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Lindgren-Preis für Bart Moeyaert

Du und ich und alle anderen Kinder

Von Tilman Spreckelsen
 - 14:50
Bart Moeyaert im Juni 2016 in Frankfurt Bild: dpa

Dass ein Kinderbuchautor im Rahmen der Frankfurter Buchmesse einen Gastlandauftritt kuratieren darf, ist ein mittleres Wunder, und wahrscheinlich bedarf es eines Autors wie Bart Moeyaert, um dafür überhaupt in Betracht zu kommen. Es hat aber auch damit zu tun, wie im betreffenden Land Kinderliteratur angesehen wird: als nett, möglichst harmlos, nicht ganz ernst zu nehmen und jedenfalls immer etwas weniger herausfordernd als die Literatur für Erwachsene, also „richtige“ Literatur – oder eben als anerkannte Kunstform, die eigenen, aber nicht minder anspruchsvollen Regeln folgt.

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Wer dann in einem solchen Umfeld wie vor zweieinhalb Jahren die Niederlande und Flandern einen Autor wie Moeyaert auf den Schild hebt, der bekennt sich nicht nur zur Kinderliteratur an sich, sondern auch zu einem Ansatz, wie ihn der 1964 in Brügge geborene Schriftsteller, Dramatiker, Lehrer für kreatives Schreiben und Übersetzer vertritt. Denn der Blick auf Kinder, sagt Moeyaert, sei in seiner Heimat anders als in Deutschland, es sei gesellschaftlich anerkannt, Kinder losziehen zu lassen, um sich die weite Welt zu erobern, beschützt und begleitet durch Erwachsene, aber zugleich frei und eigenständig.

Das Experimentieren war dann auch Teil von Moeyaerts Konzept für die Buchmesse, die Einladung zum Welterkunden durch irritierende Momente wie im Pavillon herumlaufende Gedichtflüsterer aber auch, und dass die zurückhaltende Gestaltung des Pavillons den Raum dafür bot, war eine passende Entscheidung der Gestalter.

Was mit einem Kind passiert, wenn es die Augen zukneift

Nun ist Bart Moeyaert, der schon 1995 den deutschen Jugendliteraturpreis bekommen hatte, eine weitere Anerkennung zuteilgeworden: Gestern wurde ihm der Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis zuerkannt, die mit umgerechnet knapp 500.000 Euro ausgestattete höchstdotierte Auszeichnung im Kinder- und Jugendbuchbereich. Moeyaert folgt damit auf Autoren wie Philip Pullman, Shaun Tan, Guus Kuijer, Meg Rosoff oder Wolf Erlbruch, mit dem Bart Moeyaert das hinreißende Bilderbuch „Olek schoss einen Bären“ geschaffen hat.

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Die zwölfköpfige Jury des Lindgren-Preises begründete ihre Wahl mit der Musikalität von Moeyaerts Sprache und seinem Gespür für die unausgesprochenen Wünsche seiner meist jugendlichen Protagonisten. Am schönsten und am traurigsten zeigt sich das in seinem Roman „Unter der Milchstraße“, der auf deutsch 2013 bei Hanser erschienen ist. Er erzählt von drei Kindern, die einen Sommer lang immer wieder auf einer Mauerkrone zusammensitzen, den Himmel und die Straßen des Viertels beobachten und darüber zu vergessen suchen, was ihnen widerfahren ist. Wie man sich abspaltet von dem, was schmerzt, wie man die Augen fest zukneift und was das mit einem Kind macht, schildert Moeyaert unaufgeregt und eindringlich zugleich.

Die eigene Kindheit in vierzig Miniaturen

Dass der Autor den beiden historischen Fallstricken der Kinderliteratur – dem Zupinseln der Wirklichkeit mit den Farben einer heilen Welt einerseits und dem grellen Zerrbild einer kaputten andererseits – fast schon tänzerisch leicht entkommt, wird man ihm hoch anrechnen. Er ist – wie in „Olek“ – pragmatisch bis in die Knochen, er schildert Kinderträume, ihr Scheitern oder ihre oft ganz unerwartete Erfüllung in der Sammlung „Du und ich und alle anderen Kinder“.

Und er richtet im autobiographisch grundierten Band „Brüder“ (2006 auf Deutsch) den Blick in Form von mehr als vierzig Miniaturen auf die eigene Kindheit, darauf, wie es ist, im Schatten von sechs älteren Geschwistern aufzuwachsen: Er schwieg, schaute hin und veröffentlichte dann mit neunzehn Jahren seinen ersten Roman.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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