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Zum Achtzigsten von Uwe Timm

Der Real-Utopiker

Von Hubert Spiegel
Aktualisiert am 30.03.2020
 - 09:28
Ein Humanist, der an die Wandelbarkeit glaubt – des Einzelnen, der Gesellschaft, der Welt: An diesem Montag feiert Uwe Timm seinen achtzigsten Geburtstag.zur Bildergalerie
Unbegabter zum Zynismus kann man kaum sein, menschenfreundlicher wohl auch nicht: Zum achtzigsten Geburtstag des Schriftstellers Uwe Timm versammelt ein Band Essays, einer Würdigungen und einer Texte zum Werk.

Der Ort: ein Museum. Seine Lage: Asunción, die Hauptstadt von Paraguay. Hier steht Uwe Timm 1984 während einer Recherchereise für seinen Roman „Schlangenbaum“ vor einem seltsamen Gegenstand, der den Schriftsteller auf Anhieb fasziniert: „An einer Bambusstange war an einem Weidenring ein aus feinem Bast gewebtes, sackförmiges Netz befestigt. Um die Öffnung hingen, wohl als Lockspeise, winzig zarte blaue, rote und gelbe Kolibrifedern. Sollten so die bösen Träume gefangen werden? Oder solche, die den Träumer mit einem Glücksgefühl erwachen ließen? Oder galt es, jedweden Traum festzuhalten und später zu deuten?“

Der Traumfänger, ein indianisches Kultobjekt, ist das heimliche Symbol der neuen Essaysammlung von Uwe Timm. Sie handelt von guten Träumen und von schlechten, von Träumen, die sich nicht zu Ende träumen lassen wollen, vor allem aber von solchen, die gut beginnen, um böse zu enden. Das Besondere all dieser Träume ist, dass sie nur im Kollektiv geträumt werden können, auch wenn es vorkommt, dass es ein Einzelner ist, der den vielen sagen will, was sie zu träumen haben. Uwe Timm nennt solche Träume Utopien. Er sammelt sie. Aber nicht für die Museumsvitrine, sondern um sie zu deuten und zu befragen.

Timms Sammlung setzt ein in Argentinien: „Zwei Männer gehen am Strand entlang, dort, wo der Sand noch feucht und fest ist.“ So lautet der erste Satz des Essays, dem der Band seinen Titel verdankt. „Der Verrückte in den Dünen“ ist Carlos Gesell, der deutschstämmige Begründer der argentinischen Stadt Villa Gesell, der in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert eine Art Lebensreform-Seebad in den Wanderdünen des Südatlantiks errichten wollte, ein „weltliches Jerusalem“: ohne Zins, Alkohol oder Glücksspiel, dafür mit der von Gesells Vater nach dem Ersten Weltkrieg entworfenen „Freiwirtschaft“ und einem „Zuchtwahlrecht“ der Frau.

Die bündigste Beschreibung seiner Kunst

Gesell, der „Prophet“, wie er genannt wurde, ist der erste in einer Reihe von charismatischen Visionären, auf die Timm in den Essays zu sprechen kommt: etwa Dr. Francia, der von den Idealen der Aufklärung geprägte Theologe, der als gewählter Diktator auf Lebenszeit mehr als zwanzig Jahre lang wie ein absolutistischer Herrscher in Paraguay regierte, oder Etienne Cabet, der Frühsozialist, der 1848 in den Vereinigten Staaten Land kaufte, um dort sein utopisches Reich namens „Ikarien“ zu gründen. Vierhunderttausend Anhänger und Interessenten sollen sich gemeldet haben, als Cabet in Frankreich für sein Projekt warb. Mehr als ein paar hundert Bewohner hat Ikarien nie gehabt. Es dauerte keine zehn Jahre, bis das Gemeinwesen im Streit zerfallen war.

Timm ist fasziniert von solchen Gegenwelten – von ihrer Theorie ebenso wie von ihrer desillusionierenden Praxis. Den Traum von einer besseren, gerechteren Gesellschaft hat er aus den Debatten der Studentenbewegung hinübergerettet in die weitgehend traumlosen Jahrzehnte, die ihr folgen sollten. Aus dem Scheitern der Ideale hat er andere Schlüsse gezogen als die meisten seiner Mitstreiter. Unbegabter zum Zynismus als Uwe Timm kann man kaum sein, menschenfreundlicher wohl auch nicht. Er ist ein linksgefärbter Humanist, der mit Ernst Bloch am Prinzip Hoffnung festhält und an die Wandelbarkeit glaubt – des Einzelnen, der Gesellschaft, der Welt.

„Ich habe den Propheten kennengelernt, Carlos Gesell“. Es sind Sätze wie dieser, mit denen Timm seinen über weite Strecken erzählerisch gestalteten Exkursionen in vergangene Utopien eine autobiographische Dimension einzieht. Die Eltern seiner in Argentinien aufgewachsenen Frau, der weithin gepriesenen Übersetzerin Dagmar Ploetz, hatten ein Haus in Villa Gesell, in dem Timm mehrfach zu Besuch war. Teile seiner Romane „Heißer Sommer“ (1974) und „Morenga“ (1978) sind dort in den siebziger Jahren entstanden. Der Ort war zu einer Feriensiedlung geworden, hatte sich aber etwas vom Flair seiner abenteuerlichen Gründungsgeschichte erhalten können. „Hier lebte man eine rückwärtsgewandte Utopie“, schreibt Timm, und wie rückwärts gewandt erscheinen auch die abendlichen Gespräche, die fast nahtlos an die Diskussionen über Geldtheorie und die Logik des Kapitals anschlossen, wie sie marxistische Gruppen in München damals führten.

Beiläufig bindet Tim die exotisch anmutenden Schauplätze seiner Exkursionen zurück an die deutschen Verhältnisse und die eigene Biographie. Die Klassiker der politischen Utopie werden referiert, „Utopia“ von Thomas Morus und Campanellas „Sonnenstaat“, aber Timm schlägt auch mühelos den Bogen von der Gegenkultur der Sprayer – „Anti alles“ – zurück zur Studentenbewegung. Immer sind seine Überlegungen anregend, nie belehrend. Oft gehen sie von persönlichen Begegnungen aus, von zufälligen Ereignissen, wie Uwe Timms Zusammentreffen mit Benno Ohnesorg eine war. Die Freundschaft, die Timm als gemeinsamen Aufbruch in die Zukunft verstand, verebbte Jahre vor Ohnesorgs so folgenreicher Erschießung durch den Polizisten Kurras in Berlin. Erst Jahrzehnte später, nämlich 2005, führte sie zu der Erzählung „Der Freund und der Fremde“. Helge Malchow, über viele Jahre hinweg Timms Verleger bei Kiepenheuer & Witsch, hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass Timm damit ebenso wie mit der zwei Jahre zuvor erschienenen autobiographischen Skizze „Am Beispiel meines Bruders“ frühe und stilbildende Beispiele für ein Genre gegeben hat, das erst in jüngster Zeit viel Aufmerksamkeit erfahren hat: das Memoir.

Malchows Text zählt zu den Aufsätzen und Geburtstagsgrüßen, die der jetzt erschienene Band „Am Beispiel eines Autors“ versammelt. Ulrich Peltzer, Terézia Mora, Michael Krüger, Ingo Schulze und etliche andere würdigen neben dem Autor auch den Menschen Uwe Timm, den Kollegen, Mentor, Freund. Martin Hielscher und der Germanist Friedhelm Marx haben einen Band herausgegeben, der unter dem Titel „Wunschort und Widerstand“ dem Werk Uwe Timms gewidmet ist und unter anderem Beiträge von Aleida Assmann, Dorothee Kimmich, Christof Hamann und Joseph Vogl enthält. Die Berliner Akademie der Künste, deren Mitglied er seit langem ist, übernimmt einen ersten Teil seines künstlerischen Nachlasses. Die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, deren Mitglied er ebenfalls seit langem ist, hat ihm immer noch nicht den Büchner-Preis verliehen. Von Uwe Timm selbst, dem unverzagten Real-Utopiker, der an diesem Montag seinen achtzigsten Geburtstag feiert, stammt die bündigste Beschreibung seiner Kunst, der zufolge die Literatur, als der „Nicht-Ort“ schlechthin, immer ein Element des Utopischen in sich trägt: Sie bringt Gegenwelten, Gegenentwürfe zu einer oft als schmerzvoll und alternativlos erfahrenen Welt hervor. Literatur, wie Uwe Timm sie versteht, schreibt, lebt, schenkt Hoffnung.

Uwe Timm: „Der Verrückte in den Dünen“. Über Utopie und Literatur. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 256 S., geb., 20,– €.

„Am Beispiel eines Autors“. Texte zu Uwe Timm. Herausgegeben von Kerstin Gleba und Helge Malchow. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 208 S., geb., 20,– €.

„Wunschort und Widerstand“. Zum Werk Uwe Timms. Herausgegeben von Martin Hielscher und Friedhelm Marx. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 396 S., geb., 29,90 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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