Friedrich Dürrenmatt zum 100.

Der Welt Welten entgegensetzen

Von Simon Strauß
05.01.2021
, 15:15
An diesem Dienstag vor hundert Jahren wurde Friedrich Dürrenmatt geboren. Als Bühnenautor war er der Plautus der Nachkriegsjahre. Was ist er uns jetzt noch?

Premierenabend, 7. März 1973: Auf der Bühne des Züricher Schauspielhauses steht der bedeutendste Schweizer Dramatiker der Nachkriegszeit vor dem Vorhang und wird ausgebuht. Nicht nur ein paar Laute der Unzufriedenheit sind das, sondern ein regelrechtes „Buhgeschrei“, wie der „Spiegel“ später berichtet. Auf weiter Bühne allein steht der korpulente Autor und trotzt dem Missfallen seines Publikums. Der Regisseur ist da schon unter Protest abgereist und distanziert sich noch am selben Abend von der Inszenierung, die er vergeblich versucht habe „vor seinem Autor zu retten“. Schon früh hatte Andrzej Wajda, der eine bildgewaltige Präsentation des langerwarteten neuen Dürrenmatt-Stücks „Die Mitmacher“ plante, dem übergriffigen Dramatiker Hausverbot erteilen lassen. An „seinem“ Theater, dort, wo vor sechsundzwanzig Jahren Dürrenmatts kometenhafter Aufstieg mit der Uraufführung des Stücks „Es steht geschrieben“ begonnen hatte, sperrte man ihn jetzt einfach aus.

Drei Tage vor der Premiere riss Dürrenmatt das Ruder an sich und warf das Regiekonzept für seine Komödie über einen Biochemiker, der ein Verfahren für eine spurlose Vernichtung von Leichen entwickelt hat, um. Was dabei herauskam, war der schlimmste Misserfolg seines Lebens. An diesem Abend „ging eine international erfolgreiche Dramatikerkarriere zu Ende“, notiert sein Biograph Ulrich Weber nüchtern.

Kein genaues Bild

Zweiundfünfzig Jahre alt war Dürrenmatt an jenem Abend, als er in Buhrufen unterging. Obwohl äußerlich gefasst („Wenn die Leute pfeifen, dann ist mir das eigentlich scheißegal, das ist ja auch eine Form von Demokratie“), erholte sich sein Theaterherz wohl nie mehr davon. Das, was er in den verbleibenden siebzehn Jahren seines Lebens noch an dramatischen Versuchen unternahm (etwa „Die Frist“ oder „Achterloo“), waren ebendas: Versuche, die keinen wirklichen Anspruch mehr auf Teilhabe am zeitgenössischen Theaterbetrieb hatten. Dürrenmatt, der in den fünfziger Jahren mit Stücken wie „Der Besuch der alten Dame“ oder „Die Physiker“ große Erfolge gefeiert hatte, war als Theaterautor bei lebendigem Leib historisch geworden.

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Ulrich Weber, der pünktlich zum heutigen hundertsten Geburtstag von Dürrenmatt seine Biographie veröffentlicht hat, fehlt der Sinn für Melancholie, gar Tragik solcher Momente. Sonst hätte er diese Abschiedsszene ergreifender beschrieben, hätte das Epochale dieses Abends zum Ausdruck gebracht. Was genau hier zu Ende ging, welche besondere Art des Theaters, darüber erlaubt sich der Biograph kein Urteil. Seit dreißig Jahren kümmert sich Weber als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schweizerischen Literaturarchiv um Dürrenmatts literarischen und malerischen Nachlass, und sein enormes Fachwissen stellt er in einem siebenhundertseitigen Buch (erschienen bei Diogenes, im Anschluss an das 2011 erschienene tausendseitige, aber nur die erste Lebenshälfte umfassende von Peter Rüedi) unter Beweis. Das Seltsame aber ist: Auch nach der Lektüre dieser umfassenden Darstellung, die, streng chronologisch geordnet, Auskunft über die Lebensabschnitte gibt, hat man kein genaues Bild von dem, der dargestellt wird. Das wiederum hätte Dürrenmatt wahrscheinlich gefallen: von wissenschaftlicher Akribie so undeutlich gemacht zu werden, dass dabei kein Porträt herauskommt.

Unermüdliche Schaffenskraft

Er habe im Grunde keine Biographie, soll Dürrenmatt selbst nämlich gelegentlich gesagt und damit sein äußerlich ruhiges, bürgerliches Leben in einem an Gütern reichen, von allen Fährnissen des zwanzigsten Jahrhunderts verschonten Land gemeint haben. Und vielleicht sorgt der schweizerische Rahmen, der dieses Leben einfasst, ja wirklich dafür, dass es sich nicht spannender erzählen lässt.

Umso erstaunlicher ist demgegenüber die ungeheure Fülle an Werken, die es hervorgebracht hat. Als seine Lebensaufgabe formulierte Dürrenmatt einmal: „Die Welt, die ich nicht zu erleben vermochte, wenigstens zu erdenken, der Welt Welten entgegenzusetzen, die Stoffe, die mich nicht fanden, zu erfinden.“ Wenn man nur eine Eigenschaft hätte, mit der man den Charakter dieses Schriftstellers bestimmen müsste, dann wäre seine unermüdliche Schaffenskraft nicht die falsche.

Eine skandalöse Aufführung

Vielleicht war sie eine Erbschaft seiner bäuerlichen Herkunft – am 5.Januar 1921 in einem kleinen Dorf im Emmental geboren, das von einer Milchfabrik dominiert war, als Sohn eines stillen Pfarrers (einer mehr!) und einer resoluten Mutter, die den Sohn mit ihrem siegesgewissen Gottesglauben abschreckte, aber auch mit der Literatur in Verbindung brachte. Zunächst schien allerdings die Malerei den stärkeren Sog auf den jungen Dürrenmatt auszuüben: Nach dem Wechsel ans Berner Gymnasium und ersten Museumsbesuchen in Deutschland begann er zu zeichnen. Das Studium der Literatur und Kunstgeschichte spiegelt bald schon seinen inneren Entscheidungskampf: Soll er Maler oder Schriftsteller werden? An Weihnachten 1942 stößt Dürrenmatt in Zürich auf einen Gedenkstein für Georg Büchner und schreibt daraufhin sein erstes Prosastück in Form einer kannibalischen Wutphantasie über das Christuskind. Die kämpferische Auseinandersetzung mit der christlichen Dogmatik sollte für lange Zeit das bestimmende Thema in Dürrenmatts Schreiben bleiben. Um dafür gewappnet zu sein, wechselt er zur Philosophie, plant eine Dissertation über Kierkegaard, schreibt nebenbei weiter Erzählungen.

1946 wird zum Schicksalsjahr: Dürrenmatt verlässt die Universität und verfasst sein erstes Theaterstück. Er trennt sich von seiner langjährigen Jugendfreundin, heiratet die junge Filmschauspielerin Lotte Geissler und zieht mit ihr nach Basel. Hier wird er vom Theaterintendanten Kurt Horwitz entdeckt, der Dürrenmatts Debüt „Es steht geschrieben“ im Sommer 1947 in Zürich aufführt. Begeistert gratuliert der zehn Jahre ältere Max Frisch dem unbekannten Jungautor und lobt in einem Brief „die starke und eigene Vorstellungskraft“ des barocken Wiedertäufer-Dramas. Der entscheidende Schritt ist gemacht – die Aufführung wird ein Skandal und Dürrenmatt quasi über Nacht zum neuen Stern am Schweizer Theaterhimmel.

Die Unvollkommenheit des Menschen

Schnell schreibt er ein weiteres Stück – diesmal über einen blinden Herzog im Dreißigjährigen Krieg, der all seinen Besitz, nicht aber seinen Glauben an Gott verliert. Dann zieht er an den Bielersee und versucht mit „Romulus der Große“ eine politische Komödie über den Untergang des Römischen Reichs als Chiffre für das zerstörte Nachkriegseuropa. Im Anschluss an eine Aufführung trifft Dürrenmatt 1949 auf Brecht, redet mit ihm aber wohl vor allem über Zigarren. „Fürstlich zu leben“ war von früh an Dürrenmatts Leidenschaft, die er trotz einer Zuckerkrankheit standhaft verteidigte. Den üppig gefüllten Weinkeller in seinem späteren Haus hatte er von einem Bordeaux-Schloss übernommen, und zeitweise fanden fast jeden Abend Gelage in seiner Stammkneipe „Rocher“ statt.

Anfang der fünfziger Jahre arbeitet Dürrenmatt an ersten Hörspielen und wendet sich – nach einer eher erfolglosen Uraufführung der Kriminalkomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“ – der Prosa zu. Mit „Der Richter und sein Henker“ schreibt er einen in seiner unmittelbaren Umgebung angesiedelten Kriminalroman über den Mord an einem Berner Polizisten, der zum Ausgangspunkt eines moralphilosophischen Schauprozesses über die Unvollkommenheit des Menschen wird. Eindrucksvolle Erzählungen wie „Der Tunnel“ oder „Der Verdacht“ folgen und erscheinen (bis er 1979 zu Diogenes wechselt) im Züricher Arche-Verlag.

Beginn der „fetten Jahre“

1952 zieht Dürrenmatt mit der inzwischen um drei Kinder gewachsenen Familie nach Neuchâtel in ein Haus mit Blick über den Neuenburgersee. Das wird sein Rückzugsort, seine „Burg“, hier bleibt und arbeitet Dürrenmatt bis zu seinem Tod. Das Familienleben beginnt glücklich, aber entwickelt sich bald zum Schlechten. Lotti leidet an Depressionen, trinkt viel, die Kinder wachsen im Ruhmesschatten des Vaters auf.

Im Januar 1956 wird in Zürich „Der Besuch der alten Dame“ mit Therese Giehse uraufgeführt, sein bekanntestes und bis heute meistgespieltes Stück über eine reich gewordene Auslandsschweizerin, die in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um sich für eine frühe Kränkung zu rächen. Mit dieser Parabel über Schuld und Gerechtigkeit gelingt Dürrenmatt der internationale Durchbruch – Peter Brook inszeniert die amerikanische Erstaufführung am Broadway, Giorgio Strehler zeigt es in Mailand.

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Jetzt beginnen, so Webers Charakterisierung in seiner Biographie, die „fetten Jahre“. Dürrenmatt schreibt erfolgreiche Drehbücher (etwa „Es geschah am hellichten Tage“ über einen Kindermörder, 1958 verfilmt mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe), Erzählungen (zum Beispiel die dämonische Gerichtssatire „Die Panne“) und gibt den Illustrierten Interviews. 1962 kommt mit „Die Physiker“ ein weiterer dramatischer Großerfolg hinzu. Zweiundfünfzigmal wird die Psychiatriesatire über die Risiken der Atomtechnik innerhalb einer Spielzeit inszeniert. Zwischendurch gibt es aber immer wieder auch krachende Misserfolge: Die schwarze Komödie „Frank der Fünfte“ oder auch „Herkules und der Stall des Augias“ fallen bei Kritik und Publikum durch.

Dürrenmatts Offenheit gegenüber dem Populären, die mitunter ins Derbe, auch Banale umschlägt, gefielen und gefallen nicht jedem. Sein Drang zur humoristischen Wirkung, das unbedingte Eintauschen des tragischen Pathos durch die satirische Parodie wirken im Rückblick eigenartig verschmockt. Das, was Dürrenmatt 1955 in seinen theatertheoretischen Überlegungen über die Tragödie feststellte, dass sie nämlich „nicht mehr zeitgemäß“ sei, wird man heute auch über seine Stücke sagen können.

Geschichten außerhalb seiner Biographie

Faszinierend bleibt allerdings sein dramatischer Umgang mit Recht und Gerechtigkeit, der oft von biblischen Geschichten und Gleichnissen ausgeht und über kabarettistische Umwege zu überraschenden, auch existentiellen Schlussszenen kommt. Dürrenmatt liebte eben nicht nur den bäurisch-derben Witz, sondern auch die Sterne, über deren aktuelle Konstellationen er ganze Galadiners unterhalten konnte. Politisch versuchte er zeit seines Lebens unabhängig zu bleiben. Im Widerstand „gegen links und gegen rechts, gegen vorne und gegen hinten, gegen oben und gegen unten“ sah er die wirkliche Opposition. Sein Kampf für die Abschaffung der Wehrpflicht machte ihn in der Schweiz, sein entschiedenes Eintreten für Israel innerhalb der Linken unbeliebt. Sein behäbiges, eher schwerfälliges Wesen, das sich auch in einem breiten Land-Berndeutsch ausdrückte, entsprach nicht dem Paradebild des politisch engagierten Dichters und Denkers, das Autoren wie Günter Grass oder Max Frisch geprägt hatte.

Mit Frisch verband Dürrenmatt eine auf- und abgehende „Arbeitskameradschaft“. Trotz heftiger Konkurrenzgefühle fuhren sie zusammen in die Ferien, planten ein gemeinsames Stück. Am Ende waren die Gegensätze dann doch zu groß. „Ich habe Dich in Vielem bewundert, Du hast mich in Vielem verwundert, und verwundet haben wir uns auch“, schrieb Dürrenmatt 1986 in einem seiner letzten Briefe an Frisch. Off the record sprach er oft weit weniger anerkennend von ihm. Während Frisch aus seinem Inneren heraus schrieb, Fragen der Identität ins Zentrum stellte, suchte Dürrenmatt stets nach Geschichten außerhalb seiner Biographie. „Gemessen am Schicksal von Millionen“, schrieb er in den „Stoffen“, seinen mehr werk- als autobiographischen Notizen, „kommt mir mein Leben so privilegiert vor, dass ich mich schäme, es auch noch schriftstellerisch zu verklären.“

Für wen ist er noch ein Lieblingsautor?

Die siebziger und achtziger Jahre verbringt Dürrenmatt als kanonisierter, aber aus der Mode gekommener Theaterautor mit Bearbeitungen alter Stücke, Essays und einigen Romanvorhaben („Justiz“ wird 1985 noch mal ein Erfolg). Das Zeichnen und Malen tritt wieder in den Vordergrund, Nachlassfragen beschäftigen ihn. Als 1983 Lotti stirbt, ist der lebenspraktisch wenig begabte Dürrenmatt verzweifelt. Schnell lernt er die Fernsehjournalistin Charlotte Kerr kennen, die Dürrenmatts zweite Frau wird und fortan als eifersüchtige Wächterin über die öffentlichen Auftritte ihres Mannes eine eher zweifelhafte Rolle spielt. Kurz vor seinem Tod im Dezember 1990 bezeichnet Dürrenmatt die Schweiz bei einer Laudatio auf Václav Havel als ein „Gefängnis“ und erregt damit nochmals Aufsehen. Nur ein paar Tage vor seinem siebzigsten Geburtstag – die Porträtserien in den Illustrierten sind schon im Druck – stirbt Friedrich Dürrenmatt an Herzversagen.

Sein Werk wird der Öffentlichkeit bald darauf in einer siebenunddreißigbändigen Ausgabe präsentiert. Heute, nur dreißig Jahre nach seinem Tod, scheint Dürrenmatt ein abgeschlossener Fall. Sein Name wirkt auf distanzierte Weise historisch, in der Schule ist er zwar nach wie vor präsent, aber für wen ist er noch ein Lieblingsautor – dieser Plautus der Nachkriegsjahre, dessen Schreiben im paradoxen Klima des Kalten Krieges zwischen Kalauer und philosophischem Tiefsinn hin- und herschwankte?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
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