Frankfurts erster Zoo

Neben den Westend-Villen seufzen die Kapuzineraffen

Von Tilman Spreckelsen
09.12.2020
, 14:13
Frankfurts Zoogeschichte hat Überraschendes zu bieten: Nicht nur seltene und gefährliche Tiere, sondern auch einen berühmten Dichter auf Durchreise

Hochhäuser mit gläsernen Fassaden, dazwischen ein paar übrig gebliebene Mehrfamilienhäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert, ein bisschen Grün, das Ankündigungsschild eines japanisches Restaurants, ein Gebäude mit der Aufschrift „Deutsches Haus“ und, etwas zurückgesetzt von der Straße, eine „Akademie für Kleinkinder“ – wer sich im Frankfurter Westend im Areal zwischen der Bockenheimer Landstraße, Liebigstraße, Unterlindau und Staufenstraße bewegt, dem begegnet eine seltsame architektonische Mischung aus ambitionierten und schmucklosen Bauten, aus Großbürgerstolz und Nützlichkeitsdenken, aus dem wenigen, was der Krieg und die Abrisswut der frühen Bundesrepublik hier übrig gelassen haben, und dem, was in den Lücken neu entstanden ist mit der Maxime, den Raum in einem der teuersten Viertel Frankfurts möglichst effizient auszunutzen.

Das war einmal anders: Die Nordseite der Bockenheimer Landstraße, vor den Toren Frankfurts gelegen, war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein Ort großzügiger, frei stehender Villen mit ausgedehnten Gärten. Hinter ihnen hörte die Stadt einfach auf, Felder und Wiesen schlossen sich an, bis ein ganzes Stück weiter mitten im Grünen die 1864 eröffnete „Anstalt für Irre und Epileptische“ kam, geleitet vom Arzt und „Struwwelpeter“-Autor Heinrich Hoffmann. Und am Horizont der Taunus.

Frankfurt als Zoo-Pionier

Eines der größten Grundstücke dieser Straßenseite aber war nicht von reichen Bürgern bewohnt, sondern von exotischen Tieren – hier wurde am 8. August 1858 im ehemaligen Leer’schen Garten auf einer Fläche von fünfzehn Morgen der erste Frankfurter Zoo eröffnet, initiiert und finanziert von einer Gruppe Honoratioren der Stadt. Damit betraten sie Neuland, denn kaum eine europäische Großstadt verfügte damals über eine ähnliche Einrichtung. Kurz darauf kam es allerdings zu einer regelrechten Welle von Zoogründungen, etwa in Metropolen wie Köln (1860), Dresden (1861) und Hamburg (1862). Frankfurts zoologische Pionierrolle zeigte sich auch in einer Zeitschriftengründung im Selbstverlag: „Der Zoologische Garten. Zeitschrift für Beobachtung, Pflege und Zucht der Thiere“, so hieß das monatliche „gemeinsame Organ für Deutschland und angrenzende Gebiete“, das sich auf der Grenze zwischen populärer Darstellung und Wissenschaft bewegte und immer wieder Artikel zur angestrebten Akklimatisierung exotischer Tiere in mitteleuropäischen zoologischen Gärten publizierte.

Das Gelände war kurz zuvor vom Städelschen Institut ersteigert worden, nur erschien es vielen seiner Mitglieder nicht recht geeignet als neuer Standort für eine Kunstgalerie. Als das Gründungskomitee des Zoos anfragte, das Areal auf eine Dauer von zehn Jahren zu pachten, willigte das Kunstinstitut ein und war nach Ablauf der Pacht zu einer Verlängerung um weitere fünf Jahre bereit.

Ein Zugeständnis der Zoogründer an die Nachbarn in ihren Villen war das Versprechen, keine gefährlichen Fleischfresser zu beherbergen. Also begann man, wie Christoph Scherpner in seinem Buch „Von Bürgern für Bürger“ zur Frankfurter Zoogeschichte schreibt, mit Affen, Braun- und Eisbären, Zebras, Gazellen, Vögeln, Amphibien und Reptilien: „Der Tierbestand zum Jahresende 1858 ist uns überliefert mit 589 Tieren in 151 Tierarten, darunter 139 Säugetiere in 45 Arten.“Drei Jahre später ist in einem Zeitungsartikel von Eulen und einem Weißkopfseeadler die Rede, von „gutmütig, fast melancholisch seufzenden Kapuzineraffen“, Nasenbären, Gürteltieren, Kängurus, Kamelen und Alligatoren. Etwa zehn Prozent der Tiere starben jährlich; zugleich wurden etliche im Zoo geborene oder geschlüpfte an andere Einrichtungen und auch an Privatleute verkauft.

Zwei Jahre nach der Eröffnung durften dann doch noch gefährliche Tiere wie Leoparden, Löwen und Wölfe gehalten werden, auch eine Giraffe und ein Elefant folgten und trugen dazu bei, dass der Zoo seine Besucherzahl bis 1863 auf jährlich 100 000 Personen brachte, nicht eingerechnet Familien und Dauerkartenbesitzer. In Frankfurt lebten damals etwa 80 000 Menschen.

Theodor Storm hört ein Konzert

„Unser Garten hat einen gewissen Ruhm erlangt und alle Fremden besuchen ihn“, schreibt Hermann Mumm, Mitglied im Verwaltungsrat des Zoos, 1865. Einer dieser Fremden war Theodor Storm. Im Spätsommer 1865 brach der Autor, dessen Frau Constanze kurz zuvor nach neunzehnjähriger Ehe im Kindbett gestorben war, von Husum aus zu einer Reise in den Süden auf – er wollte in Baden-Baden den russischen Dichter Iwan Turgenjew treffen und unterwegs alte Freunde besuchen. Wie auf der Hinfahrt machte er auch auf dem Rückweg am 13. September, einem Mittwoch, Station in Frankfurt. Er kam am Main-Neckar-Bahnhof an und blieb über Nacht bei Tycho Mommsen, seinem Jugendfreund aus Kieler Studententagen, der in Frankfurt seit dem Vorjahr das städtische Gymnasium leitete und mit seiner vielköpfigen Familie in einer Dienstwohnung im heruntergekommenen Arnsburger Hof lebte.

Weil Mommsen „viel zu tun hatte“, schreibt Storm, „ging ich nach dem zoologischen Garten, wo ich die schöne Welt Frankfurts, die aber sehr gegen die Baden-Badensche abfiel, bei Konzert versammelt fand“ – wahrscheinlich handelte es sich bei den Musikern um eine der Militärkapellen, die in der Stadt stationiert waren, bevor sie ein Jahr später preußisch wurde. Storm zahlte 30 Kreuzer für den Eintritt und betrat den Zoo an der Ecke der Bockenheimer Landstraße zur Unterlindau. Unter den kürzlich erworbenen Tieren waren zwei männliche Bengalkatzen, eingeführt direkt aus Java, und ein Hechtskopf-Alligator. Dagegen beklagte man den Verlust einer Zwergziege, die an Lungentuberkulose gestorben war, einer an Fettleber verendeten Wildkatze und eines Pinselkängurus (die Obduktion ergab Blut in den Lungen).

Storm fuhr am nächsten Morgen, seinem 48. Geburtstag, mit dem Schiff von Mainz nach Köln und besuchte den dortigen Zoo, der ihn noch mehr beeindruckte als der Frankfurter. Dieser, von vornherein als Provisorium angelegt, wurde nach langer Standortsuche – auch eine Fläche im Stadtwald kam in Betracht – im Frühjahr 1874 auf die Pfingstweide im Osten der Stadt verlegt, wo er noch heute zu besuchen ist.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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