Reckwitz’ Gesellschaftstheorie

Soll man beim Nennwert nehmen, was die Leute über sich sagen?

Von Mark Siemons
13.10.2021
, 11:29
Andreas Reckwitz bei einer Podiumsdiskussion der Phil.COLOGNE
In seinem neuen Buch erörtert Andreas Reckwitz zusammen mit Hartmut Rosa, was Soziologie heute ausmacht. Dahinter stellt sich die Frage, was der Erfolg seiner Theorien über unsere Gesellschaft verrät.

Für die Beliebtheit des Soziologen Andreas Reckwitz in der Kulturwelt gibt es eine naheliegende Begründung: Immerhin erklärt er ja den Bedeutungszuwachs ebendieser Welt zu einem Kennzeichen des ganzen Zeitalters. Im Unterschied zur bisherigen Moderne, schrieb Reckwitz 2017 in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“, zeichne die jetzige „Spätmoderne“ eine umfassende „Kulturalisierung“ aus, worunter er eine massenhaft gewordene Orientierung an möglichst besonderen Werten, Waren, Orten und Erlebnissen (etwas sperrig „Singularitäten“ genannt) verstand. Da er diesen Trend zudem an einer speziellen Schicht festmachte, den Selbstverwirklichungsmilieus einer „Neuen Mittelklasse“, und diese der ins Hintertreffen geratenden, sich an herkömmlichen Gemeinschaftskulturen ausrichtenden „Alten Mittelklasse“ gegenüberstellte, wurde seine Diagnose oft auch als Erklärungsmuster für den Rechtspopulismus bemüht. Weniger gut funktionierte das Unterscheidungskriterium dann im Fall der querdenkenden Verschwörungstheoretiker, an denen die neue Mittelklasse mindestens so viel Anteil hat wie die alte.

Aber vielleicht müssen die Gründe für den Erfolg einer Theorie noch auf einer ganz anderen Ebene gesucht werden – auf einer Ebene geteilter Vorannahmen, die das in der Zeitdiagnose selbst nicht Ausgesprochene mit den rätselhaft gebliebenen Erscheinungen der Gesellschaft verbindet, aktuell zum Beispiel dem Wahltriumph der FDP bei Erstwählern. Reckwitz bringt jetzt zusammen mit seinem gleichfalls einflussreiche Stichworte liefernden Kollegen Hartmut Rosa („Beschleunigung“, „Resonanz“) ein Buch heraus, mit dem die beiden sich selber einer solchen Metadiskussion stellen: „Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie?“

Die Gesellschaft verschmilzt mit ihren Selbstbildern. FDP-Kundgebung in Frankfurt am Main.
Die Gesellschaft verschmilzt mit ihren Selbstbildern. FDP-Kundgebung in Frankfurt am Main. Bild: Frank Rumpenhorst

Es geht da weniger um einzelne Zeitdiagnosen als um die Fähigkeit der Soziologie zum „big picture“, zur Großtheorie als „Kulturtechnik des generalisierenden Weltverstehens“. Reckwitz ebenso wie Rosa vermissen bei den heutigen Sozialwissenschaften den Willen zu diesem großen Ganzen, und beide legen in getrennten Kapiteln dar, worin ihr je eigener konzeptueller Versuch besteht, zu diesem Ganzen Zugang zu erhalten; in einem Schlusskapitel konfrontieren sie ihre unterschiedlichen Ansätze dann gegenseitig im Gespräch, moderiert von dem Soziopolis-Redakteur Martin Bauer.

So eröffnet sich auch Lesern aus der „nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit“ die Möglichkeit eines soziologischen Blicks auf die Soziologie selbst: Was enthüllen die Methoden, die Begriffe, die Vorannahmen, die Sprache, die sie wählt, über die Zeit, der sie entspringt – und in der wir alle leben?

Die Spätmoderne braucht keine Ironie

Als Erstes fällt auf, wie ernst Reckwitz die von ihm verwendeten Begriffe nimmt. Der Reiz soziologischen Sprechens beruht nicht zuletzt darauf, dass es noch zu den alltäglichsten Vorgängen eine so große Distanz herstellt, als handele es sich um das Verhalten von Marsmenschen, zu dem es keinen anderen Zugang gibt als die größtmögliche Abstraktion. Dieser Verfremdungseffekt kann erhellend sein, wenn er sich seine Komik eingesteht. Reckwitz aber schreibt Sätze wie „Den primären motivationalen Antrieb erhalten Gesellschaften nicht durch die formalisierte Rationalität, sondern durch die eigene Logik der Werte und des Wertvollen“ ohne jedes Augenzwinkern, ja er fügt ihnen noch die Fußnote hinzu: „Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, in: Max Weber Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 23, Tübingen 2014, S. 174f.“

Niklas Luhmann dagegen konnte sich eine Soziologie jenseits des bloßen Positivismus bloß als offene Parteinahme oder aber in der „Reflexionsform der (romantischen) Ironie“ vorstellen, „die das Verwickeltsein in die Angelegenheiten malgré tout als Distanz zum Ausdruck bringt“. Wie auch sollten großräumige Allgemeinbegriffe, mit denen ihre Urheber sich aus den Gegenständen ihrer Wissenschaft herauskatapultieren, ohne ironischen Vorbehalt zu rechtfertigen sein? Reckwitz aber nimmt Konzepte wie „Spätmoderne“ oder jetzt gar schon „Postspätmoderne“ beim Nennwert, so als spreche er über etwas, das es wirklich gibt.

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Naiv geht Reckwitz allerdings, wie er in dem neuen Buch überzeugend darlegt, überhaupt nicht vor. Den Verzicht auf Ironie (den er selber nicht zum Thema macht) versucht er dadurch wettzumachen, dass er seine Theoriebildung nicht als System, sondern bloß als Werkzeug, als nie abgeschlossenes Experiment versteht. Die Ausrichtung am Neuen, die auch er als ein Merkmal der Moderne festhält, will er künftig durch die Betrachtung ihres bislang nur wenig beachteten Gegenstücks ergänzen, der Verlusterfahrungen, die mit dem Fortschritt einhergehen.

Und vor allem erweist er seine Theorie-Bewusstheit dadurch, dass er als kleinste Einheit des Sozialen die „Praktiken“ nimmt, die in einer Gesellschaft vorzufinden sind. Dadurch ist er nicht darauf angewiesen, irgendwelche Wesenheiten vorauszusetzen oder in die Empirie hineinzudeuten, sondern kann sich ganz auf die von außen feststellbaren Handlungen verlassen. Nicht einmal das „spätmoderne Subjekt“, das Reckwitz’ Thema ist, braucht mit dieser Methode als gegeben hingenommen zu werden: „Subjekt ist man nicht, man wird es, indemman sich die Wissensordnungen und Kompetenzen der Praktiken aneignet.“ Reckwitz spricht von einem permanenten „doing subject“. Er übernimmt die „Praxis-Theorie“ von dem britischen Soziologen Anthony Giddens, der sich wiederum auf Heidegger und Wittgenstein als Ahnherren beruft.

Prekäre Nähe zur Marktforschung

Ihr Vorteil liegt auf der Hand: Die Welt lässt sich in empirisch nachweisbare Elemente einteilen, die sich miteinander vergleichen und in Beziehung setzen lassen. Das kann aber zugleich ihr Nachteil sein: Die endlose Kombinierbarkeit von Black Boxes, in die man nicht hineinschauen kann, verringert ihre Aussagekraft. Das hat direkte Folgen für die Singularitäts-Theorie. Reckwitz will damit ja nicht behaupten, dass die Gesellschaft tatsächlich individueller geworden ist. Was hinter den von den Einzelnen in Anspruch genommenen Einzigartigkeiten steckt und ob es sie überhaupt gibt, muss der praxeologische Ansatz offenlassen. Es kann ihm reichen, festzustellen, dass die Leute das von sich sagen und ihr Verhalten entsprechend einrichten.

Diese Enthaltung aber bringt die Theorie bei all ihrem komplex begründeten Instrumentarium in eine prekäre Nähe zum Marketing. In der „Gesellschaft der Singularitäten“ beruft sich Reckwitz selber mehrfach auf die „Sinus-Milieus“, die deren Urheber, das Sinus-Institut, als „Grundlage für eine zielgruppengerechte Ansprache, Kommunikation und Markenpositionierung“ bezeichnet. Sinus definiert ein postmaterialistisch-ökologisches, ein liberal-intellektuelles, ein kreatives und ein Performer-Milieu, die zusammen dreißig Prozent der Gesellschaft ausmachen sollen und die Reckwitz der von ihm konstatierten neuen Mittelklasse zurechnet. Auch die Marktforschung zeichnet aus, dass sie die Selbstbilder, die ihr die Untersuchten mitteilen, beim Nennwert nimmt – und dies ganz zu Recht, weil die Unternehmen, die sie bei ihrer Markenbildung berät, ja gleichfalls bloß Selbstbilder erzeugen und bedienen. Was aber bedeutet es, wenn die so zustande kommende Lebensstil-Landkarte ihre fast passgenaue Entsprechung in einer aufs Ganze zielenden Gesellschaftstheorie findet?

Der Horizont von Konsumenten und deren Entscheidungen wird dann mit dem der Gesellschaft als Ganzes gleichgesetzt. Es fehlt der übergeordnete Rahmen, innerhalb dessen die einzelnen Praktiken gewichtet werden können. So gibt Reckwitz der von ihm beobachteten Singularisierungs-Tendenz ein ähnlich epochales (Spätmoderne!) Gewicht wie der vorausgehenden und zugleich sich weiter vollziehenden Generalisierung (Moderne) – obwohl er doch selber darauf hinweist, dass es sich um fabrizierte Einzigartigkeiten handelt, die also bloß eine Unterfunktion der weiter tätigen Uniformierungstendenz sind. Dass Angestellte sich heute individuell, kulturell und selbstbestimmt fühlen müssen, um sich zu einer Marke machen zu können, belegt ja nicht eine Gegenbewegung zur Konformität, sondern eher deren Überbietung.

Abschied von der Entlarvung

Hartmut Rosa trifft daher einen Punkt, wenn er bei dieser Theorie die Auswahlkriterien dafür vermisst, welche Praktiken man bei der Beschreibung der Gesellschaft für wichtig hält und welche nicht. Die Art und Weise, wie die beiden Soziologen ihre Ansätze im Gespräch einander gegenüberstellen, ist erhellend: Es wird da deutlich, dass Rosa, der sich auf die Frankfurter Schule beruft, seine Resonanz- und Unverfügbarkeitstheorie auf etwas gründet, das außerhalb der rein soziologischen Begriffe liegt, von diesen daher auch nicht ganz eingeholt werden kann; an einer Stelle spricht er von der „Erfahrung guten Lebens“. Reckwitz dagegen wendet sich ausdrücklich gegen den Verdachts- und Entlarvungsmodus etwa der Kritischen Theorie, der er vorwirft, die Analyse „von vornherein in ein normatives Korsett“ zu stecken: „Man weiß immer schon, wonach zu suchen ist.“ Er will sich von einem solchen Raster die Neugier auf das Besondere des gegenwärtigen Moments nicht nehmen lassen. Doch der Preis dafür ist, dass er so die Eigendynamiken und Grenzen dessen, was man früher Kulturindustrie genannt hat, nicht in den Blick bekommt.

Ebendies aber könnte der tiefer liegende Grund seines Erfolges sein. Seine Theorie liefert mit ihrer hochdifferenzierten Methodik eine quasi wissenschaftliche Beglaubigung der sich selbst kuratierenden urban-kosmopolitischen Kultur-Lebensstilwelt, die bisher immer noch den Beigeschmack einer Werbe-Erfindung hatte. Jetzt ist ihre offensichtliche Gemachtheit kein Grund mehr, an ihrer Wirklichkeit zu zweifeln, denn das Theorie-Design bestätigt: Die Welt kann nicht mehr als das sein, als was sie zu sein vorgibt; Ironie und andere Überschreitungsversuche sind unnötig geworden. Es gibt keinen doppelten Boden.

Eine solche Zeitstimmung kann auch politische Folgen haben. Etwa wenn übergeordnete Ideen – die hergebrachten Links-, Konservativ-, Liberal-Unterscheidungen – gegenüber den technologischen und finanziellen Mitteln, die das eigene Leben und dessen Stilentscheidungen fundieren, an Gewicht verlieren. Und wenn sich dann auch junge Leute für eine Partei begeistern, die den professionellen Umgang mit diesen Mitteln in den Vordergrund stellt. Das ist eine paradoxe Folge, denn das typische von Reckwitz beschriebene Kreativmilieu ist natürlich eher grün orientiert. Der springende Punkt ist nicht, dass ein Entrinnen aus der Herrschaft der Mittel nicht möglich ist, das hat die Kritische Theorie ja schon immer behauptet. Der springende Punkt ist, dass auch das Verlangen nach einem Entrinnen kleiner geworden zu sein scheint.

Andreas Reckwitz, Hartmut Rosa: „Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie?“ Suhrkamp, 302 Seiten, 28 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Siemons, Mark
Mark Siemons
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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