Ausstellung zu Prousts Paris

Sein Weg führte nach Westen

Von Andreas Platthaus
21.01.2022
, 22:11
René-Xavier Prinets Gemälde „Le Balcon“ von 1905/06
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Im Jahr der hundertsten Wiederkehr seines Todestages zeigt das Musée Carnavalet die Pariser Welt von und um Marcel Proust. Der Besucher betritt Räume der Überfülle und erlebt viele Überraschungen.
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Kaum haben wir Proust anlässlich der letztjährigen 150. Wiederkehr seines Geburtstags ausgiebig gefeiert, sind wir schon im Gedenkjahr seines hundertsten Todestags angelangt. Und die Pariser Museen haben sich ihre großen Ausstellungen für 2022 aufgespart. Als Erstes tritt das Musée Carnavalet an, mit „Marcel Proust – Un roman parisien“ (Ein Pariser Roman). Eine thematisch naheliegende Wahl für dieses Haus, denn es handelt sich bei ihm ja um das historische Museum der französischen Hauptstadt. Und wie Luzius Keller, der größte lebende deutschsprachige Proust-Philologe, es so markant formuliert hat: „Die Kapitale spielt in der Recherche eine kapitale Rolle.“ Zwar geht es in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auch an die fiktiven Orte Combray und Balbec sowie nach Venedig, aber eigent­licher Schauplatz des Riesenromans bleibt Paris. Es wird erzählt vom Wandel, den diese Stadt im Handlungszeitraum von etwa 1870 bis 1922, also während Prousts Lebensspanne, erlebte – gesellschaftlich, kulturell, architektonisch. Ein gefundenes Fressen für das Carnavalet und dessen reiche Bestände zur Lokalgeschichte.

Zudem beherbergt das Museum die ultimative Pariser Pilgerstätte für ­Proustianer: das anhand von Teilen des Originalmobiliars rekonstruierte Schlaf- und somit auch Sterbezimmer – und Arbeitszimmer, denn Proust pflegte im Bett zu schreiben. Nun steht dieses Bett bis April statt in der Dauerausstellung im Sonderausstellungsbereich, zusammen mit Prousts Chaiselongue, seinem Wintermantel, einem Spazierstock und dem einzigen erhaltenen Bruchstück jener Korkverkleidung, mit der sich der Schriftsteller gegen akustische Belästigungen der Außenwelt abgeschottet hatte. Und als das Museum im vergangenen Jahr seinen Proust-Raum neu gestaltete, erhielt es noch ein weiteres Überbleibsel der verlorenen Zeit als Geschenk: ein Fragment der blauseidenen Überdecke aus Prousts Schlafzimmer. Es dürfte wenige andere Schriftsteller geben, deren noch kleinste Lebensschnipsel eine ähnliche Reliquienwirkung zeitigen. Für sein Publikum gilt eben nicht, was er 1919 im Vorwort zu einem Buch seines Malerfreundes Jacques-Émile Blanche als dessen (und auch die eigenen) Faszinosa beschrieb: „alles, was aus der sichtbaren Welt ins Unsichtbare ausgewandert ist, alles, was in Erinnerung umgewandelt, unserem Denken eine Art Mehrwert verleiht“. Wir Leser schätzen dagegen durchaus auch das, was von Proust gegenständlich ge­blieben ist.

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Was vom Autor übrigblieb

Davon ist geradezu unverschämt viel in der Ausstellung versammelt: eine dem Toten abgeschnittene Haarsträhne (es gibt etliche davon auf der Welt, und wenn sie alle so üppiges Volumen hätten wie diese, wäre Proust kahl beerdigt worden), Notizbücher, seine Taschenuhr, Widmungsexemplare, Briefe, Fotos, Visitenkarten, natürlich auch Blanches ikonisches Porträtgemälde von Proust aus dem Jahr 1892, das für die Dauer der Ausstellung aus dem Musée d’Orsay auf die andere Seine-Seite gewechselt ist, im Sammelsurium der Schau aber eher wie abgeschoben wirkt. Es ist zu viel in der eng ge­bauten Raumflucht versammelt, auch zu viel Besuch für die meist kleinformatigen Objekte und die Bildschirme, auf denen stadtatmosphärische Ausschnitte aus Proust-Verfilmungen laufen, was aber durch die undurchdringlichen Menschentrauben davor eher akustische Leitthemata schafft als eine Visualisierung des Schauplatzes der „Recherche“. Eine dieser Videostationen zeigt allerdings jenen erst 2017 aufgetauchten 76 Sekunden langen Film von der Hochzeit einer Tochter der mit Proust gut bekannten Greffulhe-Familie im Jahr 1904, auf dem man glaubte, den Schriftsteller in der Gästeschar identifiziert zu haben. Die Meldung vom ersten Bewegtbild Prousts ging damals um die Welt (F.A.Z. vom 17. Februar 2017), wird jetzt aber vom Carnavalet als höchstwahrschein­liche Fehlinterpretation abgetan.

Möbel Marcel Prousts im Musée Carnavalet
Möbel Marcel Prousts im Musée Carnavalet Bild: Musée Carnavalet

Warum dann den Schnipsel überhaupt zeigen, könnte man fragen. Weil in der ersten Hälfte der Schau das Paris von Prousts Leben und damit auch seine gesellschaftliche Umgebung dokumentiert wird, darunter natürlich der Freundeskreis. Neues gibt es aber jeweils nichts, nur eben Informations(über)fülle. Besser wird es im zweiten Teil, wenn „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zum Thema wird – und eine wiederum reichhaltige, aber deutlich einfallsreichere Auswahl uns das Paris der Romans vor Augen führt. So etwa mittels einer Ölstudie von Gustave Caillebotte zu dessen in Chicago aufbewahrtem Gemälde „Rue de Paris; temps de pluie“ (Straße in Paris im Regen) von 1877, die die Carnavalet-Direktorin Valérie Guillaume in einer französischen Privatsammlung aufstöberte. Da malte Caillebotte auf fast tachistisch anmutende Weise nur ein Stück unebenes Straßenpflaster, und welcher „Recherche“-Leser dächte hier nicht an den Stolperstein im letzten Band des Zyklus, „Die wieder­gefundene Zeit“, der den Ich-Erzähler endlich zum Begreifen der unwillkürlichen Erinnerung führt, die ihn vor etlichen tausend Seiten überhaupt erst zum Erzählen gebracht hat?

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Warum die Cattleya ihm zur erotischen Metapher wurde

Oder eine 1900 hergestellte Vase von Émile Gallé, dessen Glaskunst in der „Recherche“ mehrfach erwähnt wird. Dieses Exemplar hat ein Cattleya-Dekor, eine vollplastische Darstellung jener Or­chideeensorte, die beim Liebesspiel von Charles Swann und Odette de Crécy im Roman eine so wichtige Rolle spielt. Und wer noch nicht wusste, warum Proust dafür diese Blüte gewählt hat, der dürfte es beim Betrachten ihrer hier naturalistisch wiedergegebenen Form und Farbe verstehen. Die Ausstellung macht generell einiges sichtbar, wozu uns bislang die Anschauung gefehlt hatte. Bilder sprechen deutlicher als Beschreibungen. Selbst als solche von Proust.

In der zweiten Abteilung sind denn auch die großen Meisterwerke der Malerei versammelt: eine Ansicht des Bahnhofs Saint-Lazare von Monet, ein Stellschirm von Bonnard (beide Künstler hat Proust persönlich gekannt), Bühnenbild- und Kostümentwürfe von Léon Bakst für die Ballets russes oder Rodins von diesem selbst unter Verschluss gehaltene Gipskleinplastik „Femmes damnées“, die wie eine Bebilderung der Eifersuchtsvisionen des Erzählers der „Recherche“ gegenüber seiner Freundin Albertine (in der er eine Lesbierin vermutet) wirkt. Aber es sind auch unerwartete Entdeckungen zu machen, die das Paris der Belle Époque in seiner Doppelbödigkeit vor Augen führen: Fotos von Männerbordellen und den offenen Bedürfnisanstalten auf den Champs Élysées, die bei Proust zu Schauplätzen homosexueller Leidenschaft werden. Und dann der Glanz der Theater und Restaurants, wie er sich in Auftragsarbeiten von deren Betreibern artikulierte: als aufwendige Salonmalerei oder auch massenwirksame Lithographieplakate, die von den Pariser Litfaßsäulen strahlten, die dort nach dem französischen Ideen­geber colonnes de Morris genannt werden. Wenn tout Paris in Prousts Roman versammelt ist, dann ging es ihm dabei wirklich ums Ganze dieser Stadt.

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Der weiße Fleck in Leben und Werk

Umso überraschender, dass es einen weißen Fleck in seinem Buch und Leben gibt: das Marais-Viertel, just jenes dritte Arrondissement, in dem das Carnavalet liegt und Prousts jüdische Vorfahren mütterlicherseits ihre ersten Pariser Wirkungsstätten hatten. Auf Grundrissen der Stadt werden in der Ausstellung Prousts Anlaufpunkte gezeigt: seine Wohnungen, die seiner Freunde, Galerien, Lokale, Bühnen. Und auch die Schauplätze der „Recherche“. Nichts davon liegt im Marais; es ist, als hätte der Autor im Leben und im Werk jede Beschäftigung mit dem Zentrum des jüdischen Lebens umgangen. Sein Roman erzählt damit auch von der Westverschiebung des großbürgerlichen Lebens in der Hauptstadt und von der Loslösung jüdischer Aufsteiger des neunzehnten Jahrhunderts von ihren Wurzeln. Ohne etwas darüber zu sagen. Das macht dann doch sprachlos. Auch das hatten wir vorher nicht gesehen.

Marcel Proust – Un roman parisien. Im Musée Carnavalet – Histoire de Paris; bis zum 10. April. Der gegenüber der Ausstellung noch bilder- und textreichere französischsprachige Katalog kostet 39,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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