An und über Zbigniew Herbert

Bei lebendiger Dichtung verschwinden

Von Durs Grünbein
Aktualisiert am 29.11.2020
 - 22:45
Vorbild für jüngere Dichtergenerationen: Zbigniew Herbert (rechts), hier bei einer Begegnung in Wien 1965 mit Peter Handke
An den Gedichten Zbigniew Herberts ist keiner vorbeigekommen. Keiner, der den Schiffbruch der hehren humanistischen Ideen und die Reaktion der vergessenen Massen auf sie erlebt hatte. Ein Gastbeitrag.

Lieber Zbigniew Herbert!

Es ist ein wenig spät dafür, Ihnen zu schreiben. Die Chance, Ihnen brieflich näherzutreten, ist, ich weiß es, seit langem vertan. Die Vorstellung, es könnte Sie irgendetwas von dem, was hier und heute geschieht, erreichen, wäre nur eine fromme Illusion. Und dies nicht nur für Christen, auch für die Physiker unter uns, denen immerhin das Experiment der Teleportation von Quantenzuständen über Hunderte Kilometer Entfernung gelang, was zu der Hoffnung Anlaß gab, solche Fernwirkung von Materieteilchen könnte dereinst die gezielte Übertragung von Informationen ermöglichen, auch, warum nicht, ins Weltall hinaus. Nie und nimmer aber wird diese hochtechnifizierte Zauberei mittels Photonen jenen Ort (oder vielmehr Nichtort) erreichen, den man seit den ältesten Zeiten, im Alten Ägypten etwa, das Jenseits genannt hat, ein Reich, das aus den Ebenen Himmel und Unterwelt bestand.

Da, wo Sie jetzt sind, erreicht Sie allenfalls der Donnerhall kosmischer Explosionen, die Strahlung der Atombomben, die hin und wieder getestet werden, oder ein Hauch der Erderwärmung, die uns die Klimaforscher vorrechnen, in der Absicht, die Menschheit als ganze, die Bevölkerung im Digitalzeitalter könnte aus den Fehlern des Industriezeitalters etwas lernen und ihr Verhalten zur Atmosphäre des Planeten ändern. Schwer denkbar, Sie hätten etwas von der riesigen Rauchfahne bemerkt, die am 11. September 2001 von einer Kamera an Bord der Internationalen Raumstation ISS aufgenommen wurde, ein Luftbild der brennenden Twin Towers des New Yorker World Trade Center, Momente bevor diese krachend in sich zusammenstürzten, was die politische Landkarte auf dieser Erde für immer veränderte. Krieg im Orient, Terror weltweit, Flucht und Vertreibung von Millionen, eine nicht mehr zur Ruhe kommende Flüchtlingswelle von Afghanistan bis ins innerste Afrika waren die unmittelbaren und mittelbaren Folgen.

Ich kann Ihnen nur sagen, das war die Zäsur, mit der das 21. Jahrhundert begann, das Sie, 1998 in Warschau verstorben, nicht mehr erlebt haben. Eine plötzliche Nostalgie, die mich, der ich wie Sie ein Kind des zwanzigsten Jahrhunderts bin, seither erfaßt hat, läßt hier etwas wie Neid aufblitzen – ein Gefühl, für das ich mich schäme. Ich kann den Vers nicht vergessen, den Paul Valéry mir mit auf den Weg gab in seinem Gedicht „Der Friedhof am Meer“ (Le Cimetière Marin): „Le vent se lève! ... Il faut tenter de vivre!“ Ein Wind kommt auf! ... Und es ist Zeit zu leben!

Bestimmt kannten auch Sie diesen Vers. Ein grundsätzlicher Optimismus in allem, was ich von Ihnen las, und bei allem Sarkasmus, der mir nicht entgangen ist, läßt darauf schließen, daß auch Sie den Wind, von dem da die Rede ist, gespürt haben müssen. Sie, der die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, die Okkupation Polens durch meine Vorfahren, die brutale Besatzungspolitik der Himmler und Frank, diese gezielte Niedertracht, auf polnischem Boden zuerst die Judenghettos, dann die Vernichtungslager zu errichten, als junger Mensch miterlebt haben. Polen und Deutschland, das war über Jahrhunderte hinweg ein problematisches Nachbarschaftsverhältnis, zuletzt ein mörderisches. Wem sage ich das?

Ihnen, dem geborenen Demokraten, der seither Abstand hielt zu allen Formen politischer Tyrannei und sich als Schüler der Philosophie, Liebhaber des kritischen Denkens, gegen jede Ideologie wappnete. Ihnen, der nie vergessen konnte, wie das alles anfing mit dem berüchtigten Hitler-Stalin-Pakt, der zum Massaker an der polnischen Offizierselite im Wald von Katyn führte, zur Zerreißung des Landes zwischen den Drachen der beiden Diktaturen und schließlich, nach dem Sieg der Roten Armee, zur sowjetischen Hegemonie in diesem schönen alten Kulturgelände zwischen Oder und Bug, das wir heute die Republik Polen nennen. Der Krieg war zu Ende, und wer damals inmitten der Trümmer in sich den neuen Europäer entdeckte, muß diesen Wind gespürt haben.

Mit Ihrem Herrn Cogito habe ich über das Leid meditiert, über den Blutkreislauf, den aufrechten Gang, die Vorstadthäuser, über Pop und Frauenzeitschriften, die Hölle und den Erkenntniswert von Gedichten. Sogar über die Rückkehr in die Heimatstadt. „alles was da gerettet wurde / ist die platte aus stein“. Und was Herr Cogito, Ihr berühmtes Alter Ego, über die Hölle zu sagen hat, kennen wir Herbert-Leser in allen Sprachen. Der unterste Kreis „ist ein künstlerasyl, voller spiegel, instrumente und bilder“. „Hier dauern die wettbewerbe, die festivals und konzerte das ganze jahr... Beelzebub fördert die kunst. Er garantiert seinen künstlern ruhe, gute ernährung und eine vollkommene isolation vom höllischen leben.“ Auch was Sie persönlich von diesem Leib-Seele-Problem hielten, mit dem die Philosophie sich so lange herumplagte (Subjekt und Objekt, Geist und Materie und so weiter), wissen wir. Ein kleiner Spalt tut sich auf, ein Gedanke zeigt sich, der dem strengen Dualismus entschlüpft wie ein Küken – und es ist gut, wenn die Poesie vor der Philosophie Haken schlägt und den Aporien entkommt –, und vielleicht war es das, was mich ermuntert hat, Ihnen auf diese Weise zu nahe zu treten, mit einem postumen Brief.

Herrn Cogitos seele
verhält sich anders

zu lebzeiten verläßt sie den leib
ohne ein wort des abschieds
monate jahre hält sie sich
in anderen kontinenten
außerhalb Herrn Cogitos grenzen auf
(...)

niemand weiß wann sie heimkehrt
vielleicht ging sie für immer verloren
Und fügen, mit der Ihnen eigenen Zärtlichkeit, hinzu:
gewiß muß sie auch
in anderen körpern wohnen
Um dann noch eine Note höher, noch einfühlsamer fortzufahren:
er denkt an die seele mit rührung
er denkt an die seele zärtlich
Um schließlich, auf dem Höhepunkt angelangt, allen Tränen, die der Mensch um sein eigenes Leid und Vergehen und das aller anderen vergießt, vorzubeugen:
darum wenn sie unerwartet
erscheint
begrüßt er sie nicht mit den worten
„gut, daß du wieder da bist“

Das war es. Das genügte, um Ihnen, Zbigniew Herbert, fortan aufmerksam zuzuhören. Wie sonst könnte ich einem Publikum, dem man die Wirkung der Poesie (das Wort Lyrik ist mir verdächtig) immer aufs neue erklären muß, begründen, wie es kam, daß Ihre Verse wie ein Blitz in mir einschlugen? Sie haben mich, das ist das Geheimnis der Fernstenwirkung, mit wenigen gezielten Worten erobert. Ich bezweifle, daß ich Sie schon so gut kannte, damals, als ich selbst mich mit dem Erfinder des Cogito, dem Chevalier René Descartes, in eine Unterhaltung begab, die dann in ein langes Erzählgedicht mündete.

An Ihren Gedichten ist keiner vorbeigekommen. Keiner, der den Schiffbruch der hehren humanistischen Ideen und die Reaktion der vergessenen Massen auf sie mittelbar oder unmittelbar erlebt hatte. Sie haben es früh erkannt: „daß die schwarze Tonart der Gegenwartsliteratur aus der Einstellung der Autoren zur Realität kommt“. Umstimmen, gar ändern ließ sie sich nicht, diese Einstellung (so wenig wie die katastrophenschwere Realität selbst). Aber das Ich, das über sie stets Beschwerde führte, dieses kleine quengelnde, quietschende, zufällige Ich, ließ sich vielleicht überwinden.

Von der Geschichte enttäuscht, blieb Ihnen nur die Besinnung auf einen völligen Neuanfang. Universelles Mitleid, die Sorge um das menschliche Gewissen: Das war die Ethik, die Ihre Ästhetik bestimmen sollte. Die Rückkehr zum Einfachen, Elementaren, das war die Wende. Die Hinwendung zu den Dingen: Knöpfe, Hocker, Tische, tote Gegenstände, die immer in Ordnung sind, „und man kann ihnen, leider, nichts vorwerfen“. Das war die Losung, die Lösung. „Gäbe es eine Schule der Literatur, müßte man in ihr vor allem die Beschreibung der Gegenstände üben und nicht die der Träume.“ Wer sonst als Sie wäre auf die Idee gekommen, einen „Hocker“ mit Du anzureden?

das kleine vierbein auf eichenen füßen
(...)
graues eselchen der geduldigste aller esel
(...)
Weißt du mein lieber es hat schon blender gegeben
Nur die Titel, lieber Kleinschreiber Herbert, Springteufel zwischen den Zeiten und Zeilen, haben Sie noch immer hochgehalten und groß geschrieben. Warum nur?
was hast du gedacht im sprung
zwischen den gleichgestellten worten
zum beispiel freiheit gleichheit brüderlichkeit
dir war doch klar was es heißt
wenn nur noch eigennamen bleiben
Nike Napoleon Niemand
oder irgendein Augustus Claudius Caligula Hiob
während wir und du in den zwischenräumen
geschichte die weder punkt noch komma kennt
in ihrem marsch durch die alphabete
hebräisch griechisch lateinisch
deutsch oder englisch
bei lebendigem leibe VERSCHWINDEN

Ich verdanke Ihnen viel, lieber Zbigniew Herbert. Wie oft sind Sie, gerade Sie, mein Reisebegleiter gewesen. Was mich anzog, war der kühle Berichtston Ihrer Gedichte, der sachliche lautere Stil Ihrer Prosa, die mich nach Italien trug, in die Niederlande, nach Frankreich, bevor ich selbst dorthin reisen konnte. Als ich eines Tages nach Orvieto kam und dort im Dom die Fresken des Luca Signorelli sah, habe ich an Sie denken müssen. Mit meinen Augen, und zugleich mit Ihren sah ich den Weltuntergang des Meisters aus Cortona und war wie Sie geschmeichelt, daß hier ein Leser am Werk gewesen war, ein Leser Dantes. Ich sah seine Auferstehung der Leiber, die sich in einer Landschaft abspielte, platt wie ein Tisch, wie Sie sagen. Da war er wieder, der Vergleich mit einem Möbelstück, dieser Blick für das Handwerk und die einfachen Dinge. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, daß Zeitgenossen, die für mich immer dazugehörten, gleichsam als Inventar meiner Lebenszeit, plötzlich verschwinden könnten wie Sie in dem Jahr, als ich Orvieto besuchte.

Kaum war die Mauer gefallen, bin ich mit Ihnen nach Amsterdam gereist und habe wie Sie über die Tulpenmanie im Goldenen Zeitalter gestaunt. Eilte im Rijksmuseum an den Gemälden der Vermeer und Frans Hals vorbei, um die schaurigen, sadistische Phantasien beflügelnden Stillleben des Johannes Torrentius zu suchen. Manchmal sind Bücher wie Befehle. Weiß ich, was dazu geführt hat, daß ich heute hier stehe? Ich kann nur hoffen, es war die Stimme der Vernunft. Sie kommt mir vertraut vor, und sie klingt, Pan Herbert, wohl manches Mal wie Ihre.

Was ich Ihnen mit alldem sagen wollte, war eigentlich nur: Danke. Aber stattdessen schreibe ich Zeilen, die Sie niemals erreichen werden. Das kommt davon, wenn man Gedichte mit Briefen verwechselt. Nun ja, Briefe, nicht direkt an mich adressiert – aber sie haben mich doch erreicht. Dieser Brief kommt rund zwanzig Jahre zu spät – oder dreißig oder fünfzig, je nachdem welches Datum man in der historischen Konstellation ansetzen will. Es wäre mir peinlich, als Adresse zu schreiben: Powązki Friedhof, Warschau, Polen. Da sind Sie nicht mehr zu finden, Meister, ich weiß. Denn Sie sind nun da draußen im All, und es macht Ihnen Freude, ich kann Ihr verschmitztes Lächeln sehen, von uns gelesen zu werden.

Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien „Jenseits der Literatur – Oxford Lectures“ (Suhrkamp). Er schrieb diesen Brief, den wir gekürzt wiedergeben, als Dank für die Verleihung des Internationalen Literaturpreises der polnischen Zbigniew-Herbert-Stiftung.

Quelle: F.A.Z.
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