Florian Havemann wird 70

Was war dieser Mann denn noch nicht?

Von Andreas Platthaus
12.01.2022
, 16:06
Schriftsteller, Maler etc: Florian Havemann
Musiker, Hausmeister, Regisseur und noch so einiges anderes: Zuletzt machte Florian Havemann als Autor eines überbordenden Künstlerromans von sich reden. Zum Geburtstag eines Überzeugungstäters.
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Florian Havemann ist der Mann für Obsessionen. Das hat mit unvergleich­licher Intensität kürzlich sein Roman „Speedy“ gezeigt, der zuvor jahrelang auf einen mutigen Verleger gewartet hatte. In „Speedy“ wird auf mehr als achthundert Seiten – bei normalem Schriftbild wären es weit mehr als tausend geworden – die Geschichte der Liebe zwischen dem Neue-Sachlichkeit-Maler Rudolf Schlichter und Elfriede Elisabeth Köhler, Modell, Muse und schließlich Ehefrau, genannt Speedy, erzählt.

Schlichter heißt im Roman Schlechter, sonst hat Havemann nichts geändert, nicht die erotischen Capricen des begeisterten Crossdressers, Masochisten und Fetischisten, nicht die Nymphomanie seiner Partnerin, aber auch nicht die Zeitumstände dieser Passion, die sich durchs ganze „Dritte Reich“ zog und den Mann ins Gefängnis brachte, aus dem die Frau ihn dann unter Einsatz aller ihrer Möglichkeiten befreite. Und doch ist dieses Buch eine gewaltige Phantasmagorie, die dem Ich-Erzähler eine bisweilen delirierende, dann wieder eiskalt sich selbst und andere analysierende Chronik der Gefühle, des Abscheus und der Abscheulichkeiten entlockt. „Speedy“ ist der größte Künstlerroman der letzten Jahre.

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Er profitiert davon, dass sein Autor Havemann selbst Künstler ist, der seine Bilder dank mäzenatischen Engagements eines amerikanischen Bewunderers in einer Galerie der Berliner Friedrichstraße zeigen kann. Aber was war Havemann eigentlich noch nicht? Was er war: Musiker, Hausmeister, Zeitungskolumnist, Be­rater, Elek­triker, Zeitschriftenherausgeber, Häftling, Bühnenregisseur, Flüchtling, Designer, Politiker, Verfassungsrichter in Brandenburg. Als Letzterer nominiert von der PDS. Ausgerechnet!

Denn es war diese damals noch als SED firmierende Partei, die Havemann 1968, als Sechzehnjährigen, in den Knast brachte, gemeinsam mit einigen weiteren Kindern ostdeutscher Prominenter, die gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestiert hatten. Florian Ha­vemann, Sohn des Naturwissenschaftlers Robert Havemann, der 1964 aus der SED ausgeschlossen worden war, erlebte Festnahme und Haftzeit als Enttäuschung aller Hoffnungen auf die DDR. 1971 floh er in die Bundesrepublik, wo es dann bis 2007 dauerte, ehe mit „Havemann“ sein erster Roman erschien: die eigene Familiengeschichte. Aufgrund diverser Klagen wegen Persönlichkeitsschutzverletzung, darunter auch solche der Verwandtschaft, wurde der Roman erst zurückgezogen, dann geschwärzt, schließlich gekürzt. Das machte Havemanns Suche nach einem Ort für das damals schon existierende „Speedy“-Manuskript nicht leicht.

Leicht macht er es aber auch seinem Publikum nicht. Doch Havemann ist ein literarischer Überzeugungstäter. Deshalb hat er die Geschichte ums Ehepaar Schlechter auch über das Jahr 1938, den Schlusspunkt von „Speedy“, fortgeschrieben. Möglichst bald soll dieser neue Ro­man erscheinen, diesmal in einem selbst gegründeten Verlag, an dem der amerikanische Mäzen auch beteiligt ist. Das wäre ein Glücksfall für uns, die wir nicht wieder jahrelang warten müssten. Und für Florian Havemann selbst. Heute wird er siebzig.

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Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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