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Hubert Fichte und Willy Brandt

Auf der Suche nach etwas, worüber er schreiben konnte

Von Henning Kober
 - 20:33
Was Hubert Fichte wohl über Mexiko-Stadt, diese verrückt schöne Stadt auf 2250 Meter, gedacht haben mag, wie sie auf ihn wirkte?

Geschichten verflechten Seelen. Am Anfang der Woche war Willy Brandt noch an Rhein und Ruhr unterwegs gewesen, Ministerpräsident Kühn bangte um seine Wiederwahl, und der Friedensnobelpreisträger, der nicht mehr Bundeskanzler, aber nach wie vor Parteivorsitzender der SPD war, half im Landtagswahlkampf aus, Oberhausen, Kleve, Dinslaken, Duisburg. Es war jetzt bald ein Jahr seit seinem Rücktritt, und für ihn war das noch immer kein leichtes Datum. Es gab ein Leben nach dem Kanzleramt, aber es war oft ein anstrengendes Klein-Klein in Bonn, mit den gleichen, ungeliebten Gesichtern, vor allem Wehner, Wehner, immer wieder Wehner. An diesem Donnerstagmorgen, dem 20. März 1975, aber kann Willy Brandt entkommen, der 61-Jährige verabschiedet sich zu Hause in Bonn-Venusberg, wo er mit Ehefrau Rut und Sohn Matthias lebt, diese Reise unternimmt er allein.

Draußen wartet die Limousine, Abfahrt um halb elf im Schneeregen, der Frühling scheint im Rheinland noch fern. Um 13.35 Uhr startet Brandt in einer Maschine der Lufthansa vom Frankfurter Flughafen zu seiner ersten großen Auslandsreise, seitdem er zurückgetreten ist. Er ist auf dem Weg in ein Land, in dem er zuvor noch nicht gewesen ist, Willy Brandt fliegt nach Mexiko. Es ist das 55. Land, das er besucht.

Bereits seit Sonntag in Mexiko-Stadt ist der Schriftsteller Hubert Fichte, zusammen mit seiner Partnerin, der Fotografin Leonore Mau. Die beiden sind seit Monaten in Mittelamerika und der Karibik unterwegs, am 4. November haben sie ihre Heimatstadt Hamburg verlassen und waren zunächst nach Caracas geflogen, wo seit einigen Jahren Maus Tochter Ulrike wohnt. In Mexiko kommen sie aus Haiti über Miami an. Auch für diese beiden Vielreisenden ist es der erste Besuch in dem Land, sie werden drei Wochen bleiben. Sie mieten sich im „Hotel del Prado“ ein, Avenida Juárez 70, direkt an der südöstlichen Ecke der Alameda, einem großen Stadtgarten im Zentrum der Metropole, in der damals elf Millionen Menschen leben.

Das dreißigste Land, das er bereist

Das „Del Prado“ ist ein modernes Luxushotel mit 600 Zimmern, mehreren Bars, Restaurants und einer Dachterrasse. Heute steht an dieser Stelle die breite Hochhausscheibe eines „Hilton“-Hotels, der Blick auf den Park aber ist derselbe wie 1975: ein Reigen grüner Baumkronen, unter die von allen Seiten Menschen strömen, hinein und hinaus, ein Bild, das in ständiger Bewegung bleibt. Auf der rechten Seite ragt die Belle-Époque-Kuppel des Palasts der Schönen Künste auf und nicht weit davon der Torre Latinoamericana, ein Wolkenkratzer, ähnlich imposant wie das Empire State Building. Auf den Bänken unter den Bäumen sitzen Jungs, ihre Augen suchen die Augen anderer Jungs. Für den 39 Jahre alten Hubert Fichte ist es das 30. Land, das er bereist.

In seinem kurzen Leben (er stirbt bereits 1986) hat Fichte eines der aufregendsten schriftstellerischen Werke in deutscher Sprache geschaffen. Es ist ein weitverzweigtes Werk, das seine Kraft aus mehreren Feldern bezieht, neben seiner eigenen Person, Biographie und dem Zeitkontext sind besonders die fernen Welten wichtig. In knapp drei Dutzend Fernreisen hat Fichte in der Zeit von 1969 bis 1985 Gebiete und Länder in Afrika, in Latein- und Mittelamerika schreibend erschlossen, die zuvor nicht auf der Landkarte der bundesrepublikanischen Literatur standen. Die meisten dieser Reisen sind wohlbekannt, nach Brasilien, nach Haiti, nach Senegal. Eine Reise aber ist bisher weitgehend unbekannt, jene nach Mexiko, um Ostern 1975. Fast exemplarisch lässt sich in diesem Aufenthalt die Arbeitsweise von Hubert Fichte und der noch immer zu wenig bekannten Fotografin Leonore Mau entdecken. Scheinbar zufällig führt diese Reise auch zwei Männer zusammen, Hubert Fichte und Willy Brandt, die weit mehr gemeinsam haben, als sie voneinander wissen.

Was Hubert Fichte wohl über Mexiko-Stadt, diese verrückt schöne Stadt auf 2250 Meter, gedacht haben mag, wie sie auf ihn wirkte? Gleich am nächsten Tag beginnt der Autor mit seiner Arbeit. „Botschaft, Ebert-Stiftung, Goethe-Institut“ steht am Montag in seinem Kalender. Bernd Wulffen war Konsul und Kulturattaché, der heute 79-Jährige sitzt in einem Café am Mierendorff-Platz in Berlin und kann sich gut an Fichte erinnern. „Ein freundlicher Mann, der bescheiden auftrat.“ Er war an jenem Tag alleine zu Wulffen gekommen, brachte eines seiner Bücher mit und war an Informationen über das Land interessiert. Es ist eine Zeit ohne Internet. Wulffen erzählt von Maya-Tempeln, von Vulkanen, indigenen Riten und Exilanten, und er lädt Fichte zu einem Empfang ein, der am Freitagabend für Willy Brandt gegeben wird.

Auch Dieter Koniecki, der lokale Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung, kann Fichte über diesen Besuch erzählen. Seit Wochen ist er mit der Organisation beschäftigt, er kennt alle Details und spricht mit beiden Seiten, mit dem Büro Brandt wie mit den Mexikanern. Gastgeber ist der seit 1970 regierende Präsidenten Luis Echeverría Álvarez, der als junger Mann in die Partido Revolucionario Institucional (PRI) eingetreten war, Mexikos quasi Staatspartei. Mit sozialem Ausgleich, staatlicher Regulierung und Wirtschaftsförderung hat er sich eine Reputation erworben, für Mexiko ist es eine Zeit des Aufbruchs. Echeverría war letztes Jahr in Bonn zu Besuch, im Februar, als Brandt noch Bundeskanzler war.

„Zu Vorträgen nach Venezuela und Mexiko“

Am Goethe-Institut schließlich erwartet Fichte der damalige Leiter Christian Schmitt. Er und seine französische Frau sind für ihre Abendgesellschaften bekannt. Hatte er Fichte ursprünglich eingeladen? Bereits im Vorjahr schrieb Fichte in einem Brief: „Dann muß ich zu Vorträgen nach Venezuela und Mexiko . . .“ Die drei Namen Schmitt, Koniecki und Wulffen finden sich in den nächsten Wochen wieder und wieder in Fichtes Taschenkalender. Er schreibt mit dunkelblauem Füller, eher klein und zügig, leicht nach rechts geneigt. Erledigtes streicht er aus.

Erste Tage sind lang und eindrücklich, erste Begegnungen eigen und nachdrücklich. In der Bibliothek am Luisenbad in Berlin-Gesundbrunnen steht ein halber Meter Buch, dunkelrote Leineneinbände, die schwarzen Schutzhüllen sind ausgeschnitten und unter Plastik festgeklebt. Die „Geschichte der Empfindlichkeit“ ist der verführerische Titel. Die siebzehn Bände hat S. Fischer veröffentlicht, Fichtes Verlag seit 1976. Im ersten Band „Hotel Garni“ ist hinten eine Karte eingeklebt: nicht jugendgeeignet. Das bezieht sich wohl auf den schwulen Sex, über den Fichte schreibt, der damals verboten war. Der Paragraf 175 war zwar 1969 und dann 1973 (von der Regierung Brandt) abgemildert worden, abgeschafft wurde er erst zwanzig Jahre später. Fichte aber schreibt schon in den 1960er Jahren über das Leben als Homosexueller, in allen Aspekten, über den Spaß wie über die Ausgrenzung, über die Minderheitenposition, über die Angst. Zur spannenden Komplexität von Hubert Fichte gehört, dass er sich sowohl klar als schwuler Mann sieht, der promisk agiert, zugleich aber eine heterosexuelle Beziehung führt, in der Sexuelles durchaus auch eine Rolle spielt und in der zusammen gearbeitet wird.

Im Buch ist keine Bleiwüste zu finden und kein Blocksatz, sondern leicht, an Stellen wie ein Gedicht, stehen da Sätze untereinander, die doch eine Geschichte erzählen. Jäcki und Irma. Pseudonyme für Fichte und Mau. Sie unterhalten sich. Anführungszeichen benutzt er nie, stattdessen arbeitet er mit Spiegelstrichen und Absätzen. Es geht um das gemeinsame und das eigene Leben, um den zurückliegenden Krieg und um die Arbeit, besonders das Fotografieren und das Schreiben.

Herr Braun bei Suhrkamp fand es schick, eine Korrespondenz mit einem Schäfer in der Provence zu unterhalten, der naive Theaterstücke verfasste.

Er schrieb Änderungsvorschläge.

Dazu hatte ich keine Lust.

Statt zu ändern, schrieb ich eine neue Tragödie.

Frankreich war sein erstes Ausland gewesen, freilich nicht nur, um Schafe zu hüten. Das Spielerische findet sich stets in Fichtes Texten, das tut seinem Werk bis heute extrem gut. „Fichte war keinem Lager, keinem Freundeskreis zuzurechnen“, sagt Thomas Beckermann, sein langjähriger Lektor bei S. Fischer, in einem Café in Frankfurt. „Zu einer Zeit, als das Land sehr mit sich selbst beschäftigt war, ist er aufgebrochen in die Welt.“

Fichtes vielschichtiges Schaffen lässt sich in mindestens zwei große Abschnitte einteilen. Ein erster Erzählband, „Der Aufbruch nach Turku“, ist 1963 erschienen, es folgen vier Romane, „Das Waisenhaus“, „Die Palette“, „Detlevs Imitationen ,Grünspan‘“ und „Versuch über die Pubertät“ (sowie ein Interviewbuch), in denen er seine Kindheit, Jugend und sein Leben als junger Erwachsener verarbeitet. Fichte wächst im Dritten Reich auf, er ist nicht nur einer, sondern er schreibt „als Halbjude, als Schwuler, als uneheliches Kind, als Vagabund, als Schäfer“. Sein Vater flüchtete vor dem anwachsenden Antisemitismus nach Schweden und verschwand dort. Während des Kriegs verbringt der junge Hubert ein Jahr bei katholischen Nonnen in Bayern. Später bricht er die Schule ab, um als Kinderstar auf der Theaterbühne zu stehen. Nachdem „Die Palette“ 1968 ein Erfolg war, der Roman über die Hamburger Beatnikkneipe, hat er etwas Geld, und das Reisen wird möglich.

„Ihm ging der Stoff aus“, sagt sein Freund Wolfgang von Wangenheim am Telefon. „Er war auf der Suche nach etwas, worüber er schreiben konnte.“ Die beiden lernten sich 1974 in Senegal kennen, da hatten Fichte und Mau schon ihr neues Thema gefunden: die afroamerikanischen Religionen, ein Phänomen, hierzulande kaum bekannt. Durch die Versklavung und Verschleppung von Menschen aus Afrika wurden traditionelle afrikanische Religionsriten, besonders Voodoo, Trance und der Xango-Kult, über den Atlantik transportiert. Sie fanden sich nun in Brasilien, auf Haiti oder in der Dominikanischen Republik wieder, vermischt mit lokalen Naturreligionen. Entsprechend war das Künstlerpaar beiderseits des Atlantiks unterwegs. Geschichten verbinden Seelen wie ein unaufhaltsam sich ausbreitendes Dominospiel.

Fichte schreibt, Mau fotografiert. „Wir waren zwei Monate in Südamerika und haben nach neuen afroamerikanischen Siedlungen gesucht“, schreibt Fichte Anfang Januar 1975 aus Port of Spain an seinen Freund Heinz-Georg Sachs in Hamburg. Im Februar schreibt er: „Wir verlassen jetzt Trinidad und gehen für eine Zeit nach Venezuela, auch in den Dschungel zurück und anschließend nach Mexiko und Haiti, wo ich noch ein paar Interviews machen will.“ Ein Briefwechsel in einer Welt ohne Internet.

Eine irre Stadt, so zart und liebenswürdig

Mit dem Datum 18. März 1975, es ist Fichtes zweiter Tag in Mexiko-Stadt, schreibt er an den befreundeten Hörfunk-Redakteur Peter Michel Ladiges: „Lieber Michel, nun sind wir hier gelandet und auf Schritt und Tritt denke ich an dich und unsere Begegnung in Trinidad und was dir Mexico bedeutete. Eine irre Stadt, so zart und liebenswürdig, alles was die Leute darüber verbreiten ist Quatsch. (. . .) Lieber, es ist sehr spät nachts. Herr Pérez besucht Herrn Echeverría, der seinerseits von Herrn Brandt besucht wird. Details mündlich.“

Nach vierzehneinhalb Stunden Flug, unterbrochen von einem Tankstop auf den Bahamas, landet die DC 10 aus Frankfurt mit der Nummer LH480 am Donnerstagabend auf dem Internationalen Flughafen von Mexiko-Stadt, die Ortszeit ist 21.10 Uhr. Seit Willy Brandt ein junger Mann war, gibt es in seinem Leben neben der Politik zwei große Konstanten, die eine ist das Reisen. Schon zu Zeiten seines Exils in Norwegen, bis der Krieg ausbricht, reist er durch halb Europa. Das Unterwegssein hat eine attraktive Nebenwirkung, nichts wirkt zuverlässiger gegen Tristesse: Der Kitzel, die Spannung beim Losfahren, automatisch richtet sich der Blick nach vorne, Sorgen und Probleme bleiben zurück. Ein einfacher Trick.

In einem dunklen, schmal gestreiften Anzug, das Sakko mit einem Knopf geschlossen, steigt Brandt die Gangway hinunter. Es ist warm, deutlich über zwanzig Grad, die Luft ist eine andere, dünnere. Begleitet wird Brandt von seinem persönlichen Referenten Reinhard Wilke, von seinem Büroleiter Hans-Eberhard Dingels und von Uwe-Karsten Heye, der damals stellvertretender Sprecher der SPD ist. Zwei Sicherheitsbeamte sind auch dabei. Unten an der Treppe wartet Dieter Koniecki, und anders als geplant ist Luis Echeverría persönlich erschienen, um seinen Gast in Empfang zu nehmen. Mit ihm gekommen ist auch ein Heer an Journalisten, die mexikanischen Zeitungen sind seit Tagen voll mit Willy Brandt. Es kommt zu einer Pressekonferenz.

„Keine Gefahr für den Weltfrieden“

Brandt setzt sich seine Brille auf, zündet sich eine neue Zigarette an und nimmt neben seinem Gastgeber Platz, der erklärter Nichtraucher und Nichttrinker ist. „Wir Deutschen träumen nicht mehr davon, eine Großmacht zu sein“, sagt Willy Brandt dreißig Jahre nach Ende des Krieges. Auf eine entsprechende Frage hin fügt er hinzu: „Ich sehe keine Gefahr für den Weltfrieden, außer in Form von regionalen Konflikten.“ Gelandet in Mexiko ist der Staatsmann, Rhein und Ruhr sind jetzt weit entfernt.

Am nächsten Morgen spaziert Leonore Mau die zehn Minuten vom Hotel zum Monumento a la Revolución. Davon, was andere über sie denken könnten, ist sie nicht zu beeindrucken. Sie ist eine selbstbewusste, hübsche Frau, 59 Jahre alt, und sie fällt auf, allein mit ihrem leuchtend blonden Haar, das manchmal weiß schimmert. Bis zu drei Kameras trägt sie um ihren Körper (eine Hasselblad und zwei Leicas, eine mit Schwarzweiß-, eine mit Farbfilm). Vor mehr als zehn Jahren hat sie den Vater ihrer beiden Kinder verlassen, um mit Hubert Fichte zusammen zu sein und eine herausragende Fotografin zu werden. Sie spricht Spanisch, wie Fichte auch.

Die Plaza de la República steht voller Menschen, eine Mariachigruppe spielt. Eingeladen hat der Gewerkschaftsbund, der eng an die PRI angegliedert ist. Es ist ein landesweiter Feiertag zu Ehren von Benito Juárez (1806–1872), des einstigen Präsidenten, der als großer Reformer verehrt wird. Auf einer Bühne sitzt Willy Brandt neben Luis Echeverría, während der Präsident Venezuelas Carlos Andrés Pérez am Mikrofon steht. „Wir werden das Öl verwenden“, ruft der Sozialdemokrat, „um die Echeverría-Charta auf allen Straßen der Welt in Kraft zu setzen.“ Begeistert jubelt ihm die Menge zu. Mit der Charta soll die Weltwirtschaft, sollen die Beziehungen zwischen Entwicklungs- und Industrieländern gerechter geordnet werden.

Im Dezember war die Verabschiedung vor den Vereinten Nationen am Veto der Vereinigten Staaten gescheitert, auch der neue Bundeskanzler Schmidt ließ für die BRD mit Nein stimmen. Echeverría hofft nun auf Willy Brandt. Auch der hält eine kurze Rede. „In fließendem Spanisch“, wie sich Uwe-Karsten Heye erinnert. Später verlagert sich die Veranstaltung an das Hemiciclo a Juárez, ein Denkmal an der Südseite der Alameda. Ein Kranz soll für Juárez niedergelegt werden. Wieder stehen die Politiker auf einer Bühne, Brandt neben Echeverría und Pérez. Die drei sind Teil einer langen Reihe weiterer mexikanischer Politiker, blauer Himmel, Mittagshitze. Leonore Mau, die als Architekturfotografin angefangen hat, gelingt ein Bild, das viel über ihr Talent, ihre Geduld, ihr Timing verrät. Alle Männer schauen in die andere Richtung, nur Willy Brandt schaut zu ihr. In diesem Moment hat sie bereits ihre Hasselblad ausgelöst.

Sein 40. Geburtstag

Den ganzen Tag brennt die Sonne in das Hochtal, in dem Mexiko-Stadt liegt, erst als gegen sieben die Dämmerung einsetzt, wird es etwas frischer. Leonore Mau und Hubert Fichte sind im Feierabendverkehr auf dem Weg quer durch die Stadt, nach Lomas, einer Villengegend. Fichte trägt ein Sakko und ein weißes Hemd. Es ist sein 40. Geburtstag, aber das weiß nur seine Freundin. Mehr als tausend Gäste sind in das Haus von Jacqueline und Hermann Huber gekommen, dem Stellvertreter des Botschafters, der sich auf Erholungsurlaub in Deutschland befindet. In dem weitläufigen Haus und Garten verteilt sich, was Rang und Namen hat in der Hauptstadt, Mitglieder der Regierung, Diplomaten, Doktoren, Rektoren, Verleger, Schauspielerinnen. Sie alle warten auf Willy Brandt – der sich verspätet. In der Zwischenzeit tuschelt man doch über die Tragödie, die dem Botschafter widerfahren ist. Vor einigen Wochen . . . auf einer schlechten Straße in Yucatán . . . sein Fahrer war zu schnell . . . die Frau stirbt . . . wie schrecklich!

Dann ist auf einmal Willy Brandt da. Im Atrium drängen sich die Menschen, um ihm nahe zu sein. In einer Aufnahme des deutschstämmigen Fotografen Walter Reuter ist es schön zu sehen: Brandt steht in der Mitte, wie eine Sonne, der sich alle entgegenstrecken. „Euphorie überflutet den Empfang für Brandt“, titelt eine Zeitung am nächsten Tag. Direkt hinter dem Bundeskanzler a. D. steht Bernd Wulffen und zwei, drei Meter entfernt an der Wand Hubert Fichte, gut erkennbar mit seinem Vollbart, neben ihm Leonore Mau.

Ob und wie viel Fichte und Brandt an diesem Abend miteinander sprechen? Ganz sicher lässt es sich nicht mehr rekonstruieren, aber Hubert Fichte ist nicht schüchtern, und Themen gibt es genug. Fichte hat sogar schon für Brandt gearbeitet, als der noch Bürgermeister von West-Berlin war und im Bundestagswahlkampf 1965 antritt, um als erster Sozialdemokrat Kanzler zu werden. Im sogenannten Wahlkontor, organisiert von Verleger Klaus Wagenbach, texten junge Schriftsteller Slogans für die SPD, die „Literarische Mitarbeit“ wird mit zehn Mark pro Stunde vergütet.

Schon zuvor gab es eine Begegnung, als am 22. November 1963 John F. Kennedy ermordet wird, „da waren wir zusammen mit Fichte in einer Kneipe“, erinnert sich der Schriftsteller Hans Christoph Buch. Gemeinsam besuchten sie zu dieser Zeit das Literarische Colloquium, damals noch eine Art Schreibschule in Charlottenburg, die der TU-Professor Walter Höllerer leitete. „Wir gingen dann mit zum Schöneberger Rathaus, wo Willy Brandt vom Balkon aus eine Rede hielt.“ Seitdem sind mehr als zehn Jahre vergangen. Wie Hubert Fichte inzwischen über Willy Brandt denkt?

„Er hat ihn sicher geschätzt“, sagt Wolfgang von Wangenheim, „anders als Helmut Schmidt“, denn der habe in seiner Zeit als Hamburger Innensenator als homophob gegolten. Und Willy Brandt mochte Schriftsteller. Die andere große Konstante seines Lebens, neben dem Reisen, ist das Schreiben. Bevor Brandt Politiker wurde, war er Journalist. Sein Leben als junger Erwachsener liest sich wie ein Roman, Flucht über die Ostsee aus Nazi-Deutschland, konspirative Reisen durch Europa. Dabei schrieb er immer, für Zeitungen und auch länger, allein während seiner Exilzeit in Norwegen veröffentlichte er vier Bücher.

Schreiben und Reisen, das sind auch die Konstanten von Hubert Fichte. So begegnen sich in Mexiko zufällig zwei Männer, oder ist das gar kein Zufall? Zwei Männer, die über achtzehn Länder sprechen können, die sie beide bereist haben. Zwei Männer, die ohne Vater aufgewachsen sind und die von dieser Erfahrung tief geprägt wurden. Am Sonntag sehen sie sich in der Residenz des mexikanischen Präsidenten wieder. „12.30 Essen mit Brandt und Echeverría“ steht in Hubert Fichtes Kalender. In einem später im NDR ausgestrahlten Feature beschreibt Fichte die Situation so: „Der Präsident von Mexiko ist ein großzügiger Mann. Für ihn sind Künstler und Intellektuelle keine Pintscher und Störenfriede, er unterstützt sie durch Stipendien und lädt sie zu Begegnungen mit ausländischen Staatsmännern ein. Er liest und erwartet grundsätzlich, dass seine Besucher lesen, seien es nun Parteifunktionäre, Industrielle, Journalisten, wie an diesem Sonntag, dem 23. März 1975 in der Residenz von Los Pinos. (. . .) Ich profitiere von dieser latinischen und aztekischen Achtung vor Schriftstellern und werde zwei Tage nach Anfrage um ein Interview zum Essen mit Echeverría und Brandt gebeten, zu Kaktussalat, Malventee, gefülltem Täubchen und Weltpolitik.“

Am nächsten Morgen fliegt Willy Brandt weiter in die Vereinigten Staaten, im Weißen Haus trifft er Präsident Nixon. In der Folge unternimmt er wieder viele weitere Reisen, er wird Vorsitzender der Sozialistischen Internationale und überwindet die Depression über seinen Rücktritt. „Diese Reise war eine Ermutigung für ihn“, sagt Heye. Hubert Fichte und Leonore Mau aber bleiben noch zwei Wochen im Land. Beide arbeiten in Mexiko, Fichte produziert neben dem Interview mit Echeverría ein Trance-Feature und möglicherweise weitere, noch nicht aufgefundene Texte. Von Leonore Mau finden sich viele Fotos, die für ihr Werk stehen, wie mir Nathalie David, Maus letzte Assistentin, erklärt. Die Charta von Präsident Echeverría, die die Weltwirtschaft gerechter machen soll, wird nicht beschlossen, obwohl Willy Brandt sich dafür einsetzt. Hubert Fichte gibt seinem einstündigen Feature für den NDR, das im wesentlichen aus seinem intensiven Gespräch mit Echeverría besteht, den Titel: „Unser Elend bringt den Reichtum der anderen hervor“. Er beendet den Beitrag mit einer Beobachtung des Präsidenten: „Sie sind ein Humanist, der sich dem Journalismus verschrieben hat.“ Fichtes Antwort: „Ich bin Schriftsteller.“

Henning Kober, 38, ist Journalist und Schriftsteller. Sein Roman „Unter diesem Einfluss“ ist bei S. Fischer erschienen. Er lebt und arbeitet in Berlin an einem neuen Roman und reist, so oft er kann. Nach einer Mexiko-Reise im letzten Jahr stieß er auf die Geschichte von Hubert Fichte und Brandt. Recherchiert hat er in Hamburg, Marbach und Bonn.

Im Haus der Kulturen der Welt in Berlin ist noch bis 6. Januar die Ausstellung „Liebe und Ethnologie“ zu sehen, in der Fichtes Schreiben in Brasilien, New York und Senegal im Mittelpunkt steht und seine Wechselwirkung mit Künstlern vor Ort untersucht wird.

Quelle: F.A.S.
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