Nachruf auf Almudena Grandes

Stimme der Verlierer

Von Paul Ingendaay
28.11.2021
, 17:16
Almudena Grandes
Sie nannte sich stolz eine „Rote“: Mit der spanischen Bestsellerautorin Almudena Grandes stirbt eine der bekanntesten Intellektuellen des Landes.
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Wenn es in Spanien laut und schrill wird, nennt man die Rechte selbst in demokratischen Zeiten „Faschisten“ und die Linke immer noch „Rote“, und viel spricht dafür, dass diese Zuschreibungen die politische Realität des Landes ziemlich lange überleben werden. In diesem Sinne also war die Schriftstellerin Almudena Grandes, geboren 1960 in einem Dorf nördlich von Madrid, die berühmteste „Rote“ Spaniens und wies die Bezeichnung nicht zurück. Mehr: Wollte man einen Film über diesen Typus drehen, käme man an Almudena Grandes’ Aussehen und Persönlichkeit kaum vorbei: wildes schwarzes Haar, kratzige Stimme, temperamentvolles Auftreten und ein Ton, der innerhalb von Sekunden vom Kämpferischen ins Empfindsame wechseln konnte – und zurück.

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Mit „Lulú“, einem erotischen Roman, der umgehend einen Preis für erotische Literatur erhielt und kurz darauf verfilmt wurde, schrieb Grandes 1989 einen Bestseller, der ihr Unabhängigkeit schenkte: Von da an folgte Buch auf Buch, eines dicker als das andere, aber das hat die zahlreichen Fans der Autorin wohl nicht gestört. Grandes’ Vorbild war der große Realist des neunzehnten Jahrhunderts Benito Pérez Galdós, der mit seinen „Episodios nacionales“ das spanische Selbstverständnis seiner Zeit prägte. In Deutschland wanderten Grandes’ Bücher von einem Verlag zum anderen, bis sie bei Hanser eine Heimat fanden.

Dort erschien mit „Der Feind meines Vaters“ (2013), einer Geschichte aus der Franco-Zeit der späten Vierziger, ihr bester, eindringlichster, kunstvollster Roman: eine Untersuchung über Erinnerung, Verschweigen und die Wirkung von Gewalt auf das Gemüt eines Kindes. Mit „Kleine Helden“ (Deutsch 2018) wandte sich Grandes dann den Verlierern der spanischen Wirtschaftskrise zu und schrieb nach eigenen Worten eine „Hommage an die spanische Zivilgesellschaft, denn die ist das Beste, was wir haben“.

Verehrt und beargwöhnt

Zusammen mit ihrem Mann, dem Dichter Luis García Montero, dem Direktor des Cervantes-Instituts, bildete Grandes das wohl einflussreichste Paar des Kulturbetriebs, verehrt von den einen, beargwöhnt von den anderen. Als klassische Linke und viel gelesene Kolumnistin – seit 2008 erschienen ihre Stücke wöchentlich in El País – hat sich Almudena Grandes mit vorhersehbarem Ergebnis in viele ideologische Schlachten gestürzt, aber bei den katalanischen Wirren 2017 verurteilte sie mit größter Eindeutigkeit Puigdemonts Sezessionsversuch: „Ein Referendum ohne Garantien ist kein demokratischer Akt.“

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Vor sieben Wochen hat Almudena Grandes in einer bemerkenswerten Kolumne die Rückkehr ihrer schweren Erkrankung offengelegt. Sie wolle noch einen Roman fertigstellen, dann werde sie sich zurückmelden. Am Samstag ist sie in Madrid gestorben. Viele befreundete Künstler und Autoren nahmen Abschied von ihr. Auch Atlético Madrid, der Klub ihres Lebens. Ministerpräsident Pedro Sánchez nannte sie „engagiert und mutig“ – sie habe „von unserer jüngsten Geschichte erzählt“.

Almudena Grandes war großzügig mit Lob und großzügig mit Kritik. Tat sich mit Zahlen schwer. Verehrte ihre Leserinnen und auch ihre Leser, mit denen sie intensiv kommunizierte, solange sie es noch konnte. Hatte ein Herz für Außenseiter, Verlierer und Verlorene – daher wohl auch die Neigung zu Atlético. Sicher ist jedenfalls, dass sie vielen ihrer Landsleute, als Schriftstellerin und kritische Stimme in der Zeitung, unendlich fehlen wird.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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