Literaturnobelpreis für Gurnah

Ein Erzähler des Indischen Ozeans

Von Andreas Platthaus
07.10.2021
, 17:42
Kritiker des Kolonialismus und Verteidiger Salman Rushdies: der Autor Abdulrazak Gurnah im Jahr 2016 bei einem Besuch in Frankfurt
Bunt gewürfeltes Gepäck und geheime Absichten: Die Schwedische Akademie zeichnet Abdulrazak Gurnah mit dem Literaturnobelpreis aus. Und leistet damit Wiedergutmachung für die Entscheidungen früherer Jahre.
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Politischer ist wohl selten eine Entscheidung über den Literaturnobelpreis von der Jury begründet worden: Abdulrazak Gurnah erhält die Auszeichnung für „sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Flüchtlingsschicksals in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten“. Die vielfache Alliteration ist schon das Literarischste an der Begründung der Schwedischen Akademie, die den Preis vergibt. Bislang war der 1948 im damals noch unter britischer Verwaltung stehenden Sultanat Sansibar geborene Gurnah, der heute tansanischer Staatsbürger ist und in London lebt, mit seinen Büchern nur auf Shortlists wichtiger englischsprachiger Literaturpreise gelandet – gewonnen hatte er nie. Bis jetzt.

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Gibt es aber neben der kritischen Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus noch andere Charakteristika der bislang zehn Romane von Gurnah? Vielen Kritikern erscheinen sie akademisch, aber das passt ja zur zitierten Einschätzung der Schwedischen Akademie. Deutsche Leser können das aktuell leider schlecht überprüfen, denn seit „Desertion“ aus dem Jahr 2005, der ein Jahr später als „Die Abtrünnigen“ übersetzt worden ist, erschien hierzulande kein Buch von Gurnah mehr, und es ist wie auch seine vier anderen zuvor ins Deutsche gebrachten Romane seit Jahren nicht mehr lieferbar.

Hier wird mehr ausgezeichnet als ein einzelner Schriftsteller

Spricht das gegen die Bücher oder gegen das literarische Gespür des hiesigen Publikums? Tatsache jedenfalls ist, dass nirgendwo sonst auf der Welt so viel fremdsprachige Literatur übersetzt wird und der Kolonialdiskurs in den letzten Jahren aufgeblüht ist – zumal Sansibar auch kurzzeitig deutsche Kolonie war. Offenbar sahen unsere Verlage zuletzt aber kein Verkaufspotenzial in Gurnahs Literatur.

Das wird sich nun ändern. Und diese durch den wichtigsten Literaturpreis der Welt provozierte Neugier ist genau das, was die Vergabe an Gurnah angestrebt hat. Mit ihm wird mehr ausgezeichnet als ein einzelner Schriftsteller. Es ist eine Wiedergutmachung der Schwedischen Akademie an Versäumnissen gegenüber den gewandelten Erwartungen der Öffentlichkeit und auch gegenüber dem eigenen Anspruch. Seit der chinesische Schriftsteller Mo Yan 2013 ausgezeichnet wurde, waren alle Literaturnobelpreise an europäische oder nordamerikanische Autoren gegangen, und zuvor sah es mit dem Verhältnis von Schriftstellern aus „Erster“ zu denen aus „Dritter Welt“ kaum besser aus. Der Anspruch des Preises ist aber, Weltliteratur im geographischen Sinne zu prämieren, also alles im Blick zu haben. Afrika war somit achtzehn Jahre nach J.M. Coetzee längst wieder einmal dran; dort erscheint zweifellos exzellente Literatur. Und bei schwarzafrikanischen Schriftstellern muss man sogar bis zum Nobelpreis für Wole Soyinka im Jahr 1986 zurückgehen, um den unmittelbaren Vorgänger von Abdulrazak Gurnah zu finden.

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Blackhearted, blacklist, blackmail

Im Kontext von Autoren dieser Provenienz ist allerdings der Kenianer Ngugi wa Thiong’o, ein seit langem gehandelter Kandidat für die Auszeichnung, international ungleich erfolgreicher gewesen als Gurnah. Beide verbindet die autobiographische Grundierung ihres fiktionalen Schreibens. Bei Gurnahs 2001 im Original erschienenem Roman „Ferne Gestade“, der 2002 auf Deutsch herauskam, wird von zwei Protagonisten erzählt, und einer davon ist ein älterer Mann aus Sansibar, der als angeblich Sprachunkundiger in London ankommt, um politisches Asyl zu erhalten. Dort trifft er auf einen Landsmann, einen in England bereits etablierten Literaturwissenschaftler, und erzählt ihm: „Ich bin ein Flüchtling, ein Asylsuchender. Das ist nicht einfach so dahergesagt, auch wenn es durch die Gewöhnung daran, dergleichen zu hören, so scheinen könnte. Ich kam am Flughafen Gatwick an, am Spätnachmittag des 23. November im letzten Jahr. Es ist ein vertrauter Höhepunkt unserer Geschichten, dass wir verlassen, was wir kennen, und an seltsamen Orten ankommen, wobei wir kleines bunt durcheinander gewürfeltes Gepäck bei uns tragen und unsere geheimen und unkenntlich gemachten Absichten.“

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Der Gelehrte wiederum erzählt dem Neuankömmling von seinen Erfahrungen mit dem pejorativen Gebrauch des Wortes „schwarz“ in der englischen Sprache: blackhearted, blacklist, blackmail und so weiter. Die Lektüre dieser Lemmata in einem Wörterbuch sei für ihn eine bitterere Erfahrung gewesen als der britische Alltagsrassismus. Der Witz des Romans ist dann, dass diese beiden Leidensgenossen im fremden Land sich als einander spinnefeind erweisen durch frühere Ereignisse in ihrer Heimat.

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Globalität avant la lettre

Im Schicksal des Neuankömmlings spiegelt sich sogar die ganze jüngere Geschichte Tansanias (zu dem sich die Insel Sansibar 1964 mit dem benachbarten Festlandstaat Tanganjika zusammenschloss). Und in „Die Abtrünnigen“ erzählt Gurnah aus der Perspektive eines Mannes, der seine Kindheit im Sansibar der fünfziger Jahre erlebte. Allerdings greift dieser Roman weiter aus: zurück bis vor die Jahrhundertwende, als die Briten gerade die Kolonialherrschaft von den Deutschen übernommen hatten und dadurch einen radikalen Umbruch auslösten, auch sprachlich.

In diesem Kontext ist es bemerkenswert, dass der aus einer gebildeten muslimischen Familie stammende Gurnah als Kind nicht primär Englisch sprach, sondern Kisuaheli. Erst als er mit zwanzig Jahren zum Studium nach Großbritannien ging (wo er dann blieb), wechselte er zum Englischen. Es gibt nicht viele Beispiele für solche Sprachwechsler in der Liste der Literaturnobelpreisträger; der berühmteste dürfte der indische Dichter Rabindranath Tagore sein, der 1913 ebenfalls für sein englischsprachiges Werk prämiert wurde.

Ilija Trojanow, sicher der weitgereisteste und weltliteraturkenntnisreichste unter den deutschsprachigen Schriftstellern, nennt Gurnah „einen Erzähler des Indischen Ozeans mit dessen vielen Zusammenflüssen zwischen Oman und Indien und Sansibar und Dar-es-Salaam. Quasi Globalität avant la lettre, kosmopolitisch seit mehr als einem Jahrtausend“. Das bilde sich in Gurnahs Romanen ab. Dessen Kosmopolitismus zeigt sich aber auch darin, dass er 2007 den bei Cambridge University Press erschienenen „Companion to Salman Rushdie“ herausgegeben hat, in dem er das Recht des durch eine Fatwah mit dem Tod bedrohten Rushdie verteidigte, literarisch frei und frech mit islamischen Themen umzugehen – eine sehr mutige Tat für einen muslimischen Schriftsteller.

Rushdie selbst auszuzeichnen – eine längst überfällige Ehrung –, wird sich das Nobelpreiskomitee wohl nicht mehr trauen. So betrachtet, ist der neue Preisträger Gurnah nicht nur als Antikolonialist ein Aushängeschild für die Auszeichnung, sondern auch als literarischer Stellvertreter für freie Meinungsäußerung und einen aufgeklärten Islam. Nach der Lyrikerin Louise Glück im Vorjahr hat sich die Schwedische Akademie mit ihrer Entscheidung diesmal ans andere Ende des politischen Spektrums begeben, auch wenn sie die Konsequenz, mit Rushdie bis ins letzte Extrem zu gehen, wieder gescheut hat. Und betreffs der rein literarischen Qualität des ausgezeichneten Werks auch eher einen Kompromiss gemacht hat.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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