FAZ plus ArtikelMord an Ceauşescu-Kritiker

Die Securitate-Offiziere wurden nie belangt

Von Markus Bauer
Aktualisiert am 13.01.2021
 - 19:08
Der rumänische Präsident Nicolae Ceausescu (rechts, mit ausgestrecktem arm) inspiziert die Schäden des Erdbebens in Bukarest am 4. März 1977
Gheorghe Ursu war Statiker und Schriftsteller: 1979 entlarvte er den Zynismus der Ceauşescu-Diktatur und bezahlte dafür mit seinem Leben. Sein Sohn kämpft bis heute um die Aufklärung des Mordes.

Am 4.März 1977 klingelte in Bukarest der Schriftsteller Iordan Chimet abends an der Tür seiner Kollegin und Freundin Veronica Porumbacu. Die wohnte mit ihrem Mann nahe dem zentralen Universitätsplatz in einem modernen Wohnblock und hatte an diesem Abend zwei befreundete Paare aus der Bukarester Verlags- und Literaturszene zu Gast. Chimet verließ das Apartment bereits nach kurzer Zeit; wenig später, um 21.22 Uhr, stürzte der Wohnblock infolge eines verheerenden Erdbebens ein, und kaum jemand verließ lebend das Gebäude. In der rumänischen Bevölkerung bleibt das Erdbeben auch wegen der vielen prominenten Opfer aus dem Kulturleben unter den 1578 Toten – das berühmteste war der hochgeschätzte Schauspieler Toma Caragiu – bis heute intensiv in Erinnerung.

Für Chimets Freund Gheorghe Ursu, einen schreibenden Ingenieur und Architekten, sollte die Katstrophe eine Lebenswende bedeuten. Ursu und Chimet kannten sich seit ihren Jugendjahren im Zweiten Weltkrieg, als Ersterer sein literarisches Debüt in der Zeitung „Ecoul“ gegeben hatte. Im bessarabischen Soroca 1926 in eine Familie von Ärzten geboren, kam Ursu 1941 nach Galați, wo er sich im Krieg mit Chimet und einem weiteren Freund im Untergrund gegen die Diktatur des Generals Ion Antonescu und die rumänische Teilnahme am Holocaust engagierte. Während Chimet dabei parteifern blieb, trat der impulsive, lebenslustige Ursu der illegalen Jugendorganisation der Kommunistischen Partei bei – bereits 1950 wurde er wieder ausgeschlossen. Seine Mutter Margareta stammte aus dem nordsiebenbürgischen Bistritz. Deutsche Soldaten und ungarische Pfeilkreuzler deportierten ihre Familie 1944 von dort nach Auschwitz, wo alle ermordet wurden.

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Der Verfasser ist Publizist und lebt in Berlin. Er lehrte mehrere Jahre Literaturwissenschaft in Iaşi. Zuletzt erschien von ihm „Iaşi und Moldova“ in der Reihe „Europa erlesen“ des Wieser Verlags.

Quelle: F.A.Z.
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