Dichterbriefe

Die Frau, bei der Kafka ein anderer war

Von Hubert Spiegel
24.01.2011
, 14:39
Kafka auf Reisen: Ein Gruß aus Versailles vom 13. November 1911
Von dieser Sensation wussten nur Eingeweihte: Franz Kafkas Briefe an seine jüngste Schwester Ottilie sollen im April versteigert werden. Kommt ein privater Sammler zum Zug? Ein einzigartiges Konvolut könnte für die Allgemeinheit verloren sein.
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Sie war die Lieblingsschwester. In ihr mischten sich die elterlichen Temperamente: Trotz, Empfindlichkeit, Gerechtigkeitsgefühl, Unruhe und das „Bewußtsein Kafka'scher Kraft“, wie der Bruder nicht ohne Bewunderung festhielt. Sie war die jüngste von vier Geschwistern, und dem neun Jahre älteren Bruder erschien sie als „groß und stark“. Sie bot dem strengen Vater Paroli, war eigensinnig und, obwohl sie dem väterlichen Familienteil, wo die „Riesen zuhause sind“, nachschlug, blieb Ottilie Kafka, genannt Ottla, zeitlebens die enge Vertraute ihres Bruders. Unter seinen Schwestern sei ihm Ottla, „unbeschadet der Liebe zu den anderen, die bei weitem liebste“, bekannte er 1912.

Ihr Treffpunkt im Haushalt der Familie Kafka in Prag war das Badezimmer. Hier wurde geplaudert und herumgealbert, der Bruder erzählte von seinen Lektüren, seinen Theater- und Kinoabenden und spielte sogar nach, was er gesehen hatte, unbefangen und mit komödiantischem Talent. Er sei vor seinen Schwestern „oft ein ganz anderer Mensch gewesen, als vor anderen Leuten“, schrieb er später rückblickend im Tagebuch.

„Kalbbraten mit Kartoffeln und Preisselbeeren“

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Ottla teilte er auch Alltägliches mit, wie etwa im November 1911 aus Kratzau: „Es wird dich doch liebe Ottla interessieren, dass ich in dem Hotel zum Ross auf der andern Seite einen Kalbbraten mit Kartoffeln und Preisselbeeren, hierauf eine Omelette gegessen und dazu und hierauf eine kleine Flasche Apfelwein getrunken habe . . . Dann setzte sich die Kellnerin zu mir und wir sprachen von des ,Meeres und der Liebe Wellen‘ zu denen abends zu gehn wir unabhängig von einander uns entschlossen hatten. Es ist ein trauriges Stück.“

Weltkulturerbe: Der Schriftsteller Franz Kafka gehört keinem Land richtig, aber Deutschland besitzt bedeutende Bestände
Weltkulturerbe: Der Schriftsteller Franz Kafka gehört keinem Land richtig, aber Deutschland besitzt bedeutende Bestände Bild: dapd

Dieser andere, unbefangene, intime und unverstellte Franz Kafka zeigt sich wie nirgendwo sonst in den Briefen, die er Ottla schrieb. 45 von ihnen haben sich erhalten, hinzu kommen 32 Postkarten und 34 Bildpostkarten, Ansichtskarten von seinen Reisen nach Weimar oder an den Gardasee. Insgesamt 111 Autographen umfasst das Konvolut der „Briefe an Ottla“, etwa 170 Seiten verschiedener Formate sowie die Postkarten. Jetzt steht das gesamte Konvolut zum Verkauf, und es bietet sich die unerwartete, vermutlich auf Jahrzehnte einzigartige Gelegenheit, eines der umfangreichsten, wichtigsten und intimsten Handschriftenkonvolute Kafkas nach Deutschland zu holen.

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Als Schätzpreis sind 500 000 Euro genannt

Das deutsche Literaturarchiv in Marbach hat zusammen mit der Bodleian Library in Oxford die weltweit wichtigsten Kafka-Bestände. Nirgendwo sonst wären die Briefe an Ottla besser aufgehoben. Aber Marbach hat kein Geld für Kafka. Wenn am 19. April das Konvolut beim renommierten Berliner Auktionshaus Stargardt zur Versteigerung kommt, als Schätzpreis sind 500 000 Euro genannt, wird das Deutsche Literaturarchiv aller Voraussicht nach nicht zu den Bietern zählen. Das wäre ein Trauerspiel. Eines, dass nicht jeder verstehen und akzeptieren kann.

Er sei „sprachlos“, sagt der Kafka-Forscher Hartmut Binder, als er von der bevorstehenden Auktion erfährt. Zusammen mit Klaus Wagenbach hat er die Briefe an Ottla 1974 erstmals publiziert. Jahre zuvor war Binder zu Ottlas Töchtern ins böhmische Bergreichenstein gefahren: „Ich bin erschrocken, da lagen Briefe, Ansichtskarten, aber auch Schmierzettel, die Kafka rasch beschrieben und der Schwester auf den Tisch gelegt hatte. Alles völlig ungeordnet in einer Schatulle, zusammen mit dem Manuskript der ,Verwandlung'.“ Die Vorstellung, dass die Briefe schon bald in einer Privatsammlung verschwinden könnten, schmerzt: „Es wäre mehr als schade, wenn die Marbacher wieder einmal passen müssten.“

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Marbach hat auf den Ankauf verzichten müssen

Klaus Wagenbach fürchtet sogleich das Schlimmste: „Das ganze Konvolut wird jetzt natürlich zerrissen und jede Handschrift einzeln verkauft.“ Dazu wird es zum Glück nicht kommen, denn die Eigentümer, die aus Ottlas Enkeln bestehende Erbengemeinschaft, will das Konvolut nur geschlossen verkaufen. Eine andere Möglichkeit, sagt Wolfgang Mecklenburg vom Auktionshaus Stargardt, sei nie auch nur erwogen worden. Dass die Erben sich ihrer Verantwortung bewusst sind, zeigt auch die Vorgeschichte der bevorstehenden Auktion, von der bislang auch die innersten Zirkel der Kafka-Gemeinde nichts gewusst haben.

Die Erben haben sowohl mit Oxford, wo das Konvolut bislang als Depositum verwahrt wurde, wie auch mit Marbach über viele Monate hinweg verhandelt, bevor sie sich zur Versteigerung entschlossen, wie Ulrich Raulff, der Direktor des Literaturarchivs, bestätigt: „Die Briefe an Ottla sind uns vorab angeboten worden, und angesichts der Preise für Kafka-Autographen auf dem internationalen Markt muss ich sagen: zu durchaus vernünftigen Konditionen.“ Dennoch habe man schweren Herzens auf den Ankauf verzichten müssen. Vor einigen Jahren hat das Deutsche Literaturarchiv Kafkas Briefwechsel mit Hedwig Weiler angekauft, über den Briefwechsel mit Grete Bloch werde seit längerem intensiv verhandelt: „So gern wir das Ottla-Konvolut natürlich hätten - alles zusammen, das ist nicht möglich.“

Heribert Tenschert würde sofort kaufen

Aber wären die Briefe an Ottla nicht wichtiger als jene an die Prager Freundinnen Hedwig Weiler und Grete Bloch? Darf man auf Ottla verzichten, weil man ja schon die beiden anderen Briefwechsel hat oder bekommen wird? Nein, sagt Roland Reuß, Herausgeber der Heidelberger Kafka-Ausgabe, man müsse genau entgegengesetzt argumentieren: „Es geht doch darum, einen Marbacher Schwerpunkt auszubauen. Weil man die anderen Briefe und solche Kostbarkeiten wie das Manuskript des ,Process‘ bereits hat, darf man sich die Briefe an Ottla erst recht nicht entgehen lassen.“ Auch Klaus Wagenbach argumentiert wie Reuß: „Der Ankauf des ,Process-Manuskripts‘, das war natürlich ein Coup. Den müsste man jetzt wiederholen“.

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„Für 500 000 Euro würde ich die Briefe an Ottla sofort kaufen, morgen, ohne zu zögern“, sagt Heribert Tenschert. Er war es, der 1988 das Manuskript des „Process“ in London ersteigert hat. Ursprünglich wollte der Antiquar und Sammler, der als weltweit erste Adresse für den Handel mit mittelalterlichen Handschriften gilt, das Manuskript für sich selbst erwerben. „Dann hat Marbach mich in die Pflicht genommen, und ich habe schweren Herzens zugestimmt“. Bei einer Million Pfund erfolgte damals der Zuschlag, das waren umgerechnet 3,15 Millionen Mark.

Eine Frage der Prioritätenliste

Damals wurde der Ankauf der Handschrift geradezu zu einer Angelegenheit des nationalen Interesses erklärt. Deutsche Verleger stifteten hohe Beträge, das Land Baden-Württemberg, die Bundesregierung und die Kulturstiftung der Länder trugen die finanzielle Hauptlast. Warum passiert jetzt nichts Vergleichbares?

„Das hat natürlich mit dem Ankauf des Suhrkamp-Archivs zu tun“, sagt Klaus Wagenbach. „Das ist letztlich eine Frage der Prioritätenliste“, sagt Roland Reuß und wünscht sich, Marbach würde weniger defensiv vorgehen. „Marbach hat sich mit dem Suhrkamp-Ankauf offenbar verausgabt“, sagt Hans-Gerd Koch, Herausgeber der Kritischen Kafka-Ausgabe im S. Fischer Verlag, und betont noch einmal den Rang der „Briefe an Ottla“: „Für mich handelt es sich um eines der wichtigsten Konvolute. Wohl nicht ganz so bedeutend wie die Briefe an Felice, die auch irgendwann einmal versteigert wurden und von denen seitdem niemand weiß, wo sie geblieben sind, aber hier haben Sie Kafka als großen Bruder, der sich um die Schwester sorgt, Anteil nimmt, Ratschläge gibt und später, mit zunehmender Krankheit, selbst Rat und Hilfe sucht.“

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Weltkulturerbe Kafka

Auch für Ulrich Raulff gehören die Briefe an Ottla „zum schönsten und intensivsten in Kafkas Korrespondenz. Sie haben einen hohen symbolischen literarischen Wert, aber keinen Neuigkeitswert für die Forschung.“ Den Einwand, mit dem angeblich acht Millionen Euro teuren Suhrkamp-Ankauf habe man sich die Hände gebunden, weist er zurück. Ohne die Erwerbung des Suhrkamp-Archivs wäre es „natürlich leichter“ gewesen, aber Suhrkamp habe keineswegs die ausschlaggebende Rolle gespielt. „Es gibt zur Zeit ganz generell ein Kafka-Problem: Potentielle Geldgeber, vor allem die großen Stiftungen, sind stark verunsichert. Das ist verständlich: Das unerfreuliche Hickhack um den Nachlass Max Brods, die ungerechtfertigten Ansprüche auf Kafka, die von der israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem polemisch vorgetragen wurden, all das hat zur Folge, dass private Geldgeber für den Ankauf von Kafka-Handschriften kaum zu gewinnen sind.“

Ist es also die Angst vor Ansprüchen aus Israel, die den Ankauf der Briefe an Ottla unmöglich macht? Die Kafka-Experten zeigen sich eher skeptisch: Die Kommentare reichen von „eine interessante Ausrede“ bis zu „vorauseilende Tatenlosigkeit“. Roland Reuß und Hans-Gerd Koch erinnern daran, dass kein Land Kafka für sich in Anspruch nehmen könne. Sein Biograph Reiner Stach brachte dies auf die Formel, Kafka sei „Weltkulturerbe“. Dass die Enkel der 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordeten Ottla sich Oxford oder Marbach als endgültigen Aufbewahrungsort der Briefe des Urgroßonkels gewünscht haben, steht fest. Wo der einzigartige Briefwechsel Franz Kafkas mit seiner Schwester nach der Auktion eine neue Heimat finden wird, ist hingegen völlig ungewiss. Eine amerikanische Universität wie Austin oder Yale? Ein unbekannter Sammler aus Japan oder Lateinamerika?

Hans-Gerd Koch ist besorgt: „Ich weiß nicht, wie das ausgehen wird.“ Heribert Tenschert, mit dem internationalen Autographen-Markt vertraut wie kaum ein zweiter, wagt eine Prognose: „Der Zuschlag dürfte bei etwa 700 000 oder 800 000 Euro erfolgen. Und wie die Dinge jetzt offenbar liegen, wird der Käufer wahrscheinlich ein Privatmann sein.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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