Zum Tod von John le Carré

Ein blendender Spion

Von Andreas Platthaus
14.12.2020
, 09:34
John le Carré war der erfolgreichste Agententhrillerautor der Welt. Seine Bücher erklärten die Welt, indem sie der Gegenwart auf den Fersen blieben. Und ihr Autor blieb engagiert bis zuletzt.

Es gab eine Zeit, da gab es nichts Besseres, als John le Carré zu lesen. Nichts Erhellenderes, nichts Bewegenderes. Weil seine Bücher Porträts des Stillstands in dunkler Zeit waren – und Porträts, was solche dunkle Zeit und solche Bewegungslosigkeit mit Menschen anrichtet. Es war der Kalte Krieg, und den beschrieb der ehemalige britische Geheimagent David John Moore Cornwell, der sich seit seinem Debütroman „Schatten von gestern“ (im Original „Call for the Dead) John le Carré nannte, wie kein anderer: aus einer Innensicht, die viel tiefer ging als das, was jeder, der in jenen Jahren in Europa lebte, ohnehin erlebte. Wenn man John le Carré las, meinte man die Welt zu verstehen. Und die Welt kaufte seine Bücher; allein der Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“, erschienen 1963, erreichte eine Auflage von zwanzig Millionen Exemplaren. Danach wechselte Cornwell den Beruf: Aus dem schreibenden Spion wurde ein Vollzeitschriftsteller.

Sein Pseudonym behielt er. Angenommen hatte er es, weil das britische Außenministerium, dem der Auslandsgeheimdienst MI6 untersteht, dem er zuletzt angehörte, dessen Angehörigen keine Buchveröffentlichungen unter ihrem richtigen Namen gestattete. Le Carrés erste Romane entstanden in Deutschland, wohin der seit einem Schweizer Germanistikstudium sprachkundige Cornwell, der schon während seines Studiums als Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes kommunistisch gesinnte Kommilitonen bespitzelt hatte, 1960 entsandt worden war. Damit war er im Zentrum des Kalten Kriegs, wo die ideologische Demarkationslinie auch eine Staatsgrenze war.

In Deutschland erlebte er Mauerbau und Kuba-Krise, zwei Ereignisse, die in seinen Büchern vielfach Widerhall finden sollten. Und bereits in „Schatten von gestern“ tauchte die Figur auf, die zum wichtigsten Protagonisten in Le Carrés Romanen werden sollte: George Smiley, hier allerdings noch als Spion in untergeordnetem Rang, während er in den späteren Büchern aufstieg bis zum Chef des MI6. Das Innenleben dieses Funktionärs, seiner Mitarbeiter, aber auch seiner Gegenspieler wurde von Le Carré psychologisch derart intensiv durchleuchtet, dass man als Leser gar nicht anders konnte, als sich auf ihre Seite zu schlagen – was nicht ihre politische Seite bedeutete, denn die vielbeschworene Meisterschaft Le Carrés bestand darin, Prinzip und Motivation von Spionage aus individuellen Interessen begreiflich zu machen. Persönliche Loyalität war ihm ein viel höherer Wert als Staatstreue.

Als der Kalte Krieg vorbei war, mochte man meinen, dass nun auch John Le Carrés Erfolg enden müsste. Weit gefehlt! Abgesehen davon, dass sich die Qualität seiner Romane daran erwies, dass ihr Stil von zeitloser Eleganz war, wurde auch schnell klar, dass ihre Themen unvermindert aktuell in einer Zeit blieben, die eine große Systemkonkurrenz durch viele kleine Konflikte ersetzte, von denen etliche heiße Kriege entfesselten – plötzlich waren Le Carrés Helden Repräsentanten einer besseren Welt, und solche Stoffe haben dem Erfolg von Literatur noch nie geschadet. Aber Le Carré blieb der Gegenwart schreibend auf den Fersen. Ob es der internationale Waffenschmuggel („Der Nachtmanager“, 1993), der Nahostkonflikt („Die Libelle“, 1983), der Islamismus („Marionetten“, 2008) oder der Brexit (sein letzter Roman „Federball“, 2019) waren – dieser Schriftsteller verstand es, die Abgründe von Politik fiktional auszuleuchten.

Darüber ist John le Carré zum entschiedenen Vertreter eines politischen Ausgleichs geworden, der auf Humanität und Kultur gründet. Gedankt wurde es ihm mit dem schwedischen Olof-Palme-Preis für Frieden und Verständigung, den er im Januar dieses Jahres als erster Schriftsteller seit Vaclav Havel dreißig Jahre zuvor entgegennahm. Die Entscheidung seines Heimatlandes, die Europäische Union zu verlassen, empfand Le Carré als Albtraum und Verrat an der Geschichte. Als klar geworden war, dass die Entscheidung unumstößlich sein würde, beantragte er die irische Staatsbürgerschaft, um auch nach dem 31. Januar 2020 noch Bürger der EU zu sein – ein letztes Mal war er bereit, als Agent tätig zu werden, wenn auch nun in aller Öffentlichkeit. Diese letzte Mission konnte er nicht mehr lange durchführen. Am vergangenen Samstag ist John Le Carré im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben.

Quelle: FAZ.NET
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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