Dichter und Romanautor

Er war Frohburg: Guntram Vesper ist tot

Von Andreas Platthaus
23.10.2020
, 09:04
Mit dem gleichnamigen tausendseitigen Werk über seine Heimatstadt Frohburg kam der Durchbruch: Guntram Vesper schuf einen Gedächtnisort, der bleiben wird. Zum Tod des Schriftstellers.

Guntram Vespers letzte Jahre waren ein Triumph, und er begann mit „Frohburg“ – wie alles im Leben von Vesper mit Frohburg begann. Dort wurde der Schriftsteller 1941 geboren, dort lebte er bis zur Flucht seiner Familie aus der DDR im Herbst 1957, dort spielte sich ein Großteil seiner seit 1964 entstehenden Literatur ab. Zwei Bücher trugen sogar jeweils den Namen der sächsischen Kleinstadt als Titel: ein Gedichtband von 1985 und einunddreißig Jahre später der Roman, der ihm den späten Durchbruch beim großen Publikum einbrachte und den Preis der Leipziger Buchmesse. Dass er gerade diese Auszeichnung für „Frohburg“ erhielt, war eine besondere Genugtuung, denn Leipzig war von Frohburg aus die nächste Großstadt, und so war das Leben von Guntram Vesper immer auch mit ihr eng verknüpft. Und was im Leben von Vesper geschah, das wurde Literatur.

Die Liebe zur sächsischen Heimat war auch nach der Flucht ungebrochen. Sein ganzes Werk steht im Zeichen dieses Verlusts und des Versuchs, diese Heimat zumindest imaginär zurückzugewinnen. Im Roman „Frohburg“ nahm er sich dafür tausend Seiten Platz, auf denen er das Land und das eigene Leben in Kindheit und Jugend wiedererweckte. Das reale Frohburg mit seinen rund 4500 Einwohnern ist darüber zum deutschen Gedächtnisort geworden, und seine Umgebung, jene durch den Braunkohleabbau verwundete, aber vom jungen Vesper bewunderte Tieflandsbucht, der Leipzig den Namen und Frohburg den südlichen Abschluss gibt, ist dank ihm zum literarischen Symbol einer historischen Epoche geworden.

Vespers Bücher sind geprägt vom Leiden an der deutschen Teilung und dem Glück ihrer Überwindung. Er kehrte zwar nicht mehr dauerhaft aus seiner neuen Wahlheimat Göttingen nach Frohburg zurück, doch die Heimkehr als Schriftsteller erfolgte mit seinem großen Roman, der hierzulande ein Bewusstsein dafür neu erweckte, dass es der Regionalgeschichte gegenüber der großen Historiographie nicht an Dramatik und Bedeutung fehlt. „Nähe, zeitlich, räumlich, in Gedanken, ein Leben lang“ – so beschreibt Vesper in „Frohburg“ das Verhältnis zu seiner Stadt, und das trifft zu, denn schon seine erste Prosaveröffentlichung, der Geschichtenband „Kriegerdenkmal ganz hinten“ von 1970, wählte als Handlungsort ganz überwiegend den aus der Kindheit so vertrauten Ort.

Das Gespräch über Frohburg hörte nie auf

Begonnen aber hatte Guntram Vesper als Lyriker, und auch seine Gedichte zeichnen mit demselben Interesse für die konkurrierende objektive und subjektive Geschichtswahrnehmung das Porträt dieser Stadt. Eigene Erinnerungen stehen da neben archivalischen und solchen seiner Familie, in der das Gespräch über Frohburg nie aufgehört hatte. „Kaum hatten wir uns in die grünen Plüschsessel zurückfallen lassen, erzählte ich, was ich seit dem letzten Besuch Neues über Frohburg und die Frohburger aus alten und neuen Zeiten erfahren oder ausgegraben hatte, das Feld konnte wegen der unendlichen Verästelungen, Verzweigungen und Verflechtungen, der vielen Verdeckungen und Verschüttungen nicht größer sein.“ So steht es in „Frohburg“, dem Roman.

Erstaunlicherweise fehlt in dieser Reihe der Verbindungen ein Begriff, der am Genauesten das Dauerthema unter den Vespers bestimmt: die Verwurzelung. Frohburg war Guntram Vesper, wie er einmal schrieb, Vaterstadt und Mutterstadt zugleich: „Sie lieferte im rein guten, so es das gibt, und im weniger guten die Meßlatte, die Richtschnur und, im heutigen Sprachgebrauch, die Grundkonfiguration.“ Und das ein Schriftstellerleben lang, das neunundsiebzig Jahre währen sollte.

„Welche Stellung nimmt der einzelne beim Versuch ein, Gerechtigkeit für alle zu erreichen. Welchen Wert hat er. Wie weit kann und darf man über ihn hinweggehen, über seine Einzigartigkeit, seine Unwiederholbarkeit. Wie hoch ist der Preis, der dafür bezahlt werden muß, daß man im anderen nur die Zahl, den Nutzen oder die fremde Gesinnung sieht. Was kosten unsere Träume, wenn wir sie wahrmachen. Diese Fragen, die ich von weither in meine Gegenwart mitgebracht habe, beschäftigen mich bis heute. Und bis heute habe ich keine endgültige Antwort gefunden. Das Suchen seit damals hat nicht weiter als zu einigen Sätzen geführt.“ So steht es in Vespers Essay „Über Frohburg und sich selbst schreiben“ von 1985. Er schrieb aber dabei über so viel mehr als sich selbst.

„In Höhe der Wohnzimmerfenster“

Ein Beispiel nur dafür das Gedicht „In einer kleinen Stadt“, bei dem zwar gleich die erste Zeile auf jenen Platz in Frohburg verweist, an dem das frühere Wohnhaus von Vespers Familie steht, aber das dann ausgreift in die unglückselige deutsche Geschichte der Zeit um die Geburt seines Autors: „Sie wohnten in den Häusern am Markt / unten das Geschäft und oben / die Wohnung / dahinter die Gärten zum Fluß. // So hatte das Leben begonnen und so / ging es weiter. // Achtunddreißig führten sie / das Mädchen vom Postamt / mit einem Schild um den Hals durch die Straßen // und fünf Jahre später half man, den / polnischen Knecht / nach oben zu ziehen // zwei Tage hing er / in Höhe der Wohnzimmerfenster.“

Das letzte Gedicht des „Frohburg“-Zyklus von 1985 trägt den Titel „Mein Lehrer im Zeichnen“ und erzählt etwas anderes, als man es nach diesem Titel erwarten könnte: „Irgendwann holt man / die alten Blätter hervor / und sucht / nach dem ersten Strich / der alle späteren / festgelegt hat // jedes Heft / ein anderer Ansatz / das Leben zu sehen, immer // genauer und / ärmer.“ Der Lehrer im Zeichnen, das ist das Leben selbst. Denn der erste Strich, der alle anderen festgelegt hatte, das war die Einzeichnung der Frohburger Kindheit in Vespers Gedächtnis.

„Auf dem Weg in die Schule / durch Thälmannstraße / Schlossergasse, Hintergraben / dem fernen Dröhnen aller / Aufmärsche und Umzüge nach / sah ich die Stadt wie / mich selber / halb ja und halb / nein. // Beim Einschlafen viele Jahre / das Zucken der Beine / und wenn ich aufwachte, ein / Stechen im Ohr.“ Mit Frohburg sollte es für ihn nie enden. Gestern ist Guntram Vesper in Göttingen gestorben. Für seine Leser bedeutet dieser Tod ein Stechen im Herzen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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