Fontane-Jubiläum

Welche Sinnlichkeit seine Sprache besitzt!

Von Tilman Spreckelsen
30.03.2019
, 17:40
Weil sich am 30. Dezember 2019 der Geburtstag des Schriftstellers zum zweihundertsten Mal jährt, steht das Jahr ganz im Zeichen Theodor Fontanes.
Aus dem Mauseloch in die Weltliteratur: In Neuruppin, der Geburtsstadt des Autors, eröffnet das Fontane-Jubiläumsjahr. Eine begleitende Ausstellung zeigt ihn als sprachverliebten Literaturunternehmer.
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Als Gott im Jahr 1863 vom Himmel auf Deutschland blickt, findet er es „erbärmlich“ und will helfen, da er eine Schwäche für dieses Land hat. „Meditierend, wie das am besten anzufangen sei, geht er in den Environs seiner himmlischen Hauptstadt, die halb Faubourg halb Villenpark und ein klein bisschen Ghetto sind, spazieren.“ Er kommt in den Bezirk der „reponierten Götter“ und beauftragt dort Jupiter, zur Erde zu reisen und sich der Sache anzunehmen. Der römische Gott gehorcht, beginnt, „unten aufzuräumen und stellt Deutschland wieder auf seine zwei Beine“.

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Aus dem Stoff hätte ein Roman werden können, sogar einer von Theodor Fontane, der die Geschichte von der himmlischen Mission, angetreten bezeichnenderweise kurz vor Beginn der sogenannten preußischen Einigungskriege gegen Dänemark und Österreich, 1885 in einem Brief an Paul Lindau skizzierte, den Verleger der Zeitschrift „Nord und Süd“. Man wüsste gern, was Fontane im Sinn hatte, als er – aus der Rückschau von zwei turbulenten Jahrzehnten – Jupiter nach Berlin schicken wollte und gerade nicht den Kriegsgott Mars (allerdings auch nicht die kluge Minerva). Hatte er vor, die tatsächlichen Ereignisse, von den Düppeler Schanzen über Königgrätz bis Sedan, als Ergebnisse göttlicher Hilfe zu schildern? Was flüstert Jupiter Bismarck ein, hält der sich daran? Oder sähe Fontanes Preußen gerade wegen dieser Intervention ganz anders aus als das reale und mit ihm Europa?

Was keiner kaufen wollte, verschwand in den Tiefen seines Archivs

Doch Lindau biss nicht an, der Roman blieb ungeschrieben. Das Schicksal teilt er mit zahlreichen anderen Erzählkeimen, die Fontane fand, skizzerte und diversen Verlegern anbot, immer mit Blick auf einen lukrativen Zeitschriftenvorabdruck. Was keiner kaufen wollte, verschwand in den Tiefen seines Archivs: „Storch von Adebar“ (der Titelheld ein „Confusionarius. Heute so morgen so“) ebenso wie die Aufsteigergeschichte „Erreicht“, „Die Gundermanns“ oder der schon recht weit gediehene Roman „Allerlei Glück“. Allerdings dienten die Stoffsammlungen auch als Steinbruch für andere Projekte (den Emporkömmling Gundermann etwa kennt man aus dem „Stechlin“), was gerade im Fall von „Allerlei Glück“ dazu führte, dass Fontane den Plan dazu auch deshalb aufgab, weil er mittlerweile eine ganze Reihe von Motiven und Personen schon verwendet hatte.

Weil sich am 30. Dezember 2019 der Geburtstag des Schriftstellers zum zweihundertsten Mal jährt, sind nicht nur seit dem vergangenen Herbst eine ganze Reihe von Publikationen zu Fontane erschienen, darunter vier Biographien und im Rahmen der verdienstvollen Großen Brandenburger Ausgabe auch seine Theaterkritiken. Außerdem wird im Museum von Fontanes Geburtsstadt Neuruppin die Ausstellung „fontane.200/Autor“ eröffnet, die es an Sperrigkeit durchaus mit ihrem Titel aufnehmen kann, die auf viele Reize verzichtet, die für Literaturausstellungen normalerweise unverzichtbar sind, und die gerade darum einen scheinbar vertrauten Autor mutig auf eine Weise präsentiert, die ein Schlaglicht auf eine sonst kaum ausgeleuchtete Seite seiner Existenz wirft.

Wortschöpfungen und Textaufkleber in der Ausstellung „fontane.200/Autor“ im Museum Neuruppin
Wortschöpfungen und Textaufkleber in der Ausstellung „fontane.200/Autor“ im Museum Neuruppin Bild: dpa

Sie besteht im Wesentlichen aus zwei großen Räumen im vor fünf Jahren errichteten Neubau des Museums und zwanzig kleinen im Altbau, dem ehemaligen Haus des Neuruppiner Bürgermeisters, das aus der Wiederaufbauzeit nach dem großen Stadtbrand von 1787 stammt. Aus den kleinen wurden alle Exponate geräumt, die Fontane bei seinen Besuchen noch nicht hatte sehen können – die anderen wurden zum Teil mit seinen Beschreibungen dieser Stücke in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ versehen, als Hörstation oder Aufschrift, und weitere Räume widmen sich knapp der Biographie Fontanes.

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Eine zeigt den Leser anhand von reproduzierten Anmerkungen am Rand fremder Texte (zur Verlobungsszene in Goethes „Die natürliche Tochter“ schreibt Fontane: „Ich hätte sie nicht genommen“) oder als eifrigen Brockhaus-Benutzer. Eine Silhouette des Autors ist mit Selbstbeschreibungen umschrieben: Er sei „kein Nebenbei-Literatur-Verzapfer“ und „kein Riffraff“, führe eine „Mauseloch-Existenz“ als „Kartenmensch“, „Tintensklave“, „Giftmischer“, und „Korrespondenzartikelfabrikant“. Außerdem sei er „immerhin nicht der erste beste Schmierarius“, heißt es da, und spätestens hier ist man der Sprache des Autors ebenso verfallen wie die Urheber dieser Ausstellung unter der Leitung von Heike Gfrereis.

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Denn das ist die Essenz des Unternehmens, das stolz den Titel „Leitausstellung“ zum Fontane-Jahr trägt: die Sprachschöpfungen des Autors, meist durch Komposita erzeugt, in die Welt hinauszutragen, was hier heißt, aus den gedruckten und ungedruckten Quellen zu ziehen und auf Tafeln, Kartons und Luftballons, alle in der Signalfarbe Gelb gehalten, in den Ausstellungsräumen und in Neuruppin überhaupt zu verbreiten. Ein Zimmer ist mit Papierstapeln geflutet, die je ein Füllwort tragen, das Fontane besonders gern benutzte („wirklich“, „wenigstens“, „eigentlich“, „mutmaßlich“ und dergleichen mehr), und das Abwägende, das darin transportiert wird, passt nicht nur zum Bild, das gerade in den neueren Biographien vom Autor gezeichnet wird, dem alles Apodiktische fremd war und dessen Leben reich an fundamentalen Wendungen war, die den Gedanken daran, irgendetwas sei sicher, nicht aufkommen ließen. Es passt auch zum Herzstück dieser Ausstellung, einem Raum, der sich den lange vernachlässigten Notizbüchern Fontanes hingibt und sie als Labor für die Produktion des Autors inszeniert.

Romancier, Reiseschriftsteller, Journalist: Theodor Fontane (1819-1898) schrieb unermüdlich.
Romancier, Reiseschriftsteller, Journalist: Theodor Fontane (1819-1898) schrieb unermüdlich. Bild: ZB

In zwölf eng aneinandergestellten Vitrinen in der Mitte des Raums ruhen die 67 erhaltenen Kladden des Autors – fast alle im Original, ein paar in Kopie – auf Bergen weißen Papiers, die auch den Hintergrund für Projektionen bilden. Diese reproduzieren bestimmte Seiten und machen sie so überhaupt lesbar, was handgreiflich für die Besucher dann an einem Nebentisch erlebbar wird, wo man einzelne, mit digitalen Codes bedruckte Blätter hin- und herschieben kann, wobei Faksimiles, Transkriptionen und Zusatzmaterial zu bestimmten Stellen erscheinen – etwa ein Brief, den Rilke an Fontane schrieb und den dieser auf der Rückseite als Entwurf für seine Autobiographie nutzte. In den Notizbüchern aber, die derzeit von der Fontane-Arbeitsstelle in Göttingen unter der Leitung von Gabriele Radecke zunächst digital publiziert werden, hielt Fontane nebeneinander Gedichtentwürfe und Notizen zu Theaterkritiken, Briefkonzepte und To-do-Listen fest sowie die Anfänge literarischer Texte, ob sie nun ausgeführt wurden oder nicht.

Gleich nebenan wird der Roman „Effi Briest“ in seine Einzelteile zerlegt, auf dem Boden ist eine Art Alphabet der häufigsten Worte von „Abend“ bis „Zärtlichkeit“ zu lesen, in der Luft symbolisieren Kartons die wichtigsten Romangestalten, verbunden durch Plastikbänder, bedruckt mit zentralen Dialogen. Denn um Fontanes Sprache geht es auch hier, und welche Sinnlichkeit sie besitzt, setzt man sich ihr nur so aus wie hier, frappiert doch. Papier, Bleistift, Tinte – mehr ist da nicht, mehr behauptet auch der mediale Aufwand der Monitore und Beamer dieser Ausstellung nicht. Wie daraus eine fragile Welt wird, in der manches keimt und manches stirbt, ist hier zu sehen. Und deshalb geht es in der Schau eigentlich um weit mehr als um Fontane.

fontane.200/Autor. Im Museum Neuruppin; bis zum 30. Dezember. Der Katalog kostet 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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