Mary Beard im Gespräch

Nero war besser als sein Ruf

Von Gina Thomas
03.06.2022
, 10:02
Kann bestens in Gesichtern der Macht lesen: Mary Beard
Die Historikerin Mary Beard erklärt, welche Rolle Frauen im alten Rom spielten, warum Twitter so reizvoll ist, und wie die Gender-Debatte den Blick auf die Antike verändert.
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Frau Beard, als Hochschullehrerin in Cambridge, Fernsehmoderatorin und Kommentatorin bringen Sie Ihrem Pu­blikum die Alte Geschichte nahe. Warum haben Sie sich für dieses Fach entschieden?

Ich war an einer akademischen Mädchenschule und konnte die alten Sprachen mühelos meistern. Als Teenager faszinierte mich dann die Archäologie. Damals konnten sich Interessenten noch als Grabungshelfer bewerben. Ich habe in den Sommerferien neben der Ausgrabungsstätte gezeltet. Wir arbeiteten verdammt hart, und es war aufregend, Dinge auszugraben, die seit Jahrhunderten von niemandem berührt worden waren. Abends gingen wir ins Pub, obwohl wir nicht alt genug waren. Das gesellschaftliche Leben war großartig. Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll.

Warum haben Sie sich auf die römische und nicht auf die griechische Antike spezialisiert?

Wenn man in Großbritannien klassische Archäologie betreibt, hat man es zwangsweise mit den alten Römern zu tun. Hätte man mich als Studentin vor die Wahl gestellt, ich hätte mich wahrscheinlich für Griechenland entschieden, weil es immer etwas sexier gewesen ist, das Athen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts zu studieren. Letztlich sah ich aufgrund des Reichtums an überliefertem Material aus der römischen Zeit allerdings mehr Möglichkeiten, die Antike zu verstehen. Es ging mir zunehmend darum, Kunst, Archäologie und textliche Zeugnisse von der Literatur bis hin zu Inschriften zu einem historischen Gesamtbild zusammenzufügen.

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In Ihrem aktuellen Buch „Zwölf Cäsaren. Gesichter der Macht von der Antike bis in die Moderne“ stellen Sie Bezüge zwischen den alten Römern und uns her. Dennoch sagen Sie, die Menschen seien damals völlig anders gewesen.

Ein Freund hat das Studium der Antike einmal mit einem Drahtseilakt verglichen. Blickt man zur einen Seite herunter, sieht alles vollkommen vertraut aus. Da sind Menschen, die auf die Straße pinkeln und Graffiti an die Wände schmieren. Auf der anderen Seite sieht man eine völlig veränderte Welt. Man weiß nicht genau, wie man sich orientieren soll. Das reizt mich.

Zu unrecht schlecht beleumundet? Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus
Zu unrecht schlecht beleumundet? Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus Bild: picture alliance / CPA Media Co. Ltd

Worin besteht die große Differenz?

In gewisser Hinsicht ist uns jede Kultur des 21. Jahrhunderts ein wenig fremd. Das wird uns etwa bewusst, wenn wir einen französischen Witz nicht verstehen. Der Unterschied zum alten Rom ist grundlegender. Nehmen wir zum Beispiel den weiblichen Körper. Viele Menschen hatten damals nicht die blasseste Vorstellung von der Anatomie einer Frau. Es gab die Theorie, Mund und Uterus seien miteinander verbunden. Deswegen schien es angemessen, einen Husten durch eine Vaginalbehandlung zu lindern. Die alte Frage, wie es wäre, Römer zu sein, wird oft als naiv empfunden. Darüber nachzudenken, wie wir die Vergangenheit durch viele ideologisch aufgeladene Schichten sehen, ist aber keineswegs naiv. Seitdem Vergil die Arbeit an der „Aeneis“ abgeschlossen hat, ist wohl kein Tag vergangen, an dem das Werk nicht gelesen worden wäre. Und es scheint mir wichtig zu sein, dass die Menschen seit zweitausend Jahren die „Aeneis“ und das Altertum aus ihrer jeweiligen Weltsicht heraus deuten.

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Sie gehen in Ihrem Buch auf historische und kunsthistorische Aspekte ein, doch scheint Ihr Beitrag zur Diskussion über die zwölf Cäsaren vor allem auf genauer Textkenntnis zu basieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg – und wohl schon vorher – begannen sich hierzulande die Wege zwischen Altertumswissenschaft und Kunstgeschichte zu trennen. Bis in die Fünfzigerjahre hinein hatten viele Kunstgeschichtsdozenten Altphilologie studiert. Mir ist zunehmend klar geworden, dass etliche Kunsthistoriker wenig Ahnung von der antiken Materie hatten, die der Illustration ihrer Stoffe zugrunde lag. Es gibt zahllose Arten, dieses Thema anzugehen, die nicht meine sind, aber ich kenne die Literatur, ich weiß, wie darüber diskutiert wurde und wo die Probleme liegen. So kann ich auf übersehene Dinge hinweisen.

Geht das Wissen über die Antike langsam verloren?

Die meisten Menschen sind keine Experten der römischen Geschichte. Früher war das auch nicht anders. Aber früher waren die Schlüsselfiguren schon bekannter. Deswegen wurden sie in literarischen, kulturellen und visuellen Debatten eingesetzt. Im Grunde wissen die Menschen mehr, als sie glauben. Und das Interesse ist auch da. Schließlich schalten genügend Zuschauer meine Fernsehsendungen über die Römer ein.

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Allerdings stellen Sie durchaus fest, unsere mangelnde Kenntnis der Bibel und der Mythologie führe dazu, dass uns die Sprache fehlt, um Kunstwerke zu entschlüsseln.

Ich würde sagen, dass viele Kunstwerke zunächst nicht viel bedeuten, wenn man weder mit der Bibel noch der Mythologie oder den römischen Kaisern vertraut ist. Warum sind die Impressionisten so beliebt? Weil man nichts wissen muss, um sie zu genießen.

Bei der Lektüre Ihres Buches fragt man sich, weshalb die von Ihnen vorgestellten Autokraten allgemein ständig als Vorbilder verkauft werden.

Das ist die große Frage, auf die ich keine Antwort weiß. Die zwölf Cäsaren werden stets behandelt, als seien sie irgendwie bewundernswert. Aber man muss nur wenige Fakten über sie wissen, um sagen zu können: Moment mal, das ist alles viel komplizierter.

Es scheint eine Art Revisionismus zu geben. Zum Beispiel in Bezug auf Nero.

Nero war bestimmt nicht so übel, wie er oft dargestellt worden ist. Es gibt unter Gelehrten eine lange Tradition, die etwa so funktioniert: Caligula ist als großer Bösewicht in die Geschichte eingegangen, ich werde nachweisen, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Man kann dasselbe mit Nero oder Domitian machen. Diskussionen über Hintergründe des Ansehens einzelner Kaiser sind meiner Ansicht nach fruchtlos. Mich interessiert, wie der Ruf entstanden ist und wie wir damit umgegangen sind. Die Grundregel lautet: Wenn Kaiser ermordet werden – lassen wir Julius Cäsar beiseite, weil er ein Fall für sich ist –, werden sie schlecht benotet.

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Und warum?

Es ist folgerichtig zu behaupten, dass schlechte Kaiser einem Attentat zum Opfer fallen, weil sie schlecht waren. Man kann aber genauso gut argumentieren, dass jeder ermordete Kaiser von seinem Nachfolger schlecht gemacht werden muss, um die Tat zu legitimieren. So kommt es, dass Kaiser wegen ihrer Ermordung genauso schlecht bewertet werden wie Kaiser, die ermordet wurden, weil sie schlecht waren.

Die Antike scheint auch viele mächtige Frauen hervorgebracht zu haben.

Die Macht der kaiserlichen Frauen, Liebhaber und Sklaven unter dem Prinzipat gehört zu den großen Streitfragen der römischen Historiographie. Ein Barbier, der jeden Tag zwanzig Minuten mit dem Kaiser plaudert, während er dessen Bart trimmt, dürfte als einflussreicher gelten als ein niederrangiger Senator, der dem Kaiser gelegentlich bei einem Diner begrüßt. Es gibt eine lange Tradition, die scheinbar mutwillige Politik von Männern mit dem Einfluss der Ehefrau zu erklären. Historiker befinden sich hier in einer Zwickmühle. Entweder sie übernehmen die misogynen Anekdoten, die männliche Geschichtswissenschaftler über diese Frauen erzählt haben. Oder sie sprechen den Frauen Handlungsmacht ab.

Hätten Sie, wie viele britische Politiker in jüngster Zeit, Schwierigkeiten dabei, zu definieren, was eigentlich eine Frau ist?

Zum Glück bin ich keine Politikerin. Wer glaubt, eine Definition sei leicht, der irrt. Es muss möglich sein, über Sex und Gender zu diskutieren, aber die Polarisierung ist nicht leicht aufzulösen. Die aktuelle Debatte hat meinen Blick auf Aspekte der antiken Welt gerichtet, die ich bisher nicht beachtet habe. Das alte Griechenland wurde immer mit Homoerotik assoziiert. Im Lichte der jetzigen Debatte sehe ich, dass damals das Wesen von Sex und Gender infrage gestellt und verschiedene Versionen des Nichtbinären ausprobiert wurden. Im Studium wurde einem beigebracht, es handle sich bei Plastiken, die nur so lange aussehen wie Frauen, bis man bemerkt, dass die Figur einen Penis hat, um einen geistreichen Witz. Das könnte ich meinen Schülern heute nicht mehr erzählen.

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Sexismus wird unter anderem mit der Art assoziiert, wie über Frauen gesprochen wird. Sie bezeichnen Männer immer als „Kerle“. Ist das nicht auch sexistisch?

Nach drei Jahrtausenden des Sexismus macht es nichts, wenn man dies mit einer gewissen Ironie tut. Ich finde Empörung überschätzt und Humor unterschätzt.

Als regelmäßige Twitter-Nutzerin sind Sie oft Anfeindungen ausgesetzt. Sie sehen darin ein Zeichen von Misogynie. Werden Männer nicht ähnlich übel beleidigt?

Es ist anders. Niemand hat je behauptet, dass nur Frauen Verbalattacken ausgesetzt sind. Es ist auch problematisch, dass viele Nutzer ihre Identität und ihr Geschlecht verbergen.

Aber Sie meinen, bei Frauen geschehe es häufiger.

Jede Studie, die ich gesehen habe, deutet darauf hin. Werden meine männlichen Kollegen mit vergleichbar viel Mist beworfen?

Was gewinnen Sie Twitter ab?

Es ist eine großartige Informationsquelle. Auf Twitter erfahre ich, welche Entdeckungen bei römischen Ausgrabungen in Italien gemacht worden sind. Außerdem kommt man mit Menschen ins Gespräch, denen man sonst nicht begegnen würde. Zu den schönsten Dingen gehört es, wenn Menschen tweeten, sie seien noch drei Stunden in Pompeji und fragten sich, was man unternehmen sollte. Dann tweetet man ihnen einen Vorschlag und erhält im Gegenzug ein Foto.

Sie sind online also nah an Ihren Gesprächspartnern. Auch Ihre Bücher sind zugänglich geschrieben. Ist es Ihre Mission, Ihr Fach zu popularisieren?

Kurz nach dem Abschluss meiner Doktorarbeit hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Ich habe einem befreundeten Professor für Alte Geschichte einen Aufsatz gezeigt, den ich zur Veröffentlichung einreichen wollte. Er sagte mir, der Aufsatz sei gut, aber langweilig. Für mich war das jedoch außerordentlich wichtig. Ich habe mir vorgenommen, nicht langweilig zu sein. Was soll das Ganze schließlich, wenn es niemanden interessiert?

Ihre Lehrtätigkeit endet bald. Was hat sich in Ihrer Zeit als Professorin zum Schlechten oder Guten verändert?

Als ich studierte, gab es nur wenige Kommilitoninnen, und die Studentenschaft war ziemlich uneuropäisch. Heute ist meine Uni sprachlich diverser und geschlechtlich gemischter. Allerdings muss sich noch zeigen, wie sich der Brexit auswirken wird. Es stimmt bis zu einem gewissen Grad, dass Studenten heute mit reduzierteren Griechisch- und Latein-Kenntnissen zu uns kommen. Das heißt, wir müssen mehr Energie aufwenden, um ihnen dieses Wissen zu vermitteln, manchmal von Grund auf. Vor hundert Jahren gab es ein paar Kerle, die verdammt gut waren, aber auch viele, die es nicht waren. Im neunzehnten Jahrhundert hat der Fakultätsvorstand das Niveau der Studenten beklagt. Dabei waren die Prüfungen in Latein und Griechisch sehr einfach. Das ganze Gerede über Verdummung ist übertrieben.

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Sie unterrichten, schreiben, bloggen, tweeten, moderieren Kultursendungen, machen Dokumentarfilme, sind Kuratoriumsmitglied des British Museum und beantworten E-Mails postwendend. Wie schaffen Sie das alles?

Ich schufte einfach. Ich lasse mich allerdings auch leicht ablenken. Ich habe Angst vor dem Unerledigten und mache, was ich tun muss. Allerdings habe ich keine Angst vor dem Ruhestand. Ich bin seit 1979 Universitätslehrerin. Es ist an der Zeit, etwas anderes zu tun. Nicht, dass es mir keinen Spaß mehr machte. Aber nach vierzig Jahren gibt es wenige Überraschungen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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