Wie man im Fernsehen Literatur vorstellt

Die feindlichen Brüder

Von Marcel Reich-Ranicki
31.07.1979
, 19:00
Literatur im Fernsehen, Oktober 1969: In der ersten Folge des „Literarischen Colloquiums“ diskutieren Barbara König, Renate Rasp, Hans Werner Richter, Gabriele Wohmann und Helga M. Nowak
„Das wird bisweilen Ärger bringen, aber das Vertrauen des Publikums steigern - und wahrscheinlich auch sein Interesse an der Sache.“ Im Juli 1979 begründet Marcel Reich-Ranicki, warum die Literatur-Präsentation auf dem Bildschirm zur Literaturkritik gehört.
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Wie kann man literarische Neuerscheinungen im Fernsehen vorstellen und dabei beiden gerecht werden - der Literatur und dem Fernsehen? Das ist eine äußerst schwierige Frage, an der seit mindestens fünfzehn Jahren in der Bundesrepublik laboriert wird, und zwar mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Niemand kann hier mit einer Patentlösung aufwarten - nicht einmal der Unterzeichnete. Mit anderen Worten: Man muß versuchen, jedes Buch auf die ihm angemessene Weise zu präsentieren, also in jedem Fall anders. Nur eine Regel ist unumstößlich: Man muß wissen, was man eigentlich will - die Zuschauer mit einem Autor bekannt machen oder nur dessen neues Buch vorstellen oder mit Hilfe dieses Buches auf eine allgemeine Frage verweisen oder nur ein wenig intellektuelle Unterhaltung bieten.

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Will man alles auf einmal, dann geht die Sache mit Sicherheit schief - es sei denn, man hat mindestens eine halbe Stunde Sendezeit zur Verfügung, und die hat man fast nie.

In den „Aspekten“ nahm man sich am vergangenen Freitag des Romans „Das Goldkind“ von Eva Demski an. Sehr erfreulich, denn es ist ein lesenswertes, ein beachtliches Buch. Aber die „Aspekte“-Leute wollten in den wenigen Minuten, die sie diesem Roman widmeten, alles auf einmal unterbringen: ein Porträt der Autorin, eine Lesung aus dem Buch, ein Interview und auch noch schöne Bilder der Stadt Regensburg, denn dort spielen große Teile des „Goldkinds“. Das hat keinen Sinn, die Präsentation fiel oberflächlich und wirr aus. Selbstverständlich mußte Eva Demski die überflüssige Frage beantworten, ob der Roman autobiographisch sei. Sie antwortete, wie nicht anders zu erwarten war: Die Geschichte sei zwar erfunden, doch seien in ihr viele ihrer Erfahrungen enthalten. Dasselbe hätten auch die Autoren von „Anna Karenina“ und „Winnetou“, des „Zauberbergs“ und des „Mannes ohne Eigenschaften“ sagen können. Alle Romane kombinieren Erfindung mit Erfahrung.

Noch schlimmer: Die obligaten Fotos des Regensburger Domes und einiger Straßen und Brücken in der Altstadt haben nur die Aufmerksamkeit vom „Goldkind“ abgelenkt, über dessen Stil und Klima man so gut. wie nichts erfahren hat. Muß man denn immer, wenn ein Roman in Wien, Beiiin oder Paris spielt, den Stephansdom, das Brandenburger Tor oder den Eiffelturm zeigen? Die meisten Buch-Präsentationen im Fernsehen kranken an den offenbar für Analphabeten bestimmten krampfhaften Bebilderungen. Eva Demski, die im „Bücher-Report“ am Sonntag Irmgard Keun aus Anlaß der Neuausgabe des Romans „Gilgi - eine von uns“ interviewt hat, braucht man in dieser Hinsicht nicht zu belehren: Frau Keun lebt seit vielen Jahren in Köln, dennoch hat man uns ein Foto des Kölner Domes erspart. Aber ich frage mich, ob es richtig war, Großstadtszenen aus dem 1931 entstandenen „Gilgi“-Roman mit Aufnahmen aus dem heutigen Frankfurter Zentrum zu illustrieren. Es gibt doch Filmaufnahmen vom Anfang der dreißiger Jahre.

Vernünftig und treffend waren auch die Irmgard Keun gestellten Fragen. Dennoch wurde uns ein fragwürdiges und etwas unheimliches Interview geboten. Es war offensichtlich, daß Frau Keuns Gesundheitszustand schlecht ist, daß es ihr schwerfiel, sich zu konzentrieren, und daß sie manche Fragen leider mißverstanden hat. Die eher lakonischen Antworten waren zumindest widerspruchsvoll. Gewiß, das Interview kann dennoch als ein aufschlußreiches Dokument gelten. Nur will es mir scheinen, daß die Veröffentlichung eines solchen Fernseh-Interviews sich einem Eingriff in die Intimsphäre nähert. Nicht recht überzeugend war die Vorstellung des Buches „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ von Guntram Vesper. Hier wurde uns Göttingen gezeigt und ein benachbartes Dorf. Man glaubte, mit Filmaufnahmen illustrieren zu müssen, was Vesper mit der Sprache erreichen wollte. Und gerade darüber - über den Stil dieser Prosa, über die künstlerischen Mittel Vespers und seine Absichten - erfuhr man viel zuwenig. Im Gedächtnis blieb haften: nicht etwa Vespers Buch, sonder die Stadt Göttingen.

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Ferner wurden wir über die vor zwei Jahren mit dem Roman „Abschaffel“ begonnene und nunmehr abgeschlossene Trilogie des Frankfurter Autors Wilhelm Genazino informiert. Diese Trilogie sei, hörten wir, sehr wichtig, denn sie befasse sich mit dem Leben der Büroangestellten - und es gebe eben sehr viel Angestellte. Das ist richtig. Aber es gibt auch viele Taxichauffeure und Krankenschwestern - und verdient deshalb schon ein Roman über einen Taxichauffeur und eine Krankenschwester besondere Aufmerksamkeit? Dem Film über die Genazino-Trilogie war nicht zu entnehmen, warum man eigentlich diese drei Romane lesen sollte. Was wohl als Anregung gemeint war, erwies sich als Abschreckung. Das beste Stück des von Wilfried F. Schoeller moderierten und redigierten „Bücher-Reports“ hatten wir diesmal Peter Laemmle zu verdanken: Er stellte Helga M. Novak und ihren, unseren Lesern schon bekannten, Roman „Die Eisheiligen“ vor. Laemmle gelang es, in der zur Verfügung stehenden Zeit das Notwendige unterzubringen, ohne den Zuschauer zu überfordern. Er informierte knapp und anschaulich über den Inhalt des Romans und zugleich über seine Komposition und Sprache.

Das Gespräch mit Helga Novak war geradezu spannend: Sie antwortete nervös und aggressiv, intelligent und prägnant. Sie sprach über ihre Kindheit und ihre Krisen, über ihr Verhältnis zur Heimat und zum Milieu, aus dem sie stammt. In wenigen Minuten war das suggestive Porträt einer Schriftstellerin entstanden. Die Literatur und das Fernsehen - sic mögen Brüder sein, aber sie leben nicht in Frieden. Denn Wort und Bild sind zwei verschiedene Welten, und oft wird das Wort vom Bild totgeschlagen. Goethe hatte schon gute Gründe, sich den Absichten seines Verlegers Cotta, der den „Faust“ illustrieren wollte, energisch zu widersetzen.

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Es wäre unsinnig, wollten wir den Fernseh-Leuten raten, in der Präsentation von Büchern auf das Visuelle zu verzichten. Nur sollte es, meine ich, möglich sein, das Visuelle zu realisieren und doch nicht die Literatur zu illustrieren. Der Wolf soll satt werden und das Schäfchen heil bleiben. Ferner: Wer das Publikum im Fernsehen mit Büchern und Autoren bekannt machen will, muß sich zunächst über seine eigene Rolle im klaren sein. Soll das Fernsehen nur die Interessen der Schriftsteller vertreten? Das wäre nicht die schlechteste und ist bestimmt nicht die wichtigste Aufgabe. Oder soll gar das Fernsehen als verlängerter Arm der Verlagswerbung fungieren? Dann wäre es schade um unsere Zeit. Ich meine: Literatur-Präsentation auf dem Bildschirm gehört zur Literaturkritik. Daraus folgt, was bisher nur selten geschieht: Die Neuerscheinungen sollten kritisch betrachtet und somit auch gewertet werden. Das wird bisweilen Ärger bringen, aber das Vertrauen des Publikums steigern - und wahrscheinlich auch sein Interesse an der Sache.

Quelle: F.A.Z.
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