Frankfurter Poetikvorlesung

Die Furcht verschwand, die Wut ist geblieben

Von Hubert Spiegel
04.12.2020
, 17:03
Das Unvorstellbare vorstellbar machen: Monika Rinck fragt in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung nach den Möglichkeiten der Poesie und ihrer Zukunft.

Man könnte von einem umgekehrten faustischen Prinzip sprechen, dem Monika Rinck in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung gefolgt ist. Warum danach fragen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wenn die Kräfte, die dafür sorgen, dass sie uns um die Ohren fliegt, doch schon seit geraumer Zeit offensichtlich sehr viel mächtiger sind? Aber ist „sorgen“ hier eigentlich das richtige Wort? In welche Bilder lassen sich diese mit Macht auseinanderstrebenden Kräfte und ihr Wirken fassen, welche Begriffe und literarischen Genres sind ihnen angemessen? Monika Rinck lotet diese Fragen aus, nicht unbedingt systematisch, aber gründlich. Man darf das Verb ausloten hier so verstehen, wie es ursprünglich gemeint war, nämlich als Bezeichnung eines sehr konkreten Vorgangs: Man lässt eine Sache von Gewicht (These, Theorie, Einfall, Gedicht) ins Wasser plumpsen, um herauszufinden, wie tief der Abgrund unter einem ist. Mit anderen Worten: Wenn wir stürzten, wie weit könnten wir kommen?

Die Frage führt aufs Feld des „Neofuturismus“, also eines Futurismus, „der sich der Zukunft nicht mehr ganz sicher kann“ und deshalb seine Gangart gewechselt hat. Ihm gilt die zweite der drei Frankfurter Vorlesungen, die noch bis zum 31. Dezember auf der Website der Goethe-Universität zu sehen und zu hören sind. Es ist ein Futurismus, der es nicht mehr so eilig hat wie seine Urväter, die ihre Gegenwart nicht schnell genug im Rückspiegel röhrender Automobile verschwinden sehen konnten. Der Begriff der Avantgarde, der von jeher zu den futuristischen Bewegungen gehörte, fällt kein einziges Mal an den drei Abenden. Aber ein avantgardistischer Anspruch, nur halb versteckt, liegt beständig auf der Lauer.

Zukunft, eine knapp gewordene Ressource?

Das Lebensgefühl des „So kann es nicht weitergehen“, hervorgebracht von Waldbrand, Gletscherschmelze, Pandemie und vielem mehr, hat für Monika Rinck längst auch das Feld der Dichtung erreicht. Man blickt auf diesem Feld vielleicht öfter, genauer und auch weiter zurück als auf anderen Feldern, nicht nur bis zu Trakl oder Droste-Hülshoff, sondern bis zurück nach Delphi. Monika Rinck hat sich im ersten Teil ihrer Vorlesung mit dem Orakel des Apollon beschäftigt („Die Vorhersage erfolgt in Versen“), jetzt fragt sie nach der Zukunft der Verse: Wie kann die Poesie der Zukunft aussehen, wenn die Zukunft schon begonnen hat und wir nicht wissen, wie viel von dieser Zukunft uns überhaupt noch bevorsteht? Wenn Zukunft als knapp werdende Ressource zu betrachten ist, so Monika Rincks implizite Schlussfolgerung, dann müssen wir uns ihr mit anderen Kriterien als den bisherigen zuwenden. Also lautet das Thema der zweiten Vorlesung: „Neofuturismus, zwischen Nachhaltigkeit und Vergeudung“.

Lassen sich diese Begriffe auf Sprache und Poesie überhaupt anwenden? Können wir Sprache vergeuden? Wo bleiben die Worte, die wir uns sparen, was passiert mit ihnen? Monika Rinck geht von Begriffen aus, um sie auf ungewohnten Bedeutungsfeldern auszusetzen. Das führt zu überraschenden Ergebnissen, die mitunter sogar zynisch klingen können. Denn unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit betrachtet, müsste die Kunstproduktion viel stärker unter dem Aspekt der Wiederverwertbarkeit betrieben werden. Das Motto der poesiepolitischen Energiewende formuliert Monika Rinck so: „Der Welt nichts Neues aus den Rippen leiern“.

Los, diskutiert das!

Ernst gemeint ist das nicht, denn neue Probleme erfordern neue Konzepte, die auf neuartigen Perspektiven beruhen. Kunst, sagt Monika Rinck, schafft Verbindungen „über Gattungen hinweg. Über Genres genauso wie Arten und sogar Reiche hinaus. Sie wildert, sie rafft zusammen oder trennt. Stößt sich ab. Sie darf das alles. Und unterscheidet sich doch von den gängigen Formen der Verschwörungstheorie? Inwiefern? Discuss!“

Ab und zu erteilt die Poetikdozentin derlei Aufträge wie Nüsse ans Publikum: Hausaufgaben, nicht leicht zu knacken. Lernziele werden nicht formuliert, stehen aber unübersehbar im digitalen Hörsaal. „Fernes Fuchteln“ nennt sie einmal, was jetzt überall bei Online-Begegnungen geschieht. Die Folgen für uns alle: ebenso offensichtlich wie unabsehbar. Ein Lernziel also auch in diesem Zusammenhang: „der mit hohem Kunstaufwand erzeugte Effekt unerwarteten Verstehens“, wie Dietmar Dath in seiner „Niegeschichte“ über die Literatur der Science-Fiction den Literaturkritiker John Clute zitiert. Aus der Welt der Science-Fiction überträgt Monika Rinck die Aufgabe, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen, auf das Gedicht.

Theorie, als ernstes Spiel betrachtet

Beispiele, was dabei herauskommen kann, hat sie parat: ein dystopisches Langgedicht Anja Utlers mit dem Titel „kommen.sehen.lobgesang“, Daniel Falbs „Svalbard Paem“ aus dem Band „Orchidee und Technofossil“ und Charlotte Warsens „Plage“. Drei Beispiele für eine Lyrik, wie sie der Poetikdozentin vorschwebt. Unbekümmert um Gattungsgrenzen, mit allen Traditionen vertraut, um bei Bedarf mit ihnen zu brechen, hochreflektiert, Theorie als ernstes Spiel betrachtend, die Bedingungen der eigenen Produktion und Konsumtion nicht nur bedenkend, sondern auch darstellend: „Institutionskritik im Gedicht selbst, von einer unmöglichen, unvordenklichen Position aus.“

Daniel Falbs „Svalbard Paem“ handelt von einer Art „Saatguttresor“ auf Spitzbergen. Seit 2007 wird hier das Saatgut zahlreicher Pflanzen aufbewahrt, um sie vor dem Aussterben zu bewahren und im Katastrophenfall nachzüchten zu können. Das langsame Auftauen des Permafrostbodens, berichtet Monika Rinck, habe mittlerweile Kosten verursacht, die höher seien als die Baukosten der Anlage.

Aus dem schmelzenden Eis Norwegens geht es in der dritten Vorlesung nach Kalifornien. Das Umfeld ist jetzt die Feuchtwanger-Villa in Pacific Palisades, lyrische Gewährsleute sind Elke Erb und Kim Hyesoon, von der Rinck ein Gedicht über ein dichtendes Gehirn in einem gläsernen Behältnis vorträgt. Man weiß jetzt, was gemeint war, als die Dozentin mit dem Begriff der „Necropastorale“ die Vorstellungen vom Idyll neu justierte. Gegen Ende hin wird der Ton erzählender, die Forderungen werden bescheidener: „Die Vorhersage muss nicht die Zukunft betreffen – und die Gegenwart wahrzunehmen ist Zukunft genug.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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