digitalen Treiben auf der Rückseite einer verspiegelten Wand. (S.K.)

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Zur Hölle mit all dem Jammern

Natürlich hilft Verzagen niemals weiter, auch nicht beim Durchlaufen leergefegter Gänge. Und beim Passieren von obskuren Ausstellern, die vor Corona kaum sichtbar waren und einem nun mit manchem Unfug geradewegs ins Gesicht springen – wo die einen wegbleiben, fallen die anderen umso mehr auf. Aber den eigenen Stand mit dem Tor zur Hölle zu er­öffnen ist schon gewagt.

Dabei er­scheint der italienische Gemeinschaftsstand in Halle 4.1 geradezu riesig, er dehnt sich über mehrere Gänge aus, und wäre er nicht an seinen Säulen mit lauter Illustrationen zu Dantes „Göttlicher Komödie“ geschmückt, man würde beim Durchlaufen ganz sicher nicht an die Hölle denken. Und wer am Anfang mit ­William Blake alle Hoffnung fahren lässt, der findet am entgegengesetzten Ende Trost in einer Botticelli-Illustration, die zeigt, dass un­sere Strafe im Rückgängigmachen unserer Schuld besteht. Hatten wir in vergangenen Jahren nicht ständig über das Messegedränge gejammert? (spre.)

Quelle: F.A.Z.
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