Monika Maron und S. Fischer

Wir kennen nur noch Rechthaber

Von Judith Hermann
22.10.2020
, 12:38
Susannah V. Vergau
Nach vierzig Jahren trennt sich S. Fischer von seiner Autorin Monika Maron. Ihre Kollegin Judith Hermann über eine Autorin, die ihr und ihrem Verlag fehlen wird.

Monika Maron veröffentlicht einen Essay-Band in der Reihe „Exil“, die über Götz Kubitscheks Antaios-Verlag vertrieben wird. Gegen Kubitscheks Institut liegen Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung vor. Der S. Fischer Verlag – ihr Verlag seit vierzig Jahren – verlangt eine klare Abgrenzung vom Umfeld des Antaios Verlages – ein Wunsch, dem die Autorin nicht folgen will –, er wird sich wegen dieser Veröffentlichung von ihr trennen.

Schon Fakten sind niemals eindeutig, und ihre Genese ist es auf gar keinen Fall. Ich habe politische Ansichten und Vorstellungen, die ich nicht öffentlich machen möchte. Der S.Fischer Verlag ist auch mein Verlag. Ich wurde gefragt, ob ich als Freundin Monika Marons Stellung nehmen könnte – genauer, ob ich etwas zu ihrer Verteidigung schreiben könne, weil ich mit ihr befreundet bin –, eine Anfrage, die für ihren moralischen Druck eine extra Antwort bräuchte.

Keine guten Zeiten für Freundschaft?

Kein Gespräch ohne Dissens – kein anderes Glück als Gespräche unter Freunden. Die Frage der Wahrheit ist seit Kant eine Frage der Moral und damit grundsätzlich entschieden. In dem philosophischen Gedankenexperiment „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ liefert Kant seinen besten Freund einem Amokläufer aus, weil er ihn nur mit einer Lüge retten könnte. Wir kennen nur noch Rechthaber und Leute, die im Unrecht sind, nur noch rechts und links, dazwischen liegt ein wüstes Land. Keine guten Zeiten für Freundschaft? In Wahrheit sehe ich mich hier aufgefordert, die Wahrheit zu sagen und nichts als sie. In den Zeitungen konnte man zur Lage von einer „starrköpfigen Polemikerin“ lesen und von einem Verlag, der sich aufgrund seiner Verlagsgeschichte schwerlich anders entscheiden konnte. Anders gesagt – hier stehen sie, weil sie nicht anders können.

Das ist zwar kein Gespräch unter Freunden mehr, aber auch noch nicht so hoffnungslos wie die Wahrheit, die unter Verfassungsschutz steht. Mir wird Monika Maron als Autorin meines Verlages, als unersetzliche, mutige, kluge, widerständige Stimme mehr als heftig fehlen.

Judith Hermann ist Schriftstellerin. Im Frühjahr 2021 erscheint ihr Roman „Daheim“ bei S. Fischer.

Quelle: F.A.Z.
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