Dichter Ludwig Fels gestorben

Es ging ums Leben

Von Jan Wiele
11.01.2021
, 17:53
Alles, was er schrieb, war lyrisch, wenn auch drastisch. Ludwig Fels empfand sein Werk „wie aus der tiefsten Schicht Fleisch geschnitten“. Nun ist er im Alter von 74 Jahren in Wien gestorben.

Seinen Nachruf hatte Ludwig Fels schon vor einigen Jahren sicherheitshalber selbst geschrieben – in Gedichtform: „Er war Künstler und Mensch / sogar Dichter / als Mensch nicht so gut / zu menschlich und auf unfeine Art / aber ein fabelhafter Verlierer“. Wer genauere Selbstauskunft von ihm wollte, konnte sie im 1982 erschienenen Band „Kanakenfauna“ erhalten, dessen „fünfzehn Berichte“ der Verlag damals als „Teile einer Autobiographie“ auswies.

Das klingt steil angesichts der mitunter grotesken Züge dieser Texte, aber dennoch konnte man tatsȁchlich viel vom Leben des 1946 in Treuchtlingen Geborenen herauslesen, vor allem vom „Landleben“: Zwischen den klingenden Orten „Bubenorbis – Ziegelbronn – Lachweiler – Geißelhardt“, zwischen Wald und Sȁgewerken entwickelt sich ein romantisch inspiriertes Dichter-Ich, das mit aggressivem Humor die Bewohner und etwa deren Verstrickung in den Nationalsozialismus beschreibt, gleichzeitig ein Bewusstsein für die Nöte der Arbeitenden zeigt. Es gelingen ihm großartige Vignetten wie die „Studie eines Mopedfahrers“.

Die Sünden der Armut

Spȁter in der Stadt, in Nürnberg, fühlte Fels sich „verkehrtherum eingepflanzt“ mit Presslufthȁmmern am Kopf. Nach Erfahrungen als Maschinist und Stanzer war ihm Anfang der siebziger Jahre der Sprung zur Existenz als freier Schriftsteller gelungen. Als Sujet ist sind ihm Arbeitswelt und Prekariat immer geblieben, auch im Roman, von „Die Sünden der Armut“ (1975) bis „Mondbeben“ (2020), sowie in Hörspielen und Theaterstücken. Fels sah sich selbst aber nicht als „Arbeiterschriftsteller“. Seine frühe Orientierung an der amerikanischen Beatlyrik blieb immer spürbar. Auch seine Prosa war im Grunde lyrisch – wenn auch ȁußerst drastisch. In dieser Zeitung wurde er etwa als „Emotionsberserker“ beschrieben oder hieß es in einer Kritik: „ein widerwärtiges Buch, voller peinlicher Ekelhaftigkeiten - und doch ein guter Roman“.

„Jeder germanistische Firlefanz geht mir sonst wo vorbei“, versicherte Fels einmal und verstȁrkte damit den Eindruck, dass er ein Naturtalent war. Dabei hatten auch seine Texte durchaus sprachkritische Züge; er mochte nur das Theoretisieren über die Literatur nicht. Seine eigene empfand er „wie aus der tiefsten Schicht Fleisch geschnitten“, daher kritisierte er „schöne Filme, mit denen uns die Augen verbunden“ werden und „sanfte Musik“, die die Ohren verstopft. Gegen die „Verhȁngung der Zufriedenheit“ wehrte er sich, wie er nur konnte - und mit einem Appell: „Es ist Zeit, es geht ums Leben.“

Nun ist Ludwig Fels in Wien, wo er seit langem lebte, gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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