Don DeLillo wird achtzig

Er geht unter die Haut

Von Andreas Platthaus
20.11.2016
, 12:46
Als Werber kannte er den schönen Schein, als Autor beschreibt er, was darunter liegt: Don DeLillo.
Seine Bücher sind Trauerarbeit am amerikanischen Traum: Der Schriftsteller Don DeLillo interessiert sich für die dunkle Seite der Gesellschaft – und schreibt stets unbeirrt grandios weiter.
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Den Schluss von „Spieler“, einem der frühen Romane von Don DeLillo, im Original („Players“) publiziert 1977, bildet ein lapidarer Absatz: „Die aufgestützte Gestalt, zum Beispiel, ist kaum als männlich zu erkennen. Während er von Sekunde zu Sekunde Fähigkeiten und Wesenszüge abstreift, kann er immer noch (aber schnell) beschrieben werden als gutgeformt, empfindungsfähig und blond. Wir wissen nichts anderes über ihn.“ Wirklich nichts anderes? Nach mehr als zweihundert Seiten über diesen Lyle Wynant, einen Broker von der Wall Street, der sich auf eine gefährliche Mission eingelassen hat, könnte das leicht als erzählerisches Armutszeugnis gewertet werden. Doch DeLillo, der hier zum einzigen Mal im ganzen Buch das auktoriale „Wir“ gebraucht, stellt damit nur fest, was er zuvor implizit eben die ganze Zeit erzählt hat: Dass unter den sicht- und spürbaren Oberflächen Abgründe warten, die für Außenstehende – und das sind notwendig alle außer dem Betreffenden selbst – rätselhaft bleiben.

Wer sollte über solchen schönen Schein besser urteilen, ihn vor allem besser vorführen können, als ein ehemaliger Reklamemann? Der 1936 in der Bronx geborene DeLillo arbeitete nach seinem Kommunikations-Studium fünf Jahre lang für eine der namhaftesten Werbeagenturen der Welt, ehe er 1964 kündigte, um seinen ersten Roman zu schreiben, der so hieß wie das, was er zuvor beworben und manchmal dadurch erst erschaffen hatte: „Americana“.

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Gespür für die Symbole einer Epoche

Es dauerte noch bis 1971, ehe diese Geschichte über einen Fensehproduzenten, der sich plötzlich für das medial unsichtbare Amerika zu interessieren beginnt, erschien (in Deutschland wurde dieses Debüt gar erst jetzt übersetzt, also noch einmal 45 Jahre später), doch es brachte DeLillo sofort den Ruf eines Chronisten seines Landes ein, der sich andere Schauplätze sucht als die sonstige Literatur: Er geht unter die Haut, psychologisch wie geographisch. Sein in jeder Hinsicht größter Roman sollte im Jahr 1997 programmatisch den Namen „Unterwelt“ tragen.

Was DeLillo interessiert, ist die dunkle Seite der Gesellschaft und mehr als alles andere dabei das Phänomen der Verschwörung. Deshalb wirken seine Bücher derzeit noch aktueller, als sie es bei Erscheinen waren. Zumal DeLillo ein sicheres Gespür für jene Symbole hat, die eine Epoche prägen: In „Spieler“ hat etwa das damals noch junge World Trade Center einen wichtigen Auftritt als Standort einer Agentur, die sich der Trauerbewältigung widmet. So könnte man auch DeLillos eigenes Werk verstehen: als Trauerarbeit am amerikanischen Traum und amerikanischen Trauma. Kennedy-Ermordung und 11. September 2001 hat er zu Gegenständen von Romanen gemacht, und sein jüngstes Buch, „Null K“, erzählt von der Hybris, dem Tod entkommen zu wollen.

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Möge ihm selbst das so lange wie möglich gelingen, denn Don DeLillo schreibt unbeirrt grandios weiter. Am morgigen Sonntag wird er achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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