W. Daniel Wilson wird 70

Goethes Aufklärer

Von Christoph Schmälzle
03.12.2020
, 14:18
Er stellt sich mit seinen Schriften respektvoll gegen eine Verklärung der Weimarer Klassik und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Forschung. W. Daniel Wilson zum Siebzigsten.

Die Orientierungsfunktion der Weimarer Klassik gründete viel zu lange in der Annahme ihrer weltenthobenen Gutheit. Auf diese Weise konnte die Kulturnation ersetzen, was politisch nicht einlösbar war. Doch rief diese „Klassik-Legende“ vor einem halben Jahrhundert eine Generation ideologiekritischer Germanisten auf den Plan, die – ausgehend von einem Workshop in Madison-Wisconsin – nach den gesellschaftlichen Wurzeln des Kanons fragten.

Um 1980 betrat ein junger Amerikaner die akademische Bühne, den seine Laufbahn von Montreal über Berkeley nach London führen sollte: W. Daniel Wilson. Schon sein zweites Buch galt einem politisch brisanten Thema: „Humanität und Kreuzzugsideologie um 1780“. Erste Aufmerksamkeit im Fach erregten seine folgenden Arbeiten über Goethe, die Illuminaten, die Freimaurer und die Politik im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Sie haben, wie fast alle von Wilsons Büchern, zwei Gemeinsamkeiten: Wilson schrieb und veröffentlichte sie auf Deutsch – und verfolgte eine heuristisch fruchtbare Methode, indem er die Weimarer Klassik im Licht bisher vernachlässigter (gedruckter wie ungedruckter) Quellen problematisierte.

Ein Legendentöter?

Zum Eklat führte die Monographie „Das Goethe-Tabu“, mit der Wilson zu Goethes zweihundertfünfzigstem Geburtstag 1999 nach dem Stand der „Menschenrechte im klassischen Weimar“ fragte. Wilson war nicht der Einzige, dem Zweifel an der „Musenhof-Legende“ kamen, jenem rezeptionsprägenden Fehlschluss vom Mäzenatentum des Hofs auf ein liberales Gemeinwesen. Nicht ohne Polemik konfrontierte Wilson Goethes poetisches Werk mit dessen amtlichen Schriften und zeigte die Verstrickung des Geheimrats in die Realpolitik, wo niemandes Hände sauber bleiben.

Unter den Verehrern alter Schule kam damals große Entrüstung auf: Ein „Unkundiger“ habe Goethe „mit Dreck beworfen“. Man nannte Wilson „Denkmalsbepinkler“, „Legendentöter“, ja sogar „westlichen Taliban“. Während Bundespräsident Roman Herzog im Frankfurter Römer vor einer „unkritischen Idealisierung des Menschen Goethe“ warnte, der sich zum Beispiel 1783 für die Todesstrafe im Fall einer Weimarer Kindsmörderin ausgesprochen hatte, erklärte die Stanford-Professorin Katharina Mommsen gegenüber der Goethe-Gesellschaft: „Ein Volk, das seine wahrhaft großen Geister nicht ehrt, hat keine Zukunft.“ Wilson beschritt weiter den Weg einer Aufklärung, für die Kritik auch eine Form des Respekts und der Wertschätzung ist – und die gerade deshalb hier und da über ihr Ziel hinausschießt.

Überblendung von Argument und Person

Auf zwei Monographien über Goethes „Ansichten zur Homosexualität“ und zur Überlieferung seiner Erotica folgte 2018 ein erneuter Paukenschlag: „Der Faustische Pakt“ – eine Studie über die Goethe-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Das Buch fiel in eine Zeit, in der in Weimar auch Straßen umbenannt wurden. Die Illusion der unbefleckten Kleinstadtidylle, die das ganz Andere zu Buchenwald verkörpern sollte, ist seitdem Geschichte, ebenso wie das Erzählmuster einer rein werkbezogenen und von daher unpolitischen Philologie.

Noch 1999 hatte sich ein Vertreter der von Wilson intensiv genutzten Weimarer Archive in der Lokalpresse mit Worten zitieren lassen, die aus heutiger Sicht irritieren: „Was würden wohl die Amis sagen, wenn wir Weimarer eine die Wahrheit erheischende Untersuchung zur Ausrottung der Indianer vorlegen würden?“ Die Überblendung von Argument und Person widerspricht aller diskursiven Rationalität – und bleibt doch unter den Bedingungen aktueller Identitätspolitik ein heißes Eisen.

Wilson selbst ist längst dauerhafter Bewohner der deutschen Gelehrtenrepublik. Die Wikipedia informiert über ihn nur in ihrer deutschsprachigen Version. Das nächste Buch des Emeritus des Londoner Royal Holloway College trägt den Arbeitstitel: „Goethe zum Judentum und zur Nation“. Heute wird W. Daniel Wilson siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
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