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250. Geburtstag von Wordsworth

Der Hoffnung spendende Regenbogen

EIN KOMMENTAR Von Gina Thomas
Aktualisiert am 07.04.2020
 - 17:55
Würde Wordsworths Herz hier Sprünge machen? In England ist die Stimmung düster, obgleich in vielen Fenstern Kinderzeichnungen von Regenbogen hängen.
Vom Glück der Einsamkeit: England feiert den 250. Geburtstag von William Wordsworth. Für seinen Biographen Jonathan Bate war er nicht nur ein Dichter, sondern jemand, der die Welt verändert hat.

Der Anblick der verrotteten Schlittschuhe William Wordsworths in dessen Gedenkstätte hat Seamus Heaney zu einer wunderbar lakonischen Reflexion über die Nachwirkung des Romantikers bewogen. „Wordsworth’s Skates“ führt nicht nur das ramponierte Exponat vor Augen. Es beschwört auch eine Passage aus dem „Präludium“ herauf, dem autobiographischen Epos Wordsworths, über das rauschhafte Dahingleiten auf der zugefrorenen Seenlandschaft seiner Kindheit. Heaney stellt sich vor, wie die Schuhe den Dichter aus den Fängen der Erde davontragen, auf der er seine Kratzspuren hinterließ.

Mit dem Vermächtnis von Wordsworth beschäftigt sich auch der Anglist Jonathan Bate in einer ungewöhnlichen Biographie, die der Verquickung von Leben und Werk nachgeht. Bate ist nicht der Einzige, der den heutigen 250. Geburtstag Wordsworths zum Anlass nimmt, über das Vermächtnis nachzudenken, das Heaney mit der Metapher der Kratzer im Eis formulierte. Die Post würdigt Wordsworth mit einer Briefmarke mit einem düsteren schwarzweißen Regenbogen, der im Widerspruch steht zu der darunter stehenden Zeile aus dem Gedicht „The Rainbow“ über die Sprünge des Herzens beim Anblick der Naturerscheinung. Die Grabesfarben treffen die gegenwärtige Stimmung, obgleich in vielen Fenstern bunte, hoffnungsspendende Kinderzeichnungen von Regenbogen prangen.

Auch die Biographie, die Bate zum Jubiläum vorgelegt hat, wirkt aktuell. „Radical Wordsworth: The Poet Who Changed the World“ ist absichtlich fragmentarisch und selektiv. Der Verfasser begründet dies mit dem steilen Wechsel vom radikalen Erneuerer und revolutionären Idealisten der frühen Jahre zum verknöcherten Konservativen, der bekannte, dass die Muse ihn verlassen habe. Dabei ist Bate nicht der Erste, der in Wordsworth einen Vorläufer von Sigmund Freud erblickt. Mit dem Empfinden, dass das Kind der Vater des Mannes sei, war der Dichter seiner Zeit weit voraus. Andere haben, wie jetzt auch Bate, darauf hingewiesen, dass die Lyrik des Romantikers über Harmonie und Disharmonie von Mensch und Natur das heutige Umweltbewusstsein vorwegnahm.

Bate hat sich zum Ziel gesetzt, Wordsworth auch für jene Leser spannend darzustellen, die bei seinem Namen bloß an das fast klischeehafte Meer von goldenen Osterglocken denken. Denn es gibt kaum ein Gedicht, das so schlicht und eindringlich beschreibt, wie die Erinnerung den Menschen nähren kann – wenn nämlich alte Bilder vor dem inneren Auge aufblitzen, was Wordsworth als das Glück der Einsamkeit bezeichnet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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