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Tomas Venclova in München

Für tote Freunde

Von Paul Ingendaay
28.05.2022
, 14:42
Tomas Venclova gilt als der bedeutendste Dichter Litauens. (Archivbild) Bild: Henning Bode
Der litauische Dichter Tomas Venclova zu Gast im Münchner Lyrik-Kabinett: Putin sei auf dem Weg zum Totalitarismus, sagt er, bekennt sich selbst aber zum „historischen Optimismus“.
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Der alte Dichter, der in München die Bühne betritt, ist eine Institution in seiner Welt, einer der letzten – ja, was denn genau? Er ist so vieles auf einmal. Tomas Venclova, geboren 1937, ist also Litauer, Zeitzeuge, Dissident, Exilant, poetischer Statthalter einer großen Tradition, ehemaliger Yale-Professor für slawische Sprachen, vor allem aber: ein Poet, der wie seine längst verstorbenen Freunde und Literaturnobelpreisträger Czesław Miłosz und Joseph Brodsky den historisch-kulturellen Zusammenhang zwischen Polen, Russland und Litauen lebendig hält. Man merkt es ihm aber nicht an. Er sitzt da ohne Pose, wenn er liest, etwa über seine Mutter, mit deren Geist er letzte Telefonate beschwört, über Odysseus am Schiffsmast oder die Gedanken eines alternden Paares: „Was jetzt verschmolzen ist, wird nicht mehr schmelzen. / Die Kinder sind schon groß und wir allein. / So viele tote Freunde. Jeden Tag / schon schwimmen aus bereits vergilbten Fotos / Gesichter, die du anderswo nicht sehn wirst.“

Venclovas Gedichte sind gefasste Beschwörungen von Orten, Landschaften und Menschen, treten ins ruhige Zwiegespräch mit mythologischen Figuren, aber auch Künstlern der Vergangenheit. Eingeladen hat ihn und seinen bewundernswerten Übersetzer Cornelius Hell das Münchner Lyrik-Kabinett in der Amalienstraße. Venclovas Buch „Variation über das Thema Erwachen“, mit einem Nachwort von Michael Krüger, ist soeben als fünfzigster Band der Edition Lyrik-Kabinett im Hanser Verlag erschienen. Zum kleinen Jubiläum ist die Bude wieder voll. Man bewegt sich unter Tausenden Gedichtbänden und einer der größten Spezialbibliotheken weit und breit. Auf dem Podium erwähnt Venclova, das Litauische sei eine der sechs klassischen indoeuropäischen Sprachen und eigentlich die einzige von ihnen, die noch lebe. Seine Lyrik kennt daher Metrum und Reim, arbeitet an einem Klassizismus ohne Verzopftheit – eine Hölle für den Übersetzer, wie Cornelius Hell erläutert, denn es gibt im Litauischen keine Artikel, sodass jede deutsche Zeile länger wird als das Original. Und doch ist Venclovas „Kunst des Unaufdringlichen“, wie sie Durs Grünbein einmal genannt hat, auch im Deutschen hörbar.

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„Ein historischer Optimist“

Zu Russlands Krieg gegen die Ukraine sagt der Dichter auf der Bühne kein Wort, doch auf die Rolle des Einzelnen vor den Mächten der Geschichte spielt er immer wieder an. Er selbst war sehr mutig, als er Mitte der Siebzigerjahre an die KP Litauens schrieb, die kommunistische Ideologie sei ihm fremd und außerdem – „meiner Meinung nach – zu großen Teilen falsch. Ihre absolute Herrschaft hat manches Unglück über unser Land gebracht.“ Das saß. Es war der Schritt hinaus, der mit dem Exil und dem Entzug der Staatsbürgerschaft endete.

Er sei in seiner Lyrik eher ein Pessimist, sagt er, in Essays jedoch ein Optimist, genauer: „ein historischer Optimist“. Der Unterschied ist für Venclova wichtig. Der Optimist glaube nämlich, alles werde gut. Der historische Optimist dagegen glaube, alles werde gut, aber er selbst werde es gewiss nicht mehr erleben. Da lachen sie im Publikum, denn immerhin das hat Tomas Venclova geschafft: Er hat den Untergang des kommunistischen Imperiums erlebt, mit dem niemand rechnen konnte, und er durfte sein Heimatland Litauen kurz darauf unabhängig sehen.

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Er beendet die Lesung, dem historischen Augenblick angemessen, mit einem kurzen Gedicht über Tibet, das er in der Umklammerung durch einen übermächtigen Nachbarn sieht: „Voller Scharten die Fresken, wie Wolken, / selbst die Felsen sind nicht von Dauer, / und man könnte beginnen zu hoffen, / dass der Krieg endlich aus sei.“

Langer Beifall. Fragen aus dem Publikum sind nicht vorgesehen, man geht gleich zum Wein über. Erst viel später, abseits des Podiums, sagt Tomas Venclova, während seine russische Frau Tatjana neben ihm steht, was er über den Krieg denkt: Putin sei auf dem Weg, „in Russland einen vollständig totalitären Staat zu errichten. Er ist noch nicht da. Unglücklicherweise ist er dem Ziel schon recht nahe gekommen.“ Wegen dieser feinen Unterscheidung, so Venclova, wäre es gegenwärtig auch übertrieben, Putin mit Hitler gleichzusetzen. Dann abermals die Präzisierung, der vergleichende und abwägende Blick des historischen Optimisten: „Hitler hat mehr als zwölf Millionen Menschen umgebracht. Das hat Putin bisher nicht getan. Aber Putins heutiges Vorgehen ähnelt stark Hitlers Vorgehen im Jahr 1939.“ Den Rest, sagt sein Blick, möge sich jeder selbst denken.

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Quelle: F.A.Z.
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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