Briefwechsel Novalis-Schlegel

Winter, Winter, lehr mich sterben

Von Thomas Thiel
15.08.2022
, 19:58
Geistesverwandte Herzensfreunde: Die Beziehung zwischen den Dichtern Novalis und Friedrich Schlegel war eine besondere.
Der Briefwechsel zwischen Friedrich Schlegel und Novalis gehört zu den schönsten Blüten der romantischen Schule. Das Deutsche Romantikmuseum präsentiert ihn in einer exzellenten Ausstellung.
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Im Sommer 1798 lernt der Dichter Novalis die Berghauptmannstochter Julie Charpentier kennen, sie wird nach der früh verstorbenen Sophie Kühn seine zweite große Liebe. An seinen Herzensfreund Friedrich Schlegel schreibt er: „Ein sehr interessantes Leben scheint auf mich zu warten – indeß aufrichtig wär ich doch lieber todt.“ Immer wieder finden sich in dem Briefwechsel zwischen den beiden Romantikern Stellen, an denen Novalis scheinbar anlasslos vom Sterben spricht. Und immer erscheint der Tod nicht als Zäsur, sondern als gleitender Übergang in ein schöneres Leben. Novalis ist mit seiner irdischen Existenz zu dieser Zeit recht zufrieden. Er will heiraten und braucht ein solides Einkommen, hat aber noch Zeit für seine schriftstellerischen Pläne: die „Hymnen an die Nacht“, die geistlichen Lieder entstehen und das Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“, die romantische Antithese zu Goethes verbürgerlichtem Wilhelm Meister.

Aus seinen Briefen spricht eine alles durchströmende Heiterkeit, eine Zartheit im Umgang mit Menschen, denen er sich verpflichtet fühlt, obwohl er eigentlich die Abgeschiedenheit sucht. Von Friedrich Schlegel, dem genialischen Chef-Romantiker, den Goethe eine „rechte Brennnessel“ und den Novalis einen „hypermystischen, hypermodernen Hyperlyriker“ nennt, unterscheidet ihn das Naturell, doch beide verbindet eine tiefe Geistesverwandtschaft: der Drang zum Universalen und der Glaube an die Macht der Poesie. Im unendlichen Universum soll sich das unendliche Innenleben spiegeln. Weil die äußere Welt ständig weiter über das Ich hinauswächst, wächst daraus eine kaum erträgliche Spannung.

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Es geht um Religion, Krankheit und Sterben

Zum Tod hin? In einem Brief aus dem April 1800 schreibt Novalis die rätselhaften Sätze „Mit mir nimmt’s hoffentlich bald ein fröhliches Ende. Zu Johannis denk ich im Paradiese zu sein.“ Ahnte der schwer kranke Dichter seinen baldigen Tod voraus? Oder meinte er mit dem Paradies die geplante Hochzeit mit Julie Charpentier? „Es ist gewiss, dass er keine Ahndung von seinem Tode hatte, und überhaupt sollte man es kaum glauben, so sanft und schön zu sterben“, schrieb Schlegel, der seinen Freund im März des Jahres 1801 in den Tod begleitete und der ihn in einer Schönheit und Heiterkeit sterben sah wie niemanden vorher und nachher. Zuvor hatte er ihm als dem ersten Menschen seiner Zeit einen Kunstsinn für den Tod attestiert. War es Manier? Koketterie mit einer Transzendenz, die schon am Verblühen war?

Es ist kein Zufall, dass zwischen Novalis und Schlegel die Religion eine so große Rolle spielt. Das Frankfurter Romantik-Museum hat diesem Briefwechsel eine kleine, aber sehenswerte und von Nicholas Saul und Johannes Endres klug kuratierte Ausstellung gewidmet, die jetzt in die sechste und letzte Etappe geht. Es geht um Religion, Krankheit und Sterben. Man hat das Faible für den Katholizismus oft als spätromantische Schrulle verspottet. Einer Weltanschauung mit universaler Tendenz, die von der Wissenschaft bis zur Philosophie alles unter dem Dach der Poesie versammeln und dabei noch die Eigenheiten von Stil und Charakter bedenken wollte, musste die Religion aber bedeutsam werden. Schlegel war sogar bereit, ihr den Vorrang vor der Poesie zu geben, um das „ewig in sich selbst kreisende und schwindelnde Ich“ aus sich selbst herauszureißen.

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Ein fließender Übergang zwischen Theoretischem und Persönlichem

Er sah sich als Stifter einer neuen Religion, durchaus auf Augenhöhe mit Luther, Mohammed, Christus. Seine Idee, auf einem ins Negative gesetzten Christentum ein neues „Weltgebäude und Menschthum“ zu errichten, fand die Sympathie von Novalis: „Absolute Abstraktion, Annihilation des Jetzigen, Apotheose der Zukunft – dieser eigentlich bessern Welt: dies ist der Kern der Geheiße des Christentums.“ Man merkte aber schon bald, dass es mit der gemeinsamen Religion nichts werden würde. Novalis blieb dunkel, worauf Schlegel hinauswollte, und diesem ging es umgekehrt ähnlich.

Zweimal hat sich die Romantische Schule in voller Klassenstärke getroffen, das letzte Mal im November 1799 in Jena. Dort trug Novalis, der zwei Jahre später mit nur 28 Jahren starb, den wunderlichen Essay „Die Christenheit oder Europa“ vor. Es ist die Vision eines neuen Christentums, das sich auf den Ruinen von Protestantismus und Aufklärung erhebt. Novalis sieht überall, in Kunst, Wissenschaft und Religion, eine Zeit von Gärung und Aufbruch. „Sie wird, sie muss kommen“, schreibt er, jene „neue goldne Zeit mit dunklen unendlichen Augen.“

War das schon die Programmschrift des spätromantischen Katholizismus oder nur eine dichterische Vision ohne Dogma, die nie wahr werden sollte? Im Kreis der Romantiker löste der Essay große Verlegenheit aus. Schlegel lobte ihn zwar, fürchtete aber, er komme vor seiner Zeit und würde die Anhänger der romantischen Schule als Frömmler erscheinen lassen. Erst ein Machtwort des hinzugerufenen Goethe brachte die Entscheidung. Der Text erschien nicht in der romantischen Hauszeitschrift „Europa“, sondern erst Jahre später an anderer Stelle. Es dauerte noch sieben Jahre, bis der aus einer traditionsreichen protestantischen Familie stammende Friedrich Schlegel zum Katholizismus konvertierte, und der große Skandal, den das damals verursachte, lässt erahnen, dass er die Wende geistig schon früher vollzogen hatte.

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„Ich liebe Deine Liebe“ ist die Frankfurter Ausstellung überschrieben, ein ebenso schöner wie treffender Titel. Die Liebe ist bei beiden Teil einer Weltanschauung, für die sie wie die Freundschaft ganz selbstverständlich zu Philosophie und Wissenschaft gehörte und in der die Freundschaft auf gleicher Stufe wie Ehe und Familie stehen konnte. Der fließende Übergang zwischen Theoretischem und Persönlichem macht den Reiz dieses Briefwechsels aus, der ja auch eine Familienangelegenheit fast der gesamten romantischen Schule war. In einem seiner Briefe hatte Novalis ihm schon lange vor seinem eigenen Tod geschrieben: „Ich bin Dir immer herzlich gut gewesen und wenn ich auch zuweilen mit Dir unzufrieden war, so habe ich doch nie von Dir lassen können und sicher nehme ich Dein Andenken mit Innigkeit hinüber in jene Welt mit.“

„Ich liebe Deine Liebe.“ Der Briefwechsel zwischen Friedrich Schlegel und Friedrich von Hardenberg (Novalis). Bis 28. August im Deutschen Romantik­­- Museum Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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