Der argentinische Dichter besucht die Bundesrepublik

Borges, der blinde Seher

Von Marcel Reich-Ranicki
28.10.1982
, 18:56
Jorge Luis Borges, aufgenommen im Jahr 1983 in Buenos Aires
Mit dreiundachtzig Jahren ist Jorge Luis Borges wieder einmal für einige Tage nach Deutschland gekommen. „Denn er liebt dieses Land, weil er die deutsche Literatur liebt und weil er die deutsche Philosophie bewundert.“ Im Oktober 1982 berichtet Marcel Reich-Ranicki von einer Begegnung mit dem großen Argentinier.
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Wenige Tage vor der entscheidenden Sitzung der Stockholmer Akademie sagte mir einer der besten Schriftsteller Lateinamerikas und überdies einer der aussichtsreichsten Nobelpreis-Kandidaten, der Peruaner Mario Vargas Llosa: „Wenn ein Dichter spanischer Zunge diesen Preis verdient hat, dann ist es Jorge Luis Borges. Was er für unsere Literatur getan hat, läßt sich kaum überschätzen. Denn er hat die Sprache der modernen spanischen Poesie geschaffen. Wir alle kommen aus seinem Mantel.“ Und als Vargas Llosa den Namen Borges nannte, da hat er sich, so schien es mir, leicht verneigt.

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Aber wieder einmal wurde Borges übergangen, er ist der Schriftsteller, der alljährlich den Nobelpreis nicht erhält. Doch kann er sich trösten: Seit eh und je erfreuen sich der Gunst der Stockholmer Jury vor allem die Zweitbesten. Nicht der Schwede August Strindberg wurde ausgezeichnet, sondern die Schwedin Selma Lagerlöf, nicht der Norweger Henrik Ibsen, sondern der Norweger Björnstjerne Björnson, nicht der Franzose Marcel Proust, sondern der Franzose Anatol France, nicht der Russe Isaak Babel, sondern der Russe Iwan Bunin, nicht die deutschen Dichter Franz Kafka oder Bertolt Brecht, sondern der Deutsche Hermann Hesse.

Freilich ist Borges nicht der Mann, den man trösten müßte: Der genialische, wenn nicht gar geniale Argentinier war schon vor einem halben Jahrhundert ein extrem selbstbewußter Künstler, der sich durch nichts beirren ließ. Jetzt ist er, der Dreiundachtzigjährige, wieder einmal für einige Tage nach Deutschland gekommen. Denn er liebt dieses Land, weil er die deutsche Literatur liebt und weil er die deutsche Philosophie bewundert.

Vor allem wolle er, sagt mir Borges in einem Frankfurter Hotel, Düsseldorf besuchen. Warum gerade Düsseldorf? Wegen Heine. Er empfinde sich, so Borges ganz ungeniert, in gewissem Sinne als Doppelgänger Heines. Er möchte endlich einmal in dem Haus sein, in dem dieser herrliche Dichter geboren wurde.

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Während er mit Emphase über Heine spricht, blicke ich auf seine blaue Krawatte, die auf unauffällige Weise schön ist und vorzüglich zum dunklen Anzug paßt. Borges hat diese Krawatte nie gesehen. Vor 27 Jahren fast erblindet, sieht er seit rund zwanzig Jahren buchstäblich nichts mehr. Was wird er also von dem Aufenthalt im Hause Heines haben? Nichts als das Bewußtsein, im Hause Heines zu sein. Aber ist das wenig?

Als er während des Ersten Weltkriegs in Genf zur Schule ging, hat er das „Buch der Lieder“ - er war damals sechzehn Jahre alt - zuerst in französischer Übersetzung gelesen und wenig später auch im Original. Nie habe sich seine enthusiastische Einschätzung Heines geändert. Dessen Ballade „Schlachtfeld bei Hastmgs“ habe ihn so beeindruckt, daß er nach Hastmgs gereist sei, um das Schlachtfeld zu besichtigen.

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Ganz anders ist sein Verhältnis zu Goethe: Ja, gewiß, auch ihn bewundere er, zumal die „Wahlverwandtschaften“, doch schon den „Werther“ halte er für ein nur mittelmäßiges Buch. Im Grunde interessiere ihn die Person Goethe ungleich mehr als dessen Werk.

Zu Schiller habe er nie eine tiefere Beziehung gefunden. Das mag mit seiner strikten Ablehnung des Theaters zusammenhängen. In seinem ganzen Leben war er nur wenige Male im Theater, und es seien vergeudete Abende gewesen. Abgesehen von Shakespeare, den er ebenfalls auf der Bühne nicht sehen wollte, hätten ihn von den Dramatikern vor allem Ibsen, Strindberg und Bernard Shaw interessiert. Und Brecht? Borges hat nie eine Zeile von Brecht gelesen.

Auch von der Romanform denkt der große Argentinier skeptisch - und macht kein Hehl daraus. Man müsse sich, sagt er ein wenig apodiktisch, auf das Wesentliche konzentrieren. Ihn interessiere nicht der Roman, sondern die Poesie. Denn - fügt er knapp hinzu - der Roman sei zeitgebunden, die Poesie ewig. Die Frage nach Thomas Mann erübrigt sich fast. Ich stelle sie dennoch. Die Antwort ist denn auch lapidar: „Ich bin dieses Autors nicht würdig.“ Ob das ironisch gemeint sei? Borges bestreitet es energisch.

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Daß Kafka einen ungewöhnlich starken Einfluß auf sein Werk ausgeübt hat, ist bekannt. Er bestätigt es sofort: Sein ganzes Leben lang habe er von und über Kafka (so etwa das Buch von Max Brod) gelesen, ja, er habe sogar Kafka bisweilen plagiiert. Ihn fasziniere bei Kafka vor allem das „spontan Phantastische“. Es sei also ganz selbstverständlich, daß er, nach Vorbildern befragt, zuerst Kafka nennen müsse. Doch auch hier folgen die für Borges so charakteristischen, alle traditionellen Urteile wegwischenden Einschränkungen: Kafkas Romane seien allzu „mechanisch“ oder „mechanistisch“, sie seien zu „schematisch“. Wirklich hervorragend seien nur seine Erzählungen.

Eine Welt, bloß aus Büchern bestehend - so hat sich Borges einmal das Paradies vorgestellt. Doch je länger das Gespräch mit ihm dauert, desto klarer wird es, daß die Bücher, die er für das von ihm erträumte Paradies benötigt, fast ausschließlich Lyrik enthalten sollen. Welche deutschen Dichter gehören dazu außer Heine? Viele, sehr viele - und Borges, der nicht mehr sagen kann, ob er das letzte Mal in Deutschland vor zehn oder zwanzig Jahren war, erinnert sich an die Poeten sehr genau.

Angelus Silesius hat er herausgegeben und eingeleitet, Heym und Trakl übersetzt. Er rezitiert mit sichtlichem Vergnügen Liliencron und Morgensterns „Galgenlieder“, Stefan George und Hofmannsthals „Noch spür’ ich ihren Atem auf den Wangen ...“. Die Expressionisten kennt er offenbar alle - von Wilhelm Klemm bis Johannes R. Becher, der Lektüre der „Aktion“ und des „Sturms“ gedenkt er dankbar, die Namen der Herausgeber - Franz Pfemfert und Herwarth Waiden - sind ihm noch immer nicht entfallen.

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Becher? Da meine er wohl die frühe, die expressionistische Periode dieses Lyrikers? Gewiß doch. Und wie stehe er zu der Poesie Bechers in der stalinistischen Zeit, zu seiner kulturpolitischen Rolle in der DDR? Mit derartigen Fragen befasse er sich überhaupt nicht. Politik könne für einen Dichter nicht mehr sein als eine gelegentliche Inspiration. Und dann sei es gleichgültig, ob eine derartige Inspiration von links oder von rechts komme. Für das Publikum sei das Politische in der Dichtung allemal belanglos.

Während seines kurzen Aufenthaltes in der Bundesrepublik möchte er diesmal nur einen einzigen Schriftsteller aufsuchen: Ernst Jünger. Um den Autor der „Stahlgewitter“ kennenzulernen, wolle er sich die Mühe machen und nach Stuttgart reisen. Dieses Buch enthalte noch elementare Gefühle, es sei große Dichtung - gleichsam wie ein Naturereignis. Alle bedeutende Dichtung habe etwas von einem Naturereignis - ebendeshalb könne man sie nie kritisieren.

Was er, Borges, von der Kritik seiner Werke halte? Dazu könne er nichts sagen, da er noch nie eine Besprechung eines seiner Bücher gelesen habe. Wozu sollte er das tun? Sobald ein Werk vollendet und publiziert sei, existiere es für ihn nicht mehr, er wolle es unter keinen Umständen wiederlesen. Nie habe er sich um den Erfolg seiner Schriften auch nur im geringsten gekümmert. Derartiges täten nur zweitrangige Autoren.

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Ein finanzielles Interesse an der Verbreitung seiner Bücher gebe es bei ihm ebenfalls nicht. Er sei ja Direktor der Nationalbibliothek in Buenos Aires gewesen und überdies auch noch Professor für englische Literatur an der dortigen Universität. So erhalte er zwei Pensionen. Mehr Geld brauche er nicht. Borges hätte noch hinzufügen können, daß er als Sohn sehr reicher Eltern nie im Leben materielle Sorgen kennengelernt hat. ’

Ob er denn nie Kritiken über die Bücher anderer Schriftsteller gelesen habe? Jetzt wird Borges weniger rigoros: Kritiken, die ästhetische Fragen erörtern, läßt er schon gelten. So habe er die Schriften von Benedetto Croce mit Gewinn studiert. Ästhetische Theorien, die aus seinen eigenen Büchern abgeleitet werden, wolle er - wiederholt Borges - auf keinen Fall kennen.

Aber er selber habe doch nicht selten über Literatur geschrieben - und nicht nur über Homer oder Cervantes, sondern auch über Chesterton, Bernard Shaw oder Kafka. Borges antwortet ausweichend und kommt auf die Philosophie zu sprechen. Oswald Spengler habe ihn außerordentlich beeindruckt, ferner die Hauptwerke von Fritz Mauthner, vor allem seine „Kritik der Sprache“. Freilich habe kein Philosoph in seinem Leben eine so eminente Rolle gespielt wie Schopenhauer, zumal dessen „Welt als Wille und Vorstellung“.

Vor einigen Jahren hat eine gelegentliche Äußerung von Borges über (den von den spanischen Faschisten ermordeten) Garcia Lorca viel Aufsehen erregt und auch erregte Kommentare der Weltpresse nach sich gezogen. Borges könne sich, behauptet er, an dieses Interview nicht erinnern. Garcia Lorca sei kein Gesprächsthema für ihn: ein unbedeutender Dichter, dessen Ruhm ein Mißverständnis sei und bloß eine Folge seines tragischen Todes.

Ich frage Borges nach seinem Urteil über südamerikanische Schriftsteller. Pablo Neruda? Ein sentimentaler Dichter, den er nicht schätze. Hingegen halte er viel von Octavio Paz. Carlos Fuentes habe er nie gelesen, er sei eben blind und könne sich mit neuerer Literatur nicht mehr befassen. Was er zu dem Nobelpreis für Garcia Marquez meine? Er zögert keinen Augenblick: Obwohl er nur ein Buch von Marquez kenne (“Hundert Jahre Einsamkeit“), könne er sagen: „Ein hervorragender Schriftsteller, der den Preis verdient hat.“

Die reichsten Literaturen der Welt, das seien doch - meint Borges - die englische und die deutsche. Welche gravierenden Unterschiede er zwischen diesen beiden Literaturen sehe? Die Antwort ist verblüffend: Er wohne am Ende der Welt, und von dorther seien die beiden Sprachen, das Englische und das Deutsche, eng benachbart - und die beiden Literaturen gleichfalls. Er sehe da überhaupt keine wichtigen Unterschiede.

Im Grunde fühle er sich als „ein exilierter, ein entwurzelter Europäer in Südamerika“. In Europa gebe es immer noch viele einzelne Nationen und deren kulturelle Repräsentanzen. In Amerika, übrigens ebenso im Norden des Erdteils wie im Süden, würden hingegen sehr verschiedene europäische Einflüsse aufgenommen, zusammengefaßt und amalgamiert. Nur dort, in Nord- und Südamerika, seien in unserer Zeit die wahren Europäer - glaubt Borges.

„Wenn Sie, Herr Borges, einem jungen Autor heute Ratschläge erteilen sollten, was würden Sie ihm empfehlen?“ „Ich hätte für den jungen Autor nur zwei Ratschläge. Er soll es tun, wie ich es mein ganzes Leben lang getan habe, nämlich: erstens ein Buch nur dann lesen, wenn es ihm Spaß macht, und zweitens nur das schreiben, was er schreiben muß.“

Quelle: F.A.Z.
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